Spaziergang um die Heilbronner Synagoge

Heilbronn - Der Mosbacher 3D-Grafiker Bernd Pfoh hat die 1938 von den Nazis zerstörte Heilbronner Synagoge nach den Plänen des Architekten Adolf Wolff rekonstruiert. Jetzt lädt er im Internet zu einem virtuellen Spaziergang rund um die Synagoge von 1877 ein.

Von Gertrud Schubert

Heilbronn - Wie klein muss sich gefühlt haben, wer vor der 30 Meter hohen Synagoge mit ihren mächtigen Kuppeln stand. Zum ersten Mal nach 72 Jahren lässt sich dieses Gefühl vielleicht annähernd nachvollziehen. Der Mosbacher 3D-Grafiker Bernd Pfoh (54) hat das seinerzeit weithin berühmte, orientalisch anmutende jüdische Gotteshaus nach den Plänen des Architekten Adolf Wolff rekonstruiert. Jetzt lädt er im Internet zu einem virtuellen Spaziergang rund um die Synagoge von 1877 ein.

Am frühen Morgen des 10. November 1938 wurde das imposante Gebäude an der Heilbronner Allee ein Raub der Flammen. Nationalsozialisten hatten das Feuer gelegt, Schaulustige und Anwohner verfolgten das Geschehen. Noch bis März 1940 mahnten unübersehbar die verkohlten Reste an die böse Tat.

Es gibt Fotos von der Synagoge. Als Israel 1988 am 50. Jahrestag der Reichspogromnacht gedachte, prangte die Heilbronner Synagoge auf einer Sonderbriefmarke. Sie gilt noch immer als besonders gelungenes Bauwerk in maurisch orientalisierendem Stil.

 

Synagoge

Virtuelle 3D-Rekonstruktion der Synagoge von Heilbronn (1877-1938). Montage: Pfoh

Rund ums Gebäude

Adolf Wolffs Baupläne entdeckte Bernd Pfoh, der aus Erlenbach stammt und am Heilbronner Technischen Gymnasium Abitur gemacht hat, auf Wikipedia. Einen Großteil seiner Freizeit setzte der Grafiker in diesem Sommer daran, Stein auf Stein Fassaden und Säulen, die achtteiligen Fensterrosetten, die alles überragenden Kupferkuppeln virtuell wieder aufzubauen. So wie sich die Kundschaft der Wasserbauingenieure nach den 3D-Bildern von Pfoh unterirdische Zisternen räumlich vorstellen kann, so soll sich ein jeder ein bewegtes und bewegendes Bild davon machen, welch großen Verlust Heilbronn 1938 erlitten hat.

Einzige Voraussetzung: Der virtuelle Spaziergänger muss sich im Worldwideweb ein wenig auskennen. Dann nimmt er mit Bernd Pfoh von der Allee aus die fünf Stufen zum Hauptportal, wandelt unter den Säulen der Vorhalle, geht erhobenen Hauptes oder fliegt wie ein Vogel um das Gebäude, vorbei an Rundbogenfenstern und Seitenportalen. Sogar ein profanes Klohäuschen hat Pfoh auf dem von einem Metallzaun umfriedeten Gelände errichtet. Es stand halt da.

Gedenken

"Wider das Vergessen" versammeln sich Heilbronner Bürger am Dienstag, 9. November, um 19.15 Uhr am Synagogen-Gedenkstein an der Allee. Es spricht Volkshochschulleiter Peter Hawighorst, eine Klezmer-Formation der Städtischen Musikschule Heilbronn musiziert bei der Gedenkfeier.

In der ehemaligen Synagoge Affaltrach beginnt die Feier am Dienstag, 19.30 Uhr. Staatsanwalt i.R. Dr. Joachim Riedel referiert über "65 Jahre Strafverfolgung der NS-Verbrechen in Deutschland: insgesamt gelungen oder gescheitert?" Musikstudenten spielen Max Bruch.