Alexandra Freifrau von Berlichingen wird heute 70

Jagsthausen - Furchtbar. Oder zumindest merkwürdig." Alexandra Freifrau von Berlichingen macht keinen Hehl daraus, dass sie sich über diesen runden Geburtstag nicht bedingungslos freut.

Von Christian Gleichauf

Freifrau
Jagsthausen - Furchtbar. Oder zumindest merkwürdig." Alexandra Freifrau von Berlichingen macht keinen Hehl daraus, dass sie sich über diesen runden Geburtstag nicht bedingungslos freut. "Eigentlich ist es ja albern, aber die Sechs war mir sympathischer." Von ihrem Ehemann bekommt sie in diesem Punkt kein Mitleid. "Sei froh, dass wir uns nicht nach dem Mondkalender der Moslems richten, dann wärst du wahrscheinlich schon über 80", neckt Roman Herzog die Frau, die er vor knapp zehn Jahren geheiratet hat. "Ja, danke", antwortet die Baronin kurz. Sie kennt die spitzbübischen Attacken des ehemaligen Bundespräsidenten offensichtlich schon zu gut.

Was sie sich wünscht zu ihrem 70., ist schnell aufgezählt. "Dass wir gesund bleiben. Dass die Burgfestspiele weitergehen." Nach einer kurzen Pause sagt sie dann: "Wir lieben Rom." Dort würde sie gerne mal ein Vierteljahr leben. Der Gatte kommentiert die Aussage mit trockenem Humor: "Dieser Wunsch ist eigentlich Ausdruck vollständiger Resignation." Das ursprüngliche Vorhaben sei gewesen, ein ganzes Jahr dort zu verbringen.

Ihre Ansprüche hat die unternehmungslustige Adlige damit vielleicht heruntergeschraubt. Doch die Sehnsüchte, die in der Jugend geweckt wurden, sind geblieben. "Ich wäre als junge Frau so gerne für einige Zeit mit meinem Mann ins Ausland gegangen." Doch Götz von Berlichingen war damals nicht nur ambitionierter Soldat, sondern auch einer Burg im nördlichen Landkreis Heilbronn verpflichtet. Statt also als Attaché ins Ausland zu wechseln und Karriere zu machen, verbrachte der Baron die Wochenenden mit seiner Frau in Jagsthausen.

Schlossdeutsch

Der Ort ist für die Baronin zum Zuhause geworden. Doch die ersten Besuche waren für die junge Alexandra aus Hamburg ein Kulturschock. Allein der Dialekt stellte sie vor größere Probleme. "Einmal hätte ich meinem Mann etwas von einem Handwerker ausrichten sollen." Doch kein Wort habe sie verstanden. Der Schreiner erklärte es ihrem Mann also selbst und bemerkte spitz: "Dabei hab ich mit d'r Frau Baron doch scho Schlossdeutsch g'schwätzt."

Begeistert war die junge Frau von Anfang an von den Burgfestspielen. Diese Liebe zum Theater habe sie aus Hamburg mitgebracht, wo sie schon mit 13 regelmäßig mit den Großeltern ins Schauspielhaus gegangen war. In Jagsthausen hatte der Schwiegervater 1949 das Freilichttheater mitbegründet, um das Gebiet zu beleben, Touristen anzulocken. "Oh, er würde sich so freuen, wenn er wüsste, dass es das Theater noch immer gibt."

Bodenständig

Anfangs drehte sich allerdings nicht allzu viel um das Theater. Die Adlige war in erster Linie Mutter von zwei Kindern. Ihren Beruf hatte sie dafür sofort aufgegeben. "Ich wollte sie selbst großziehen." In ihrer eigenen Kindheit habe sie die Kinderschwester zeitweise lieber gehabt als ihre Mutter. "Das wollte ich anders machen. Meine Kinder sollten bodenständig aufwachsen." Bis heute führt sie auch den Haushalt in dem weitläufigen Südflügel der Burg großteils allein. Nur zweimal die Woche nehme sie dafür Hilfe in Anspruch.

Das Theater, für das Alexandra von Berlichingen heute lebt, kam später, dafür mit großer Wucht. Nach mehreren Versetzungen und Umzügen waren ihr Mann und sie 1986 ins sieben Kilometer entfernte Schloss Rossach gezogen. Götz von Berlichingen wurde Kommandeur des Verteidigungskreiskommandos in Heilbronn. Bereits 1977 hatte er die Leitung der Burgfestspiele übernommen, ein Jahr später war dann ein gewisser Roman Herzog, Kultusminister von Baden-Württemberg, erstmals zu Gast in Jagsthausen. Es war der Beginn einer engen Freundschaft der zwei Familien.

Als dieser Freund und auch als Vorsitzender des Fördervereins der Burgfestspiele stand Herzog der Baronin 1994 bei, als ihr Mann überraschend an einem Herzinfarkt starb. Heute erinnern sich die zwei an eine turbulente Zeit: Albert Feinauer, lange Jahre Bürgermeister von Jagsthausen und noch immer Geschäftsführer der Burgfestspiele, war kurz zuvor schwer erkrankt und kaum noch ansprechbar. Sein Nachfolger Roland Halter führte kommissarisch die Geschäfte. Zudem wollte Herzog als Bundespräsident den Vorsitz bei den Freunden der Burgfestspiele abgeben. Wer sollte jetzt Verantwortung übernehmen?

Herzog telefonierte und organisierte, bevor er sich auf den Weg nach Jagsthausen machte. "Eine Stunde vor der Beerdigung hat er mit mir und meinem Sohn das Thema gesprochen." Alexandra von Berlichingen sollte die Leitung der Festspiele übernehmen. Sie willigte ein. ",The show must go on", hat mein Mann immer gesagt." Es sei kein Opfer gewesen, eher selbstverständlich. "Aber natürlich musste ich auch noch gewählt werden."

Zweifler

Es stand die schwierigste Zeit bevor. "Einige haben mehr oder weniger unverhohlen gesagt: "So eine zarte, kleine Frau wird die Burgfestspiele doch an die Wand fahren." Umso engagierter habe sie sich auf Sponsorensuche gemacht. "Mein Mann und davor sein Onkel, die konnten das ja gar nicht so konsequent verfolgen, die hatten ja ihre Arbeit." Sie habe sich mit vollem Elan darauf konzentrieren können. Und auch Roman Herzog trug seinen Teil dazu bei, gewann Reinhold Würth, den Vorsitz des Fördervereins zu übernehmen. "Das waren dann die Jahre des Erfolgs", sagt der Altbundespräsident heute. In der Saison 2004 wurden 80 000 Karten verkauft. Damit hatte sie sich die Anerkennung auch bei den anfänglichen Kritikern verdient.

Und dann war da noch die Hochzeit: 2001, ein Jahr nach dem Tod von Herzogs Frau Christiane, löste das Ja-Wort großes Echo in der Regenbogenpresse aus. "Ich hätte das ja nie gedacht, dass ich noch einmal heirate", sagt Alexandra von Berlichingen heute. "Ich wäre Wetten eingegangen." Umso größer sei nun das Glück. "Das war keine Vernunftehe." Dann schaut sie hinüber und meint: "Sag du doch mal was." Statt einer weiteren Salve geistvoller Frotzelei bekommt die Baronin von ihrem Mann diesmal eine einfache Bestätigung: "Das ist eine echte Liebesbeziehung", bekennt der 76-Jährige. Der große Blumenverschenker sei er zwar noch immer nicht, aber immerhin habe er einen Schmuckfimmel.

Viel Zeit verbringt das Paar gemeinsam. Auf Reisen geht es in der Regel zu zweit, gern nutzt sie seine Kontakte, um Sponsoren für die Burgfestspiele zu gewinnen. Zu Hause haben sie das Backgammon-Spiel entdeckt. "Da entspanne ich mich auch während der Burgfestspiele, wenn es hier praktisch keine Privatsphäre mehr gibt", erzählt die Baronin. Etwas verschämt fügt sie an: "Wir spielen um Geld. Alles in einen Topf." Diesmal lässt sich Roman Herzog die Vorlage nicht entgehen: "So bekomme ich wenigstens einen Teil meines monatlichen Haushaltsgeldes wieder zurück."

Feier

Über ihren 70. Geburtstag an diesem Samstag sagt die Baronin: "Am liebsten würde ich gar nicht feiern. Aber mein Mann hat darauf bestanden." Also wird gefeiert, in Salzburg, "unserem zweiten Heim", mit Kindern, allen neun Enkelkindern und den engsten Freunden.

Zur Person: Alexandra von Berlichingen

Geboren wurde die heutige Baronin von Berlichingen am 12. Februar 1941 als Alexandra von Vultejus im mecklenburgischen Ludwigslust. Der Vater war dort im Reiterregiment stationiert. Nach der Flucht 1945 wuchs sie in Hamburg sowie im Internat auf, verbrachte ein Jahr auf einem College in London, ein weiteres in Mexiko. Als Dolmetscherin für Englisch und Spanisch arbeitete sie zwei Jahre lang im kolumbianischen Generalkonsulat in Hamburg – „dann kam mein Mann dazwischen“, wie sie erzählt. Götz von Berlichingen hatte damals schon eine Karriere in der Bundeswehr begonnen. Der Heirat im Jahr 1964 folgten Stationen in Koblenz, Westerburg, München, Heidelberg und Ansbach. Die Kinder Diana (geboren 1965) und Götz (1967) stammen aus dieser Ehe. 1994 starb Götz von Berlichingen an einem Herzinfarkt. Alexandra übernahm daraufhin die Leitung der Burgfestspiele. 2001 heiratete sie den Altbundespräsidenten Roman Herzog.