Tangotänzer mit Adlerblick

Von Leonore Welzin

Tangotänzer mit Adlerblick
„Mit der Hölle im Nacken kriegst du die Leute schön verbogen“: Hagen Rether seziert im Bürgerzentrum das globale Ganze.Foto: Leonore Welzin

Brackenheim - Nein, als Joghurt schlabbernder Zeitgenosse erscheint Hagen Rether im fünften Jahr seines mit Aktualitäten angereicherten Dauerbrenners „Liebe“ nicht mehr auf die Bühne. Baseballschläger und Bio-Banane sind jetzt die Insignien der Macht des Humoristen, der wie kein anderer Kabarettpreise abräumt. Statt der Machtsymbole kommen die Argusaugen eines Gesellschaftsanalytikers zum Einsatz, der das globale Ganze mit Rasierklingenschärfe seziert. Nach drei Stunden Pointen-Gewitter erklatschen sich über 300 Zuschauer im Bürgerzentrum eine Zugabe.

Perfekte Angstmache Rethers Haupteinsatzgebiete sind die Politik, die Medien und die Kirche: „Die haben 2000 Jahre Zeit bekommen, um etwas aus ihrer Botschaft zu machen, da werden wohl 20 Minuten für eine Gegendarstellung drin sein?“ Rether entlarvt den Kampf der Kulturen als einen Kampf der Religionen, deren Stellvertreter auf Erden als Doppel- und Trippelagenten die Angstmache perfektioniert haben, frei nach dem Motto: „Mit der Hölle im Nacken kriegst du die Leute schön verbogen“.

Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe, damit wäre alles gesagt. Statt dessen viel Brimborium und, eine Fundgrube für den Analytiker, Widersprüche, wie der vom Hirten, der sich hinter Panzerglas verschanzt, durch die Schafherde fährt und Gottvertrauen predigt. Was macht der, wenn der Wolf kommt? Überhaupt sei Gott eher etwas für den intellektuellen Diskurs, gemütlich bei einem Glas Rotwein am Kamin plaudern, wie Sloterdijk und Safranski.

„Gott interessiert das übrigens überhaupt nicht, der hat Humor. Er hat Meerschweinchen geschaffen.“ Rethers Wendungen überraschen. Selbst jene, denen er etwas zu viel auf den Lieblingen aller Kabarettisten, wie Papst, Meissner, Stoiber und Merkel herum drischt, gestehen, dass er unglaublich gescheit sei und überzeugend argumentiere. Beispielsweise Bin Laden, „die Amis werden einen Teufel tun, um den umzulegen, denn ist der nicht ein idealer Blankoscheck jedweder Außenpolitik“?

Brandheiße Themen Haare zum Pferdeschwanz gekämmt, grauer Anzug, elegante Treter, trägt er mit dem Appeal eines Tangotänzers brandheiße Themen supercool vor. Lässig lehnt er im Chefsessel, kommentiert den Medienzirkus, der uns die Zeit stiehlt mit Irrelevantem à la „in Discotheken ist die Luft schlecht“. Und medialen Zuspitzungen wie „Papst kauft Viagra-Fabrik“. Und den wir lieben, weil er uns immer wieder eine kleine Gänsehaut verschafft.

„Was reg ich mich auf?“, fragt er sich, schwenkt auf dem teuren Ledersessel zum Klavier und spielt ein bekanntes Schlafliedchen. Während er ganz nebenbei unsere Da-kannst-du-nix-machen-Menthalität geißelt. Oder? Schließlich werden Kirchen immer leerer und, Rether sei dank, Kabarettveranstaltungen beliebter.


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