"Muss ich denen jetzt Tantiemen zahlen?"

Interview  Wenn das Jahr zu Ende geht, ist Urban Priols Rückblick "Tilt" fester Bestandteil des Fernsehprogramms. Am 14. Dezember schlägt der 55-jährige Kabarettist mit der Stromschlag-Frisur in der Heilbronner Harmonie auf. Im Interview verrät er, was ihn 2016 bewegt hat.

Von unserem Redaktionsmitglied Torsten Büchele

 

 

Herr Priol, haben Sie eigentlich den gleichen Friseur wie Donald Trump?

Urban Priol: Um Gottes Willen. So tief kann ich gar nicht sinken, mir so eine tote blonde Katze aufs Haupt zu schrauben. Genauso wie Boris Johnson und der holländische rechte Sack, Geert Wilders. Nein, mit Sicherheit nicht.

 

2015 war schon irrsinnig. Ist 2016 noch verrückter?

"Muss ich denen jetzt Tantiemen zahlen?"

Priol: Auf jeden Fall. Dass international so viel Unvorhersehbares passiert. Alles ist anders gekommen, als es die Demoskopen gesagt haben. Bislang sagte ich immer: Nächstes Jahr wird bestimmt genauso bescheuert. Das sage ich jetzt nicht mehr. Es wird nämlich immer verrückter.

 

Sind Erdogan, Trump und der Brexit leichter zu karikieren als letztes Jahr die Flüchtlinge und der IS?

Priol: Ja, in der Tat. Das hätte ich nicht für möglich gehalten, dass die Politik die Arbeit mancher Satiriker übernimmt. Ich hab mich schon gefragt: Muss ich denen jetzt Tantiemen zahlen? Das macht die Arbeit so viel spannender, intensiver.

 

Verbittert ein Kabarettist nicht bei all dem Leid in der Welt?

Priol: Verbittert sein wäre ganz schlimm. Aber es stimmt schon, es ist viel los. Ein Auseinanderdriften der Gesellschaft ist seit Jahren festzustellen. Wo waren die Abendspaziergänger, als die Löhne nicht gestiegen sind, als es Strafzinsen gab? Und die Kanzlerin macht Deals mit übelsten Diktatoren. Die christlichen Parteien sollten mal überlegen, ob sie das C aus dem Namen nicht streichen.

 

Wie bleiben Sie täglich topaktuell?

Priol: Habe ich abends eine Vorstellung, sind sechs Stunden Arbeit davor. Das beginnt mit dem Morgenmagazin, das bringt das Adrenalin bereits in Wallung. Dann besorge ich mir vier bis fünf Tageszeitungen zum Querlesen von "FAZ" bis "Bild".

 

Auch die Heilbronner Stimme?

Priol: Wenn ich nach Heilbronn komme, selbstverständlich. In jedem Ort kaufe ich mir eine lokale Zeitung. Dazu das Internet, dann verdichtet sich das. Jeden Tag, das ist ein Perpetuum Mobile.

 

Sie imitieren gerne. Welcher Prominente liegt Ihnen besonders?

Priol: Winfried Kretschmann hat dieses Jahr so viel Schönes über die Kanzlerin gesagt. Er spielt eine tragende Rolle im Jahresrückblick.

 

Am 14. Dezember treten Sie in Heilbronn auf. Wie bereiten Sie sich vor?

Priol: Überall versuche ich, so früh wie möglich da zu sein, Luft zu schnuppern, Eindrücke zu sammeln und Leute anzusprechen.

 

Man kann Sie also am Nachmittag in der Fußgängerzone treffen?

Priol: Ja, das passiert oft.

 

Wagen wir einen Ausblick auf 2017. Im kommenden Jahr ist Bundestagswahl. Sind Sie dankbar, dass Angela Merkel nochmal antritt?

Priol: Nein, ich bin nicht dankbar. Ich habe sie letztes Jahr auch nur kurz gelobt, als sie bei den Flüchtlingen einmal Herz gezeigt hat − wo sie sich das auch immer besorgt hat. Es braucht nicht noch eine Große Koalition, sonst haben wir bald österreichische Verhältnisse. Es ist höchste Zeit, dass mal gelüftet wird.

 

Und die SPD? Liegt Ihnen eher Sigmar Gabriel oder Martin Schulz?

Priol: Das mit der SPD ist eh ein Trauerspiel. Und wer sagt, dass ich Martin Schulz imitieren muss? Vielleicht macht er ja was ganz Vernünftiges und kann mit dem europäischen Gedanken punkten. Ich würde Schulz vorziehen.

 

Auftritt in Heilbronn

Urban Priol gastiert am Mittwoch, 14. Dezember, 20 Uhr, in der Heilbronner Harmonie. Beim Kauf von zwei Karten in einer der Geschäftsstellen unserer Zeitung gibt es eine DVD gratis dazu.