Noch mehr Opfer von Internet-Abzocke

Region - Der mutmaßliche Internetbetrüger aus Schwaigern hat offenbar noch mehr Kunden geprellt als bislang öffentlich bekannt. Nach Stimme-Recherchen betrieb er unter weiteren Domains falsche Onlineshops – und lieferte per Vorkasse bestellte Ware nicht an seine Kunden aus.

Von unserem Redakteur Adrian Hoffmann

Noch mehr Opfer von Internet-Abzocke
Ein polizeiliches Siegel sichert mittlerweile die Tür zu den Büroräumen in Nordheim, von wo aus unter anderem die falschen Onlineshops betrieben worden sein sollen.

Schwaigern/Nordheim - Der mutmaßliche Internetbetrüger aus Schwaigern hat offenbar noch mehr Kunden geprellt als bislang öffentlich bekannt. Nach Stimme-Recherchen betrieb er unter weiteren Domains falsche Onlineshops − und lieferte per Vorkasse bestellte Elektronikware nicht an seine Kunden aus. Der 27-jährige M. fungierte dabei als Inhaber einer Firma unter dem Namen "Hot Chili Days GmbH", er hatte Büroräume in Nordheim angemietet.

Die Heilbronner Staatsanwaltschaft bestätigte auf Anfrage der Heilbronner Stimme, dass Anzeigen gegen weitere Firmen erstattet worden sind. "Die polizeilichen Ermittlungen dauern noch an", sagt Harald Lustig, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft, im Hinblick auf die Zahl der Geschädigten und die Schadenssumme. Der Tatverdächtige scheint zudem nicht allein agiert zu haben. Es gebe weitere Tatverdächtige, sagt Lustig. Details wollte die Staatsanwaltschaft aber keine nennen.

Der Sitz der "Hot Chili Days GmbH" wurde laut Handelsregistereintrag erst kürzlich von Nordheim nach Dresden verlegt, wo Mitte August eine Neueintragung erfolgte − unter einem neuen Geschäftsführer. M. selbst soll demnach als Geschäftsführer ausgeschieden sein.

Falscher Ausweis

Vor wenigen Monaten hatte die Heilbronner Polizei Fotos von Überwachungskameras aus Bank-Vorräumen veröffentlicht, mit denen sie nach dem mutmaßlichen Betrüger suchte. Damals wurde nur vermutet, dass er sich in der Region Heilbronn aufhält. Der Italiener hatte hier mit einem gefälschten italienischen Ausweis Bankkonten eröffnet. Diese falsche Identität hatte er auch im Impressum eines seiner Shops angegeben, weshalb eine namensgleiche Familie im Schwarzwald vor gehörigen Problemen stand und noch immer steht. Geprellte Kunden schicken wütende Briefe.

 

Noch mehr Opfer von Internet-Abzocke
"Hot Chili Days GmbH" nannte sich die Firma mit Sitz in Nordheim.
Nach dem Wissen der Ermittler gab es bereits im Frühjahr mindestens 600 Betrugsopfer, der Schaden belief sich auf mindestens 120 000 Euro. Sowohl die Zahl der Geschädigten als auch die Schadenssumme dürften sich nun noch erhöhen. Während die Kripo veranlassen konnte, dass erste Domains von falschen Shops bereits im Frühjahr vom Netz genommen wurden, wurde mindestens eine weitere fragwürdige Internetseite noch bis in den August hinein betrieben. Das belegen aufgeregte Kundenbewertungen auf dem Internetportal Verbraucherschutz.de.

Die Räume in Nordheim hatte M. nach Angaben des Vermieters rund ein halbes Jahr lang bezogen. Was dort gelaufen sei, habe er nicht geahnt, sagt der Vermieter. Die Miete für das Untergeschoss in einem Bürogebäude sei pünktlich bezahlt worden. Nachbarn sagen, es sei nur selten jemand dort gewesen. Durch die Fenster ist zu sehen, dass sich Briefe auf dem Betonboden stapeln. Die Tür ist mit einem Siegel der Landespolizeidirektion gesichert.

Sportwagen

Kurios: Der mutmaßliche Internetbetrüger war auch mit dem Verleih von Ferraris aktiv. Auch auf diesem Geschäftsfeld gibt es erste unzufriedene Kunden. Sie hatten Gutscheine zur Fahrt erworben, die sie jetzt in logischer Konsequenz nicht mehr nutzen können. "300 Euro, einfach mal weg", schreibt ein verärgerter Kunde im Internet. Einer der Luxus-Sportwagen war zuletzt noch in den Räumen in Nordheim geparkt, wie der Vermieter schildert. Das Verleihgeschäft mit den Ferraris schien zeitweise gut zu laufen, berichtet jemand, der M. die Genehmigung erteilte, ein Anwesen in der Region als Startpunkt für die Fahrten zu nutzen.

Der 27-jährige M. wurde erst kürzlich von der Kriminalpolizei ermittelt. Er befindet sich nicht in Untersuchungshaft − nach Angaben der Staatsanwaltschaft liegen keine Haftgründe vor. M. selbst wollte gegenüber der Heilbronner Stimme bislang keine Auskunft geben. Er kündigte an, eventuell auf schriftlich gestellte Fragen zu antworten, hatte dies bis zuletzt aber nicht getan.


Geprellte Kunden machen ihrem Ärger Luft

Noch im August sind etliche Menschen auf die falschen Onlineshops, die lange von einem mutmaßlichen Betrügers aus Schwaigern betrieben wurden, hereingefallen. Auf Verbraucherschutzseiten im Internet machen sie ihrem Ärger Luft und suchen Rat – ihr Geld zurück bekommen sie dadurch nicht.

Thomas Engel aus Solingen ist einer der Geschädigten. Er hatte spezielles Computerzubehör bestellt zu einem Preis von 660 Euro – im Vergleich 100 Euro billiger als alles andere, das er fand. „Ich dachte, das ist ein Kampfpreis des Anbieters“, sagt er heute. Beim Bezahlen habe es dann geheißen, der Bezahlvorgang über PayPal kostet zwei Prozent mehr, eine direkte Überweisung nicht. „Das wollte ich mir auch noch sparen“, so Engel – ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.

Als die Ware nicht geliefert wurde, rief er die angegebene Hotline der „Hot Chili Days GmbH“ an. Es habe sich tatsächlich jemand gemeldet und ihn auf ein paar Tage später vertröstet. Die Ware kam wieder nicht, Thomas Engel griff erneut zum Hörer – ab diesem Zeitpunkt aber war niemand mehr über die Telefonnummer zu erreichen. Endlosschleife. Engel erstattet Anzeige bei der Polizei.

Michael Otto aus Fürth ging es ganz ähnlich. Er bestellte Mitte August eine Festplatte im angeblichen Onlineshop, nachdem er das Produkt über einen Google-Preisvergleich gefunden habe. 140 Euro zahlte er, die bis jetzt spurlos verschwunden sind. Die mehr als 600 Geschädigten, die bereits im Frühjahr Opfer des mutmaßlichen Betrüger wurden, wiederum über andere Internetdomains – ebenfalls angemeldet unter einer falschen Identität – warten genauso bis heute.

Sie könnten Glück haben und ihren Verlust bald wieder gutgeschrieben bekommen. Denn auf den Bankkonten, die M. wie die Domains unter der falschen Identität eröffnet hatte, fanden die Ermittler der Kriminalpolizei noch 80.000 Euro vor. Von einer Gesamtschadenssumme von mehr als 120.000 Euro. Dieses übrige Geld wurde eingefroren. Pech nur: Zu diesem Zeitpunkt, im Frühjahr, war M. noch nicht als mutmaßlicher Betrüger ermittelt – weshalb niemand von den übrigen Onlineshops wissen konnte, denen noch im August so viele unbedarfte Kunden zum Opfer fielen.

Am Schlimmsten getroffen hat es aber noch immer eine Familie aus dem Schwarzwald, deren Identität bei den Machenschaften missbraucht wurde. Mittlerweile ruft sie in einer Betrugsopfer-Gruppe in Facebook dazu auf, keine weitere Mahnbescheide an ihre Adresse, sondern an die wahre Postadresse des von der Polizei ermittelten mutmaßlichen Täters zu richten. Nur so können die Geschädigten einen Titel erwirken.