Im Tal der Verzweiflung

Stuttgart - Gefeierte Premiere von Strauss' "Ariadne auf Naxos" in der Staatsoper

Von unserem Redakteur Uwe Grosser

Im Tal der Verzweiflung

Harlekin (André Morsch, rechts) und Zerbinetta (Ana Durlovski, Mitte) versuchen Ariadne (Christiane Iven) aufzumuntern.

Foto: A.T. Schaefer

Stuttgart - Das fängt ja schon mal gut an: nicht mit dem Vorspiel, sondern mit der Oper selbst. Die Erben des Komponisten Richard Strauss haben es ausdrücklich erlaubt, weshalb das Vorspiel der "Ariadne auf Naxos" in der Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito zum Endspiel wird, wie das Regieteam es formuliert. Ein kluger Schachzug, denn der Effekt, die Oper als Theater auf dem Theater zu begreifen, ist weg. Der Blick auf die "Ariadne" wird ein offenerer. Bei Wieler/Morabito ist es ein Blick in die Düsternis der Einsamkeit. Ihr Vexierspiel um Trauer und Illusion wurde vom Premierenpublikum begeistert gefeiert, zumal auch die musikalische Seite − mit kleinen Abstrichen − überzeugt.

Todesbote

Da sitzt sie im Sessel, zugedeckt von ihrem schwarzen Mantel, und leidet. Die verlassene Ariadne trauert um ihre zerbrochene Beziehung zu Theseus und wünscht sich nur noch den Tod, doch der Todesbote Hermes lässt sich nicht blicken. Düster ist die Umgebung, die Anna Viebrock (Ausstattung) dem Foyer des im Krieg zerstörten Kleinen Hauses des Staatstheaters nachempfunden hat. Dort wurde die "Ariadne" vor 100 Jahren uraufgeführt.

Das Verlorensein ist in dieser Vorhölle der Normalzustand und die Verzweiflung bei Wieler/Morabito gar eine doppelte, denn Zerbinettas Aufmunterungsversuch "Großmächtige Prinzessin" stürzt beide noch tiefer in die Krise. Sie und ihre schrille Gauklertruppe scheitern an der Macht der Depression. Ariadne ist nicht mehr zu helfen. Oder doch?

Der Bacchus, den die Regie hier als Erlöser auf die Bühne schickt, ist ein lustiger Gnom in einer lila Toga, der so traurig-tapsig durch die Gegen watschelt, dass man ihn fest in die Arme schließen möchte. Auch Ariadne kann dem Charme dieses Burschen, den sie für Hermes hält, nicht widerstehen.

Buhrufe

Stimmlich ist Erin Caves als Bacchus ohne Tadel, fein umgarnt sein Tenor die arme Ariadne. Die allerdings kann nicht immer überzeugen. Vor allem in den Höhen überdreht Christiane Iven mitunter. Die vereinzelten Buhrufe hat sie dennoch nicht verdient.

Verdient ist dagegen der Bravojubel für Ana Durlovski als Zerbinetta. Sie erweist sich wieder einmal als sichere Meisterin der Koloraturen und singt sich in einen ungeheueren Erregungszustand. Mit ihrer Gaukllertruppe, darunter der bestens auflegte André Morsch als Harlekin, rockt sie das Haus, nur nicht die verzweifelte Ariadne. Da hilft auch das wildeste Zwitschern nicht.

Aus dem höher gelegten Orchestergraben, der nur mit 36 Musikern besetzt ist, tönt es mit Wucht herauf. Dirigent Michael Schønwandt weiß um die richtig dosierte Dynamik, die in Strauss" Komposition steckt. Bestechend sind vor allem die Bläser. Auch im Endspiel ist das Staatsorchester ein eleganter Begleiter.

Das Vorspiel, das sich mit der Finanzierung des Theaters beschäftigt, zum Endspiel zu machen, ist pfiffig, schließlich ist das Libretto von Hugo von Hofmannsthal durchaus als aktuelle Frage an die öffentliche Hand, an Mäzene und Sponsoren zu verstehen: Wie viel Theater wollt ihr (euch leisten)? Wobei einem in Stuttgart mit Blick auf die Sanierung des benachbarten Schauspielhauses schon angst und bange werden kann ums Geld. Das Opernhaus ist auch bald dran.

Nächste Vorstellungen

24. und 28. Mai., 9., 12. und 15. Juni. Karten 0711 202090.