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Das Gemüse muss sterben
Von Andreas Sommer
Heilbronn - Zu sehen gibt es nicht viel. Das ist wenig für Theater. Zu hören gibt es umso mehr. Hundegebell, Zuggestampfe, Vogelgezwitscher, Pferdegetrappel, Feuergeknister, Türgeknarre. Und das Schlürfen von frisch gezapftem Blut. Das ist viel für Theater. "Dracula" als Live-Hörspiel von Regisseur Eike Hannemann und Dramaturgin Birte Werner entpuppt sich als das, was das Haus am Berliner Platz angekündigt hat: Kino für die Ohren.
In den ausverkauften Kammerspielen wurde das ungewöhnliche Format am Freitag nach der Premiere heftig beklatscht. Die Augen blicken auf die beiden Schauspieler Oliver Firit und Till Schmidt. Sie sitzen wie in einem Tonstudio inmitten einer Unmenge von skurrilen und weniger skurrilen Requisiten vor ihrem Mikro und sprechen die Rollen von insgesamt 20 Figuren aus Bram Stokers 1897 erschienenen Vampir-Roman. Umgeben von Wind- und Türknarzmaschine, Donnerblechen Sandsack, Luftpumpe, Obstkisten, Fleischerhaken, Ketten, Blasebalg, Teegedeck, Akkordeon, Harmonium, Knackfolie, Schiffsglocke, Seifenblasen und einer Axt.
Chaotisch Dracula kennt jeder aus dem Kino, den Roman hat kaum jemand gelesen. Wer den Plot nicht parat hat, hat Mühe, dem Geschehen zu folgen. So chaotisch wie das Bühnensammelsurium für das Live-Hörspiel ist der Zusammenschnitt von Briefen, Dialogen, Zeitungsausschnitten und Tagebuchnotizen des Blutsauger-Klassikers. Zuerst denkt man unwillkürlich an Loriots Sketch von der Inhaltsangabe einer britischen TV-Serie, den Evelyn Hamann unvergesslich gemacht hat: "Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham..."
Bei Stoker sind es Jonathan Harker, Dr. John Seward, Qincey P. Morris, Arthur Holmwood, Renfield oder Professor van Helsing, die sich die Klinke in die Hand geben. Hauptsache, Dracula ist zum Leben erwacht in diesem amüsanten Trash-Theaterabend, der durch die Sprechlust der beiden Schauspieler seine Dynamik entwickelt. Schnell kommt der Transsylvanien-Express in Fahrt und schafft es 80 Minuten lang, trotz quietschender Bremsen nicht, aus der Kurve zu fliegen.
Der exzentrische Graf Dracula und Harkers Verlobte Mina Murray sowie Quincey, Irrenarzt Seward und Arthur mit der Teetasse sind mit Till Schmidt gut bei Stimme. Weichei Jonathan Harker, Vamp Lucy Westenrau und den Gelehrten van Helsing synchronisiert Oliver Firit charaktergerecht.
Gruseleffekte Clou des Ganzen ist das Gemüse (vier Möhren, drei Lauchstangen, ein Weiß- und ein Rotkohl − aus artgerechter Haltung, wie es im Programm heißt), mit dem es ein böses Ende nimmt. Akustische Gruseleffekte und aktuelle Spitzen gegen die Unpünktlichkeit der Bahn oder die Stephenie-Meyer-Romane fügen sich zu einem amüsanten Abend, obwohl sich mancher Effekt wiederholt und abnutzt. Der Spaß an der Freud, mit dem Firit und Schmidt ans Werk gehen, überträgt sich aufs Publikum. Am Ende ist Dracula hinüber und Lars Betkos Bühne von Gemüsefetzen übersät. Eine frische, sinnfreie Performance, die ein wenig an die früheren Lessing-/Brecht-Shows erinnert.
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