Mit der Sprache des Herzens

Heilbronn  Die Erwartung ist übertroffen: Für den Wiener Kammerchor gab es bei der 984. Stunde der Kirchenmusik in der Kilianskirche Applaus im Stehen.

Von Monika Köhler

Mit der Sprache des Herzens

Der Wiener Kammerchor begeisterte in der Heilbronner Kilianskirche mit ästhetischem, berührendem Chorgesang.

Foto: Monika Köhler

 

"Erwartung" hat der Wiener Kammerchor unter dem Dirigat seines künstlerischen Leiters Michael Grohotolsky sein Konzert in der nahezu vollen Kilianskirche getauft. Und nicht nur für die Adventszeit ist der Titel dieser 984. Stunde der Kirchenmusik passend. Denn wäre den Zuhörern zuvor schon klar gewesen, welch besonderes musikalisches Erlebnis ihnen geboten wird, wäre die Vorfreude sicher groß gewesen.

Präzise, konzentriert und dennoch entspannt

Der 1947 gegründete Klangkörper überzeugt bei der Interpretation neuerer Chormusik ebenso wie beim besonderen Arrangement bekannter Klassiker mit stimmlicher Präzision und hoher Disziplin, konzentriert und dennoch entspannt. Homophon setzt James MacMillans modernes "O Radiant Dawn" ein, malt hell leuchtend ein Bild des aufgehenden Morgens, zu dem zarte Frauenstimmen die Verse Jesajas singen.

Ebenso ergreifend gelingt "Ich bin die Wurzel des Geschlechtes David" von Johann Schein aus dem 17. Jahrhundert: eine beschwörend vorgetragene Auslegung des Textes aus der Offenbarung des Johannes mit tragenden Männer- und darüber schwebenden Frauenstimmen, die ein Stimmen und Gemüter beruhigendes "Amen" beschließt.

Voller, bewegender Klang erfüllt die Kirche

Die nur 26 Vortragenden folgen den prägnanten Anweisung Grohotolskys mit ständigem Blickkontakt und erfüllen die Kirche mit vollem, bewegendem Klang. Beeindruckend sind auch die mehrfachen Soloeinsätze. Etwa bei zwei vielseitigen Kompositionen des Norwegers Ola Gjeilo, die mit wechselnden Tonarten und sich vom feinen Pendeln zu machtvollen Glockenschlägen weitenden Lautmalereien ruhige gegen kraftvolle Passagen tauschen und mit der Sprache des Herzens Wärme ins kalte Winterbild bringen.

Das der Neuen Musik verwandte "Christmas Carol" des Finnen Einojuhani Rautawaara nimmt mit beschwörenden Halbtonschritten in Moll gefangen. Die getrennte Aufstellung von Männern und Frauen fördert den Stereo-Effekt. Stets wachsam lockt der frühere Wiener-Sängerknabe Grohotolsky Höchstleistungen bei den Gästen auch bei bekannteren Werken hervor.

Beim Applaus erheben sich die Zuhörer von ihren Plätzen

Das auf Latein und Englisch gesungene "In dulci Jubilo" schmeichelt mit seinem federnden Wiegegesang und dekorativen Verzierungen, während beim still bittenden und die Heilige Nacht vorausahnenden "Es kommt ein Schiff geladen" die zuvor schon aufgefallene reinste Artikulation besonders gefällt.

Spannungsvoll auch "Maria durch ein Dornwald ging" und das selbst arrangierte "Es blühn drei Rosen", mit immerwährendem Ostinato der Männer, über das sich das "Kyrie eleison" der Frauen legt, mit sich auflösenden Dissonanzen im ästhetischen Mariengesang. Dem begeistert erzählenden Fugato in "O Heiland, reiß die Himmel auf" folgt in der Zugabe ein noch nie so gehörtes "Es ist ein Ros" entsprungen". Applaus im Stehen.