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Die Evolution hat kein Mitleid
Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld
Heilbronn - Aufs Meer rausfahren ohne Navi wie einst Odysseus? "Das Griechische", er mag es nicht. "I tats rausschmeißen". Die Italiener sind ihm lieber. "Die fahren an der Küste entlang", sagt Hubert Unwirsch, das Alter Ego von Bruno Jonas, dem nichts heilig ist.
Moral ist immer die Moral der Herrschenden, lautet die Richtschnur, an der sich Jonas’ Kunstfigur Unwirsch auch im neuen Programm entlang hangelt. "Es geht weiter", so der Titel, erzählt der Spezialist für Spezlwirtschaft − zum Vergnügen seiner 600 Anhänger in der Harmonie Heilbronn.
Scheinbar geläutert und bereit, vor laufender Fernsehkamera über seine dubiosen Geschäfte zu berichten als Experte zum Thema Korruption, ist Hubert Unwirsch in eine Talkshow eingeladen. Dort lassen ihn die Fernsehleute im Studio warten − Zeit, von der Krise Europas zurück in die Antike über die Knabenliebe den Bogen zu schlagen vom Zusammenhang zwischen Religion und Wirtschaft zur Integration, zum Bundespräsidenten und dessen Mätresse. Um schließlich mit einer Kreuzung aus Hegels und Heideggers Existenzphilosophie zu enden.
Diabolisch
Das Dasein kann sein: So weit das Setting dieses Abends, der zum blitzgescheiten Parforceritt wird durch unser bundesrepublikanisches und globales Befinden. Mit zerknautschtem Gesicht, Ironie und Pathos, mal laut, mal leise, gespielter Empörung und diabolischem Augenzwinkern unter den dichten, ergrauten Brauen ist Hubert Unwirsch nicht zu bremsen und Bruno Jonas gut wie lange nicht. Niederbayerisch selbstbewusst, kommt er vom Stöckchen aufs Hölzchen. "Ich denke, also talke ich" widerlegt er Descartes’ aufklärerisches Diktum und führt dabei das europäische Führungspersonal vom französischen Buffo Sarkozy bis zu unserer Bufföse Merkel vor.
Auf der Suche nach einer neuen Identität − Unwirsch befindet sich in einem schwebenden Gerichtsverfahren − gelingen frappierende Welterklärungen. Warum Korruption ursprünglich positiv besetzt war? Damit wir besser miteinander auskommen. Opfer regelten bereits im Alten Testament die Kommunikation.
Jonas schweift ab und zurück, von Karl V. über Flick zu Caesar, dem Ackermann der römischen Republik. Mit der Angst, dass "es" nicht reicht, erklärt er die menschliche Gier und den Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit mit Besitz. "Handle so, dass Du bei allen, die Du schädigst, Anerkennung bekommst", ist Bruno Jonas nichts Menschliches fremd.
Seinen Unwirsch lässt er zwischen zwei Frauen lavieren − Trude und Zwetschge − und dreht dabei Niklas Luhmanns Sinnbildung durch den systemtheoretischen Fleischwolf. Ob elektromagnetisches Brummen, Artenvielfalt, Schöpfungs-Hype oder die Frage, wozu überhaupt der Bundespräsident unser Vertrauen braucht (die Sternsinger kann er auch ohne empfangen): Irgendwie hat alles mit allem zu tun und die Evolution kein Mitleid.
Dass man die Dinge so betrachten muss, dass sie zu einem passen, wird an diesem Abend klar. Denn: Der Trend der Zukunft geht zur Ahnungslosigkeit. Unverfroren bringt Jonas die Türken vor Wien, Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele und Stuttgart 21 unter einen Hut − und all die Schweinereien, die unter dem Deckmantel der Entwicklungspolitik betrieben werden. Wie er dann von Martin Heidegger die Kurve zum Weißbier nimmt, tröstet darüber hinweg, dass auf Dasein Vorbeisein folgt. Begeisterter Applaus.
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