Aurich: "Ich kann die Aufregung nicht verstehen"

Heilbronn - Spielhallenpläne im Heilbronner Südviertel rufen Anlieger auf den Plan. Sie kritisieren den möglichen Investor und den Grundstücksbesitzer Thomas Aurich. Mit dem Gastronomen und Heilbronner Stadtrat sprach Iris Baars-Werner.


Thomas Aurich
Thomas Aurich

Heilbronn  - Spielhallenpläne im Heilbronner Südviertel rufen Anlieger auf den Plan. Sie kritisieren den möglichen Investor und den Grundstücksbesitzer Thomas Aurich. Mit dem Gastronomen und Heilbronner Stadtrat sprach Iris Baars-Werner.

Gegen das Vorhaben eines Hotelneubaus mit vier Spielhallen laufen die Anlieger Sturm. SPD und Grüne wollen den gültigen Bebauungsplan kippen. Verstehen Sie die Aufregung?

Thomas Aurich: Nein, weil da immer eine Spielhalle drin war. Ich selbst hätte gern einen anderen Weg beschritten. 2002 begann das Grundstück mich finanziell zu belasten. Damals wurden Renovierungen notwendig. Ich hatte alles probiert: Handel, Studentenwohnheim, Büros, Hotel. Nach sieben Jahren Versuch, das Grundstück zu verkaufen, musste ich 2009 umdenken.


Und dann kam ein Investor und sagte: Es könnte sich rechnen, wenn ich Spielhallen baue?

Aurich: Es war immer klar, dass wir vier Stockwerke bauen müssen wegen der besonderen städtebaulichen Lage. Alle Interessenten sagten mir, das rechnet sich nicht. Es zeigte sich, dass Spielhallen ein Weg sind, das Hotel zu finanzieren.


Und dann wurde der Bebauungsplan geändert?

Aurich: Die Zusage, Spielhalle und Hotel bauen zu dürfen, habe ich mündlich vom Stadtplanungsamt seit 2002, schriftlich seit März 2011.


Haben Sie das Grundstück verkauft?

Aurich: Ja, es gibt einen Kaufvertrag. Der hat aber die Bedingung, dass der Investor Mietverträge mit Nutzern schließen kann.


Bis wann kann er vom Kaufvertrag zurücktreten?

Aurich: Bis 31. Dezember 2011. Ich war dankbar, dass ich den Investor gefunden habe, zumal in Heilbronn Hotels fehlen. Es verletzt mich sehr tief, dass nun vermutet wird, da entstünde ein Stundenhotel. Wenn jemand diesen Vorwurf nicht verdient hat, dann die Etap-Gruppe. Das ist vermutlich die größte Ein-Sterne-Gruppe der Welt, ein seriöses Unternehmen, zu denen Ibis und Mercure gehören.


Spielhallen
Um dieses Grundstück an der Kreuzung Süd-/Ecke Urbanstraße geht es. Ein sechsgeschossiges Gebäude ist geplant. Neben einem Hotel sollen auf zwei Etagen vier Spielhallen einziehen.
Die Spielhallen waren im Gemeinderat kein Thema.

Aurich: Der Gemeinderat hat über eine reine Hotellösung gesprochen. Aber den Bebauungsplan kann jeder lesen und sehen, was er erlaubt. Mit der Verwaltung waren Spielhallen sehr wohl ein Thema. Das war immer eine Verknüpfung: Wenn wir vier Stockwerke bauen müssen, dann sind zur Finanzierung auch Spielhallen erlaubt.


Sie sind als Stadtrat dem Gemeinwohl verpflichtet. Als Geschäftsmann sind Sie legitimerweise auch am eigenen Fortkommen interessiert. Wie gehen Sie mit dem Konflikt um?

Aurich: Ich habe keinen Konflikt. Ich bin wie jeder andere Bürger brav aufs Baurechtsamt gegangen. Wenn ich sieben Jahre lang versuche ein Hotel zu verwirklichen und dann zum Schluss die für mich letzte mögliche Option ziehe, ein Hotel zum Preis der Spielhallen: Also, ich kann die Aufregung nicht verstehen.


Gibt es eine moralische Verpflichtung als Stadtrat, diesen Weg nicht zu gehen?

Aurich: Zunächst darf ich der Presse den Ball zurückspielen: Wenn man keine Skandale hat, dann macht man sich welche. Das bringt Leser und Aufmerksamkeit. Ich gehe Probleme wissenschaftlich an und besorge mir als erstes Fakten. Es gibt 1,6 Millionen Alkoholsüchtige, 40.000 Tote. Es ist mir nicht bekannt, dass deswegen Weinbau oder Einzelhandel in der Kritik stünden. Dann gibt es 3,8 Millionen Nikotinsüchtige, 140.000 Tote. Bei den Spielhallen gibt es Zahlen von 104.000 bis 290.000 Süchtigen, keine Toten. Da muss ich als Gastwirt sagen: Ich bin der Letzte, der einen Stein werfen darf.


Wollen Sie damit sagen, dass es gar keine Aufregung der Bürger im Südviertel gibt, sondern dass wir als Zeitung sie gemacht haben?

Aurich: Zunächst kam ein Artikel über die Spielsucht. Es wäre schön gewesen, wenn da die Vergleichszahlen zu anderen Süchten genannt worden wären. Dann kam ein erster Artikel über das Projekt, dann ein weiterer. Das Thema war gut aufgestellt, von Presseseite sehr professionell gemacht. Die Bürger waren sehr gut sensibilisiert.


Manche Kritiker sagen, Sie benutzten Ihr Mandat und verschafften sich Vorteile?

Aurich: Erzählt wird sehr viel. Je weiter das Land, desto größer die Lügen, sagen die Iraker. Ich habe als Stadtrat viele Anträge gestellt. Einer war, dass auf dem Baurechtsamt Gespräche mit Bürgern zu dokumentieren und von beiden Seiten zu unterschreiben sind. Da wäre bei mir drin gestanden: Herr Aurich war am 20. November 2002 bei Herrn Weber, Gegenstand Urbanstraße 35. Und dass die Forderung nach vier Stockwerken mir weh getan hat. Deshalb bin ich zu seinem Vorgesetzten gegangen. Ich war bei keinem Dezernenten. Bürgermeister Hajek war damals überhaupt noch nicht da. Der Deal war: Es müssen vier Stockwerke gebaut werden, dafür gibt es die Ausweisung im Bebauungsplan als Kerngebiet.


Mit der Erlaubnis für Spielhallen.

Aurich: Ja.


Zu einem anderen Thema. Sie sind Eigentümer der Neckarlust.

Aurich: Mieter. Eigentümer ist die Cluss-Wulle-AG Stuttgart.


Sie haben das Lokal weitervermietet. Die Neckarlust war bei uns in den Schlagzeilen, weil ein Veranstalter mit notdürftig retuschierten Pornofotos für eine Party warb. Wir haben Sie damals in die moralische Mitverantwortung genommen. Warum haben Sie sich dagegen gewehrt?

Aurich: Wenn man als Medium eine Monopolstellung hat in einer Stadt...


Einspruch, es gibt auch andere Medien hier.

Aurich: ... dann kann ich eine korrekte Berichterstattung erwarten. Wenn ich der Redakteurin erst noch juristisches Grundwissen der einfachsten Art beibringen muss, was ein Mieter und was ein Vermieter zu sagen hat, dann ist es schwierig.


Wir sagen dreierlei: Eigentum verpflichtet, Sie sind eine Person des öffentlichen Lebens, und: Sie sind Vertreter einer konservativen Partei mit entsprechendem Wertekodex.

Aurich: Es steht mir zu, die Verantwortung anzunehmen, obwohl ich sie nicht habe. Aber es steht keinem Dritten zu, sie mir zuzuschieben. Ich habe noch an dem Tag, als ich von der Sache Kenntnis erlangt habe, den Mieter angerufen und gebeten, dass der Mietvertrag geändert wird. Er hätte es nicht tun müssen, denn wir haben einen existierenden Vertrag. Ich fand die Werbung nicht gut, deshalb haben wir es getan.


Mit einigen Themen war oder ist Ihr Name verknüpft: Gastromeile, Lichterfest, Hagenbucher-Biergarten, Klubsofa, Students Tour, Stiftungsprofessur. Was ist Ehrenamt, was ist Ihre Profession als Gastronom?

Aurich: Sehr schwierige Frage. Alles, was mit der Hochschule zu tun hat, ist Ehrenamt. Meine Gastronomiebetriebe sind mein Brotberuf. Es gab Zeiten, da habe ich alle eineinhalb Jahre eine neue Kneipe gegründet. Und es gibt Grenzfälle: Wir haben eine Firma, die Gastrotreuhand. Die hat das Ziel, Existenzgründer in die Gastronomie zu bringen. Eigentlich war die Firma ein Hobby, weil wir das ganze Geld, das wir im Hagenbucher erwirtschafteten, ins Lichterfest steckten. Die Gastrotreuhand ist eine Kapitalgesellschaft. Irgendwann wird man hoffentlich was daran verdienen.


Es kamen schon viele Denkanstöße von Ihnen. Nun soll Heilbronn Studentenstadt werden. Was fehlt?

Aurich: In dieser Innenstadt werden sich in einigen Jahren 2800 Studenten bewegen. Man muss etwas dafür tun, dass sie Botschafter dieser Stadt werden. Das funktioniert nur, wenn es auch Rabatte gibt für Studenten − nicht nur in Gaststätten, Kinos, im Hallenbad und mehr.


Was brauchen Studenten?

Aurich: Es muss eine Vernetzung geben. Ich würde mir einen Workshop wünschen, wo man Studenten und Heilbronner einlädt und Ideen sammelt, was macht Sinn, was ist bezahlbar.


Sie sagen auch: Hier fehlen Hotels.

Aurich: Audi kann Tausende Lehrgangsteilnehmer nicht hierher bringen, weil Übernachtungsmöglichkeiten fehlen. Zwei Drittel der Intersport-Besucher übernachten außerhalb Heilbronns. Für die Buga haben wir einen Weltklassestandort, aber keine Hotels. Normal sind Auslastungszahlen von 60, höchstens 70 Prozent. In Heilbronn haben wir Auslastungen, die auf 90 Prozent zugehen. Wir brauchen noch zwei Ein- oder Zwei-Sterne-Hotels. Und wir brauchen ein Fünf-Sterne-Hotel; da müssen wir zurzeit auf Friedrichsruhe verweisen. Wir brauchen ein Hotel an der Harmonie.


Hotels fehlen, doch kein Investor kommt. Das verstehe ich nicht.

Aurich: Ich habe jetzt gerade mal eine einzige Bank gefunden, die sich eine Hotelfinanzierung vorstellen kann. Wir müssen selber nach Investoren in unserer Region suchen. Und der OB muss mit den Banken reden. Das ist eine Art Wirtschaftsförderung. Wenn die SLK-Kliniken ein Symposium machen, dann bedeutet das: die Teilnehmer übernachten hier, fahren Taxi, kaufen Geschenke für zu Hause. Und wir bekommen ein ganz anderes Stadtbild. Zählen Sie doch mal die Krawattenträger in der Stadt, die sind bei uns unterrepräsentiert. Investoren, die überlegen, nach Heilbronn zu gehen, setzen sich in ein Straßencafé und stellen fest: Das ist nicht mein Publikum.


Die Harmonie ist keine Tagungsstätte mit den richtigen Raumgrößen.

Aurich: Stimmt. Die Harmonie ist eigentlich eine Kaninchenzüchterhalle für viel Geld. Es fehlen die unterteilbaren Tagungsräume. Die muss alle das Hotel schaffen und dann muss es von der Harmonie trockenen Fußes zu erreichen sein. Wenn das Chefsache ist und man regional auf die Suche nach Kapitalgebern geht, wird das etwas.


Noch haben Sie mich nicht überzeugt.

Aurich: Alleinstellungsfaktoren bringen uns Gäste nach Heilbronn. Ein Sporthotel beispielsweise. Oder: Ich wollte immer gern ein Rizzi-Hotel machen. Außen und innen Rizzi-Design, davon habe ich geträumt. Das wäre mir natürlich viel lieber gewesen als das Spielhallenthema. Doch ich kann lange im Bett liegen und träumen: Wenn ich den Finanzier dafür nicht habe, dann bleibt"s bei Träumen.


Zur Person: Thomas Aurich

Der gebürtige Karlsruher, 55, Gastronom und Betriebswirt, lebt seit 1979 in Heilbronn, wo er studierte. Seit 1999 ist er CDU-Stadtrat. Der zweifache Vater ist IHK-Sachverständiger für Gastronomie und Familienfreundlichkeit. Seine Lokale waren bzw. sind unter anderem Altstadt, Uncle Sam, Bukowski und Food Court, verpachtet hat er Hip Island und Neckarlust. Die „Kinderstadt Heilbronn“ war seine Initiative. Der passionierte Radfahrer nennt Kochen und Taekwondo als Hobbys.