Liveschaltung ins Atomdorf

Von Rolf Muth

Neckarwestheim - Nebelschwaden verdecken die Sicht auf den Atommeiler Neckarwestheim, als am Donnerstag in Berlin die Atom-Ethikkommission ihre Arbeit aufnimmt und Phoenix auf Sendung geht. "Es ist kein künstlicher Nebel, wie er bei einem Flugzeugattentat aufsteigen soll", sagt Jan-Christoph Nüse, Moderator beim TV-Sender, in der Alten Schule live ins Mikrophon. Der Reaktor habe die Gemeinde reich gemacht. Dafür müssen die Menschen aber auch Zugeständnisse machen: "Hier liegen Wohngebiet und radioaktive Brennstäbe gerade mal 800 Meter auseinander."

Wende

Der Supergau in Japan hat alles geändert. Die Grünen wurden im Ländle an die Spitze katapultiert, Block eins Neckarwestheim ist stillgelegt. Und in Berlin diskutieren unter der Leitung des früheren CDU-Umweltministers Klaus Töpfer die von Angela Merkel eingesetzten nationalen Energiestrategen der Atom-Ethikkommission erstmals öffentlich über den raschen Ausstieg. Phoenix berichtet bis in den Abend, inklusive Live-Schaltungen nach Neckarwestheim und Gorleben.

Fukushima − so tragisch das Unglück ist, hat Sandra Esslinger nicht aus der Bahn geworfen. Die 17-jährige Gymnasiastin bekräftigt vor der Kamera ihr Vertrauen in die Sicherheit: "Ich bin mit dem Kraftwerk aufgewachsen." Von blindem Aktionismus hält sie nichts: "Von osteuropäischen Atomkraftwerken den Strom holen? Das bringt"s ja auch nicht."

Nüse hat die junge Frau am Vorabend bei der Gemeinderatssitzung für den Auftritt gewonnen. So wie Hotelchefin Elisabeth Rech. Bei ihr hat er sich einquartiert. Das Hotel am Markt werde 35 Prozent Einbußen haben, wenn mal die GKN-Techniker ausbleiben. "Man muss sehen, wie man das überlebt", beschreibt Rech dem TV-Publikum ihre Zukunftsangst.

Der Moderator hat auch Bürgermeister Mario Dürr und CDU-Rat Bruno Härle eingeladen. Glücklicherweise. Denn Neckarwestheim bleibt dem TV-Event fern. Bis auf Benjamin Steck. Der Zwölfjährige genießt den Ferientag, darf Michael Berger, Chef im Übertragungswagen, über die Schulter schauen.

Fasziniert

Die 30 Sitzplätze im Saal füllen künftige Verwaltungswirte. Studenten, die bei Dürr an diesem Tag ein Stockwerk höher Vorlesung haben. Dürr beschreibt im TV-Interview, wie sich die Kommune unabhängig von den Steuermillionen aus dem Atommeiler macht. Härle, der 20 Jahre als Techniker im Meiler gearbeitet hat, würde für den hohen Standard seine Hand ins Feuer legen. Nachts genießt der Rentner vom Haus aus sogar die in orangefarbenes Licht getauchte Wasserdampfsäule. "Sicher ein technikorientierter Blick."

Den kann Aufnahmeleiter Thomas Wichmann nicht nachvollziehen. Er nächtigt auf Schloss Liebenstein: "Der Blick vorbei am Turm aus dem zwölften Jahrhundert hinunter aufs Kraftwerk − surreal." Christina Epping wehrt sich gegen das Bild, Neckarwestheim sei ein Volk von Atomgläubigen. Die Tochter des früheren stellvertretenden Bürgermeisters Martin Hofelich schildert zwar das Wegschauen im Ort, aber auch die Anfeindungen zwischen GKN-Arbeitnehmern und Gegnern, die Angstmache, Arbeitsplätze gingen verloren und den Kampf gegen das Zwischenlager. Aktivisten stellen am Nachmittag ein "Atommüllfass" im Hof der Alten Schule auf − eine Mahnung. Strahlender Abfall. Der bleibt auch den Ururenkeln der Kindergartenkinder erhalten, die gerade unbekümmert gegenüber im Sand spielen.

TV-Sender

Phoenix ist ein Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF. 1997 nahm er in Köln seinen Sendebetrieb auf. Mit acht Personen samt Übertragungswagen war das Team am Donnerstag in Neckarwestheim, um fünf Liveschaltungen nach Berlin zu machen. Phoenix hatte auch intensiv die Schlichtungsrunden um Stuttgart 21 begleitet. rom
 

29.04.2011


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