200 Jahre „Käthchen von Heilbronn“


 
 
 Bildergalerie: Käthchen - Stadtrepräsentantinnen
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Datum : 06.03.2010 10:15
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Weitere Infos unter www.das-käthchen-von-heilbronn.de
Inszenierungen und Aktionen rund um das „Käthchen“ unter www.theater-heilbronn.de





Küsse und Bisse

Von Claudia Ihlefeld

Küsse und Bisse
"Küsse, Bisse. Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen": Susanne Wolf als Penthesilea in Salzburg 2005.Foto: dpa 
Heilbronn - Der Dichter und die Frauen? In seinen Dramen und Novellen schafft Heinrich von Kleist ungewöhnliche Schicksale. Der Sieg Penthesileas über Achill, Käthchens Feuerprobe oder die tödliche Mission Lisbeths im "Kohlhaas" sind markante Beispiele.

Kleists Frauenbild ist so widersprüchlich wie der Dichter zerrissen ist. Und erschöpft sich nicht in der unterwürfigen Gefolgschaft des "Käthchen von Heilbronn", das sich ihrem Grafen Wetter vom Strahl vom Fenster herab zu Boden wirft, um ihm auf Gedeih und Verderb zu folgen. Kleists Heldinnen weisen individuelle Charaktermerkmale auf, sind keine Stereotypen, vielmehr komplexe, zerrissene Frauen.

Was auffällt, ist die körperliche Gewalt, die ihnen oft widerfährt, etwa dem "Bettelweib von Locarno", das "unter Stöhnen und Ächzen niedersank und verschied". Oder Donna Josephe in "Das Erdbeben von Chile", die wegen ihrer ungewollten Schwangerschaft zum Tode verurteilt wird, der Vollstreckung entkommt, sich dann aber für das Kind opfert und getötet wird. In der Erzählung "Der Findling" schließlich wird der Adoptivsohn von Elvire von einem "satanischen Plan" getrieben, verkleidet sich und versetzt seiner Mutter einen derartigen Schock, dass die an den Folgen stirbt.

Von Furien gehetzt

Kleists Frauenfiguren sprengen die Rollenvorstellung um 1800. Mit Frauen wie der Marquise von O. aus der gleichnamigen Novelle oder der Amazonenkönigin Penthesilea hat Kleist literarische Figuren geschaffen, die zeigen, wie das Weibliche zum Programm des Mannes wird: Von Furien gehetzt war Kleists Leben (1777 - 1811) bis zu seinem Freitod. Gemeinsam mit der todkranken Henriette Vogel erschießt sich der 34-Jährige am Wannsee. Als Kleist elf Jahre alt ist, verliert er den Vater, fünf Jahre später die Mutter, von seinen sieben Geschwistern ist Ulrike die Lieblingsschwester, eine Frau, die gern Männerkleider trägt.

Viel wird über Kleists Verhältnis zu Frauen spekuliert, seine geplatzte Verlobung, die wohl platonische Beziehung zu Rahel Varnhagen. Und über eine Reise nach Würzburg, bei der er sich gegen Impotenz behandelt haben lassen soll.

Dass der sensible Mann und Anhänger von Rousseaus Naturphilosophie im schweizerischen Thun Bauer werden will, die Einfachheit liebt, rastlos nach Weimar zurückkehrt, Selbstmordpläne hegt und in Dresden 1807 mit dem "Käthchen" beginnt − anscheinend aus unerwiderter Liebe zur Tochter des Freiheitsdichters Theodor Körner − sind Bausteine, die letztlich wenig über sein Verhältnis zu Frauen aussagen. Sicher hatte Kleist Berührungsängste, ein Zerrissener, der Traumwahrheiten mehr traute als den vermeintlichen Wahrheiten.

Das verlorene Paradies hat er in vielen Gestalten gesucht. Besonders deutlich wird Kleists widersprüchliches Frauenbild im Drama "Penthesilea" und in der Novelle "Die Marquise von O." Hier Penthesilea, kämpferisch, aktiv, durch ihre geistige und körperliche Stärke als Führungsperson innerhalb ihrer Gesellschaft anerkannt. Dort die Marquise, naiv, besonnen, schüchtern. Auch die Wandlung der beiden verläuft gegensätzlich: Während Penthesilea die Liebe entdeckt und emotional reagiert, entwickelt sich die Marquise zu einer rational denkenden Frau. Am Ende begibt sie sich wieder in eine Abhängigkeit zugunsten der Familie, während sich Penthesilea durch den Mord an Achill erneut unweiblich verhält.

Zwar ist der Amazonenmythos nicht Kleists Erfindung, doch verleiht Kleist durch die Verschränkung von Gewalt und Eros dem antiken Stoff eine moderne Dimension. "Küsse, Bisse. Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen." Mit einer Hundemeute fällt Penthesilea über den Geliebten und zerfleischt ihn: ein tödliches Versehen − ein großer Theatermoment.


31.03.2010


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