Rosenkrieg: Frau tickt vor Gericht völlig aus
Von unserem Redakteur Helmut Buchholz
37-jährige Muss - Wer Gerichtsshows im Privatfernsehen für völlig unrealistisch hält, war gestern Nachmittag nicht von 14 bis 17 Uhr im Saal 59 des Heilbronner Amtsgerichts. Die dreistündige Gerichtsverhandlung stand mehrfach auf der Kippe, weil die wegen Misshandlung ihres Sohnes Angeklagte ausrastete, ja sogar mitten in der Vernehmung schreiend und weinend aufsprang. Mit den Worten "Dann werft mich halt ins Gefängnis" stand die 37-Jährige schon auf dem Gerichtsflur. Erst ihre Verteidigerin konnte sie mit Engelszungen wieder in den Saal lotsen.
Rage Mehrfach schrie die Frau, die in einer Landkreiskommune lebt, die Richterin an, äffte sie sogar nach − unter Tränen, oft unterstützt von der Mutter der Angeklagten, die in den Zuhörerreihen saß. Was die 37-Jährige derart in Rage brachte, waren nicht nur die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Das Nervenkostüm war wohl schon durch den jahrelangen Rosenkrieg mit ihrem mittlerweile geschiedenen Ehemann ziemlich angegriffen. Der frühere Gatte hatte sie wegen Misshandlung eines der beiden gemeinsamen Kinder angezeigt. In der Anklageschrift stand, dass sie den heute 15-jährigen Sohn zwischen 2007 und 2009 aus einer "gefühllosen Gesinnung heraus" mehrfach geschlagen haben soll. Mit einem Kochlöffel, einem Gürtel, einem Schuhlöffel und der Faust.
"Ich habe meine Kinder nicht misshandelt", schrie die Mutter in ihrer Vernehmung. Geschlagen? Sie antwortete mit einem Nicken. "Mein Sohn konnte einen ganz schön auf die Palme bringen." Aber sie liebe ihre Kinder und sei eine "liebe Mama", auch wenn vor Gericht ein anderer Eindruck entstehen könnte. Doch die Kinder haben beim Jugendamt und der Polizei versichert, dass sie von der Mutter geschlagen wurden, "wenn sie schlechte Laune hatte". Sie haben auch gesagt, dass sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter haben wollen. Seit zwei Jahren herrscht Funkstille. Das sei der wahre Grund für den hysterischen Auftritt: "Was würden Sie tun, wenn Ihnen die Kinder weggenommen werden?", fragte die Angeklagte die Richterin.
Hysterie Hinter den ganzen Vorwürfen stecke ihr früherer Mann, erklärte die Mutter. "Der lügt schon, wenn er Guten Morgen sagt." Auch der frühere Gatte musste im Zeugenstand aussagen. Wieder drohte die Situation zu eskalieren... Und das alles ohne einen einzigen Justizwachtmeister im Saal 59.
"Was tun?", fragte schließlich die Richterin etwas entnervt und ratlos. Vier Frauen waren sich einig, dem Sohn eine Aussage vor Gericht zu ersparen: Staatsanwältin, Richterin, Verteidigerin und wohl auch die Angeklagte. Und da ohne den Jugendlichen nicht zu klären war, was tatsächlich passiert ist, einigten sich die Verfahrensbeteiligten, den Vorwurf der Misshandlung fallen zu lassen und nur die Schläge mit dem Kochlöffel zu verurteilen: 900 Euro Geldstrafe wegen Körperverletzung. Die Richterin gab der 37-Jährigen allerdings noch einen Rat: "Gehen Sie zu einem Psychologen." Mit der aufbrausenden Art "schaden Sie sich selbst und Ihren Kindern".
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