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„Das ist ein ernsthafter Abend“
Von Claudia Ihlefeld
Stuttgart - Elvis, der freundliche Rebell und Traumschwiegersohn, der politisch nie in Erscheinung trat - er lebt. Behauptet Harald Schmidt und tritt mit einem schrillen Liederabend den Beweis an.
Vor 30 Jahren, Deutschland steht unter Schock, genau eine Woche nach der Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer und am Tag seiner Beerdigung in Stuttgart Sillenbuch, hat im Kleinen Haus des Staatstheaters ein „Elvis Presley Memorial“ Premiere. Ein Liederabend, der den King of Rock’n’Roll, der wenige Wochen zuvor tot in seinem Badezimmer aufgefunden wurde, zu neuem Leben erweckt - und den ein 20-jähriger Schauspielschüler aus Nürtingen damals sage und schreibe 13 Mal besucht.
Stuttgart im Herbst 2007: Im Schauspielhaus wirft ein zuletzt eher glückloser TV-Entertainer einen Blick auf ein Kapitel bundesrepublikanischer Geschichte, ein bunter Kosmos aus Kalauern, Anekdoten aus der Stuttgarter Theaterszene, Liedern, die die Welt beweg(t)en, Seitenhieben auf das Establishment der alten und der neuen Republik: Mit der Uraufführung von „Elvis lebt - Und Schmidt kann es beweisen“ hat die Auseinandersetzung um die RAF im Rahmen des Projekts „Endstation Stammheim“ am Stuttgarter Theater einen eigenwilligen Höhepunkt erreicht.
Harald Schmidt und Elvis Presley, Andreas Baader und Adolf Hitler, Ulrike Meinhof und Andrea Nahles, Iphigenie auf Tauris und Wolf Biermann - alles hängt zusammen und doch nicht.
Mit maximaler Selbstgefälligkeit und im Tempo eines Teilchenbeschleunigers lässt Schmidt Parallelwelten aufblitzen. „Das ist ein ernsthafter, politischer Abend“, ermahnt er grinsend das begeistert johlende Publikum. Elvis-Fans, Schmidt-Fans und ein etabliertes Theater-Publikum - so zusammengewürfelt wie der Liederabend mit Mitgliedern des Stuttgarter Ensembles und einer vierköpfigen Band. Schmidt tritt kaum vor den glitzernden Lamettavorhang („Ohne Agenda 2010 hätten wir gar nicht genügend Leute, die vor der Vorstellung das ganze Lametta bügeln“) und begrüßt zu diesem von der „Peter-Jürgen-Boock-Stiftung unterstützen Abend“ - schon lachen die Fans vor Freude. Das muss man mögen. Oder 90 Minuten aushalten.
„A little history lesson“ mit Ströbele, Mahler und Schily, eine musikalische Revue mit „Love me tender“, „Jailhouse Rock“, mit „All you need is love“, Teddy Adorno, Büchners „Danton“, mit dem Polizisten aus Kluges und Schlöndorffs Film „Deutschland im Herbst“, mit Wolfgang Schäubles Vorschlägen zur aktuellen Terrorismusbekämpfung und „Muss i denn, muss i denn“ zum Mitklatschen. Vieles ist vordergründig, anderes banal, manches dann doch hübsch anarchisch und anspielungsreich: vom ätzenden Claus Peymann-Zitat bis zu den jüngsten Ergüssen von Regiekollege Peter Stein.
Selten wird es hintersinnig böse. Wenn nicht Hitler („Fotzen, Fotzen, Fotzen“) gestikulierend wie Helge Schneider in „Mein Führer“ als Pflegestufe-III-Patient Besuch von Andi (Baader) bekommt, der ihm auf Anraten Stefan Austs aus „Moby Dick“ vorliest. Bis Elvis als rettender Engel die Flügel über die beiden ausbreitet, die auf unterschiedliche Weise zwei deutsche Traumata verkörpern. Ein unerschrockener Beitrag zum Deutschen Herbst 2007, während die Republik den Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und RAF debattiert. Unerschrocken wie Schmidts Fazit: „Bei der RAF war vieles schlecht, aber sie wollte nie den Stuttgarter Bahnhof unter die Erde bringen.
„Elvis lebt“ wird während der ganzen Spielzeit 2007/08 aufgeführt.
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