Der Dichter, die Stasi und warum er wohl doch nicht schwul war

Heilbronn - Wir schreiben das Jahr 1996. D-Mark heißt unsere Währung, das K3 steht noch nicht, i-Phone und Facebook sind in weiter Ferne. Da erscheint Nummer eins der "Heilbronner Kleist-Blätter", knapp 60 Seiten stark, ausgehend von der Kleist-Bibliografie mit ein wenig Aufsatz-Fleisch drumherum.

Von unserem Redakteur Andreas Sommer

Der Dichter, die Stasi und warum er wohl doch nicht schwul war
Szenen aus Lutz R. Ketschers "Penthesilea"-Comic.

Heilbronn - Wir schreiben das Jahr 1996. D-Mark heißt unsere Währung, das K3 steht noch nicht, i-Phone und Facebook sind in weiter Ferne. Da erscheint Nummer eins der "Heilbronner Kleist-Blätter", knapp 60 Seiten stark, ausgehend von der Kleist-Bibliografie mit ein wenig Aufsatz-Fleisch drumherum.

16 Jahre später: Die jetzt erschienene 23. Ausgabe der "Kleist-Blätter", herausgegeben vom Heilbronner Kleist-Archiv Sembdner, ist 287 Seiten stark und überrascht mit neuen Forschungsergebnissen zur Wirkungsgeschichte des Dichters. "Die Blätter sind unser Blick in die Welt", sagt Herausgeber Günther Emig. Für den Leiter des Heilbronner Kleist-Archivs Sembdner ist klar, dass die spannende Kleist-Forschung derzeit nicht an den Universitäten passiert, sondern von Interessierten mit Detailwissen geleistet wird und der Fähigkeit, mit Quellen umzugehen. Wie Barbara Wilk-Mincu, Bibliothekarin an der Berliner Staatsbibliothek.

Überschätzter Brief In einem Aufsatz räumt Wilk-Mincu mit der angeblichen und auch in der neuesten Forschung immer wieder behaupteten Homosexualität Heinrich von Kleists auf. Ausgangspunkt dieser Behauptung ist der Brief Kleists vom 7. Januar 1805 an seinen Freund Ernst von Pfuel. Darin beschreibt Kleist seine Gefühle, die er beim Anblick des anmutigen Körpers seines in den Thuner See steigenden Freundes empfand. Der Brief, so die Autorin, kann auch als Ausdruck eines übersteigerten Freundschaftskults gelesen werden, wie man ihn bei Zeitgenossen häufig antrifft. "Er bekommt eine Bedeutung zugemessen", sagt Emig, "die ihm nie zustand". Das alte Problem bei Kleist: Die Quellenlage ist extrem dürftig, vieles bleibt Spekulation.

Nervöse DDR Ein Stasi-Bericht über die West-Berliner Kleist-Schau 1977 wirft im Band Schlaglichter auf die Nervosität der DDR-Führung nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Die DDR ließ von Kleists Werk nur den "Kohlhaas" und den "Zerbrochnen Krug" gelten.

Weitere Themen der anregenden Ausgabe: eine Analyse von Hugo Aust zu Lutz R. Ketschers "Penthesilea"-Comic oder Kleists Novelle "Die Verlobung in St. Domingo" als eine der frühesten chinesischen Übersetzungen deutscher Literatur. Darüberhinaus finden sich kleinere Beiträge wie ein Hinweis auf eine Bearbeitung des "Käthchen von Heilbronn" durch Kotzebue, eine bisher unbekannte "Käthchen"-Oper und Bernd Brinkmanns Beitrag zu den Obduktionsprotokollen von Kleist und Henriette Vogel.

287 Seiten, davon 28 Farbseiten, 20 Euro. Erhältlich beim Kleist-Archiv Sembdner Heilbronn, K3 oder über www.kleist.org

Der Dichter, die Stasi und warum er wohl doch nicht schwul war
Titelbild der "Kleist-Blätter" Nummer 23 von Miriam Sachs.Fotos: privat