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Das Ballhaus
Von Claudia Ihlefeld
Heilbronn - Geräuschvoll geht der Lappen hoch, wie Theaterleute den Vorhang nennen. Hinter einem schmucken Tresen scheint ein Kellner kräftig zu kurbeln und gibt den Blick frei auf den Saal, in dem sich Schicksale kreuzen werden, kokette Damen auf verschüchterte treffen, und Machos und schmalbrüstige Provinzintellektuelle um die Gunst der Frauen buhlen.
Noch warten Klavier, Saxofon, Drums, Bass und Gitarre im Hintergrund auf die Musiker. Eine Klofrau wirbelt durch die Gegend und eben jener stoische Kellner, der die Spuren der letzten Nacht wegwischt.
"Wake up in the morning" dröhnt es aus einem Lautsprecher. Das darf man programmatisch verstehen, das Heilbronner Theater startet in die Spielzeit und bringt mit "Das Ballhaus" und fast dem gesamten Ensemble eine ungewöhnliche Produktion ins Große Haus. Ein Abend ganz ohne Worte, ein getanzter Bilderbogen, der die Geschichte und Geschichten eines Jahrhunderts erzählt: vom Ende der Weimarer Republik über die NS-Diktatur, Nachkriegsjahre, Jugendrevolte und Amerikahörigkeit bis zum Fall der Mauer ins Hier und Jetzt.
Mit stehenden Ovationen feiert das Premierenpublikum am Freitag die charmante Inszenierung von Ute Raab − und vor allem das Ensemble, das leichtfüßig auch Schwieriges tanzt und spielerisch mitspüren lässt, so dass Worte überflüssig sind. Die Idee, in einem Tanzsaal die Jahrzehnte Revue passieren lassen aus der Perspektive kleiner Leute, geht auf das Pariser Théâtre du Campagnol zurück. 1983 verfilmt Ettore Scola "Le Bal", Steffen Mensching schließlich schreibt eine Bühnenfassung. Choreographin Ute Raab, die "Das Ballhaus" bereits in Halle/Saale auf die Bühne gebracht hat, erzählt nun die Geschichte als Heilbronner Fassung weiter. Die Grundidee ist geblieben.
Der Mann an sich
Nach und nach schreiten, tänzeln und stürzen sieben Frauen die Showtreppe herunter: Die Grande Dame, die Lebenshungrige, die Entschlossene, die Pragmatische, die höhere Tochter, die große Liebende und die Dame mit Brille − jede Zeit kennt diese Typen, wie sie auch die Männer kennt, die herein stolzieren. Da ist der Mann an sich, der ewige Zweite, das Schlitzohr, der Mann aus dem Mittelstand, der Angestellte, der faszinierende junge Mann, der Bodenständige, ein Eintänzer, ein Junge ohne Argwohn. Und der Mann, der sich jünger fühlt.
Über diese wunderbare Typisierung und die vielen Melodien (musikalische Leitung: Peter Schneider) werden Erinnerungen wach und fließen Bilder, die Raum und Zeit wie im Film verwandeln. Eitle Gigolos, die sich beim Vorübergehen im Glas kontrollieren, Eifersüchteleien, Sehnsüchte: Im Ballhaus menschelt es. Bis die Radiostimme aus dem Off vom Schwarzen Freitag kündet und vom Ende der Weimarer Republik.
Nazischergen mischen sich unter das Ballhauspublikum, reißen die Charleston-Platte vom Grammofon, auf Radikalisierung folgen Gleichschaltung und Säuberungsaktionen. Traurig singt Hans Albers seinen "Johnny", Fliegeralarm ertönt, Schwarz-Weiß-Filmbilder zeigen das zerbombte Heilbronn, erste Kriegsheimkehrer kommen zurück. Nach der Pause sind die Amis da, die Boys und die deutschen Fräuleins, die mit Nonchalance ihre schwangeren Bäuche zu Elvis Presleys "Muss i denn zum Städtele hinaus" wiegen.
In den miefigen 50ern locken erste Italienurlaube, keimen zaghafte Emanzipationsversuche, folgt die Auflehnung der Jungen gegen die Elterngeneration. Jahrzehnte und Musikstile geraten jetzt ein wenig durcheinander. Heinos schwarz-braune Haselnuss muss für Spießertum und die bleiernen Terrorjahre der 70er herhalten, die auf der Bühne nahtlos übergehen in die Anfänge der Grünen und der AKW-Bewegung. Während Ina Deter "Neue Männer braucht das Land" röhrt, torkeln die Damen mit Bierflaschen über die Bühne. Und missverstehen das lustvolle, weibliche Selbstbewusstsein der 80er Jahre gründlich.
Perfekte Show
Hier will die Regie dann doch zu viel und gerät das fein austarierte Theater streckenweise zur Show, die schnell noch Bin Laden, Obama, Weltbörse und die neue Innerlichkeit streift. Diese Show aber ist perfekt inszeniert vor der fantastischen Kulisse (Bühne: Tom Musch) eines Ballhauses, das nach knapp drei Stunden im Zeitraffer zurückführt an den Anfang: eine Liebesgeschichte, ein Märchen. Ein gelungener Spielzeitauftakt.
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