Bewegen müssen wir uns alle

Heilbronn - Junge Choreographinnen beim Tanzfestival in den Kammerspielen

Von Claudia Ihlefeld

Heilbronn - Souverän, jung, kokett und ziemlich begabt. Sun-A Lee ist der Star bei Solo-Wettbewerben in Japan und in Europa. Und beim Festival "Tanz! Heilbronn" im Stadttheater. Dort haben sich in den Kammerspielen drei Nachwuchschoreographinnen vorgestellt mit sehr unterschiedlicher Handschrift.

Mit "Waves", ihrem bisher dritten Solo, das erstmals in Deutschland zu sehen ist, ist das Energiebündel Sun-A Lee Publikumsliebling am Donnerstagabend. In dichten, kurzweiligen 25 Minuten baut die sympathische Koreanerin eine Atmosphäre auf, die den Raum komplett durchspannt. Tänzerin und Choreographin in einem, schließt sie mit einer Selbstverständlichkeit die sichtbaren Energiewellen in ihrem Körper und die spürbaren Klangwellen der Musik kurz.

Flatterhände

"Wenn die Musik beginnt, beschleunigt sich mein Herzschlag. Ich fühle, wie das Blut in den Adern pulsiert, und es kommt mir vor wie Wellen, die in meinem Herzen tanzen und durch den Körper nach außen übertragen werden", hat Sun-A Lee einmal gesagt, die mit ihrer Mähne, ihren Gliedmaßen, Fingern, Händen und Füßen, den Zehen und jedem einzelnen Brustwirbel spielt wie auf einer Klaviatur. Mit einer heiteren Poesie verknotet sich diese filigrane Person auf dem Boden und im Stehen.

Sun-A Lees virtuos flatternde Hände durchschneiden die Luft, wie einen Schnabel klappt sie die Füße auf und zu, durchfluten kleine Wellen ihre Oberschenkel. Als müsse Sun-A Lee nur auf ein Knöpfchen drücken, um ihre Muskeln in Schwingungen zu versetzen.

"Modes of locomotion" nennt die Italienerin Raffaella Galdi, die in Berlin lebt, ihre 30-minütige Performance aus Tanz und Text, aus Klangkomposition und Schweigen.

Eine englisch sprachige Stimme aus dem Bühnen-Off sinniert über Ursprung und Richtung der Bewegung. Und darüber, dass wir uns zwangsläufig bewegen müssen. Zunächst geht, läuft, verharrt Galdi alleine im Lichtkegel der Kammerspiele. Dann kommt mit Elisabeth Stockinger eine zweite Tänzerin dazu, um sich vorsichtig fragend und allmählich gemeinsam mit Galdi in den Raum hineinzutasten.

Selbstausbeutung

Urban Reflects heißt die vierköpfige Company von Choreographin Doro Eitel aus Freiburg. Und das, was die zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer der akrobatisch beeindruckenden Truppe reflektieren, hat einiges mit uns und unserem Alltag zu tun. Ohne gleich in kopflastigem Schwermut zu versinken. Warum sich Menschen so ausbeuten, dass ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit dabei leiden, das vertanzen sie auf emotionale, rhythmische und wirkungsvolle Art und Weise, dass es paradoxerweise eine Freude ist, ihrer Selbstausbeutung zuzusehen: Wenn sie mit einem Augenzwinkern vorführen, wozu trainierte Körper fähig sind.

"Unrestricted Exploitation" nennt Eitel dieses Crossover aus Kampfkunst und Slow-Motion zu den Kompositionen von Farang und Micki Sung. Ein so waghalsiger wie geistreicher Kommentar zu einem Phänomen, das die Gesellschaft zwar bedauert, aber tagtäglich fordert.