Stade könnte GKN Reststrom abtreten

Von Peter Reinhardt

Stade könnte GKN Reststrom abtreten
Der Reaktor in Stade wurde schon im Jahr 2003 stillgelegt, nun könnte er die Rettung bedeuten, indem nicht verbrauchte Reststrommengen übertragen werden.Foto: dpa 

Stuttgart/Neckarwestheim - Für die beiden vom Abschalten bedrohten Kernkraftwerke Biblis A und Neckarwestheim I zeichnet sich eine überraschende Überlebensperspektive ab. Aus dem 2003 stillgelegten Reaktor Stade könnte eine nicht verbrauchte Reststrommenge auf die beiden Anlagen übertragen werden. Weil Biblis A und Neckarwestheim I (GKN) jünger sind, ginge dies sogar ohne Genehmigung der Politik. "Nach meinem Kenntnisstand gibt es diese Überlegung", bestätigte Baden-Württembergs Umweltministerin Tanja Gönner (CDU).

Zu spät?

Die von der schwarz-gelben Koalition in Berlin zugesagte Laufzeitverlängerung für die 17 noch produzierenden Kernkraftwerke könnte für Biblis A und Neckarwestheim I, aktuell die beiden ältesten Reaktoren, zu spät kommen. Experten gehen davon aus, dass GKN I seine vom Atomgesetz eingeräumte Reststrommenge im April oder Mai des laufenden Jahres produziert hat und dann eigentlich vom Netz muss. Die Bundesregierung rechnet aber nicht vor Oktober mit Ergebnissen ihrer Verhandlungen zur Laufzeitverlängerung.

Zur Überbrückung könnten die Energie Baden-Württemberg (EnBW) als GKN-Betreiberin und die RWE für Biblis A ganz formlos ein Schlupfloch im Atomgesetz nutzen und die verbliebene Reststrommenge von Stade nutzen. Die Behörden wären aus dem Spiel, weil sie nur einer Übertragung von jüngeren auf ältere Kernkraftwerke zustimmen müssen. Mehrere Anläufe dazu hat das Berliner Umweltministerium unter dem SPD-Mann Sigmar Gabriel abgeschmettert. Stade ging sowohl vor Biblis A als auch vor Neckarwestheim I ans Netz. Formal gibt es also kein Problem. Und die noch zur Verfügung stehenden 4,8 Terrawattstunden würden zur Überbrückung bis zu einer umfassenden Regelung der Laufzeit reichen. Von Januar bis Oktober 2009 hat GKN I bei gedrosseltem Betrieb 3,7 Terrawattstunden Strom ins Netz eingespeist. Das Problem: Der Reaktor an der Elbe gehört dem Konkurrenten Eon. Bei der EnBW in Karlsruhe hält man sich bedeckt. "Wir führen insgesamt Gespräche rund ums Thema Laufzeitverlängerung", bleibt die Sprecherin im Allgemeinen. Zum konkreten Sachstand gebe es keine Aussage.

Kompromisstest

Der Grünen-Abgeordnete Franz Untersteller ist überzeugt, "dass es genau so kommen wird". Bei einem Treffen im Berliner Kanzleramt wurden die vier Energieversorger dazu verdonnert, die Einzelheiten des Transfers untereinander zu regeln. CDU-Ministerin Gönner vermutet, dass ihr Berliner Kollege Norbert Röttgen nebenbei die Kompromissfähigkeit der Konzerne testen will.

Beim Verwaltungsgerichtshof ist noch eine Klage der EnBW gegen das Bundesumweltministerium anhängig. Dabei geht es um den negativen Bescheid der damals von Gabriel geführten Behörde, von GKN II Strom auf die ältere Nachbaranlage zu übertragen. 2017 sollten dann beide vom Netz gehen. Insider berichten, die Richter hätten es nicht eilig mit ihrer Entscheidung. Sie setzen offenbar im Streit um die Laufzeit auf eine politische Lösung.

Theoretischer Strom

Einen Erfolg erreichten die vier großen deutschen Stromkonzerne bei ihren Verhandlungen über den Atomausstieg mit dem Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich. Der Schnelle Brüter war nie am Netz, aber die für ihn errechnete Strommenge dürfen sie komplett in anderen Anlagen produzieren. Obwohl die 107 Terrawattstunden des Schnellen Brüters nur auf dem Papier stehen, dürfen die Konzerne laut Atomgesetz die Laufzeit ihrer anderen Reaktoren verlängern. Nutznießer sind Emsland, Neckarwestheim 2, Isar 2, Gundremmingen B sowie Biblis B. Die auf Biblis entfallenden 21,4 Terrawattstunden entsprechen mehreren Jahreskontingenten.

27.01.2010


termine12besenkalenderverkehrspiele

Archivsuche