Für Super-Gau in Neckarwestheim fehlt Vorsorge

Von Reto Bosch

GKN
Neckarwestheim - Die Atomkatastrophe in Japan rückt die Notfallpläne für deutsche Kernkraftwerke in ein neues Licht. Für eine Evakuierung in ähnlicher Dimension wie in Japan fehlen auch für das Kernkraftwerk in Neckarwestheim entsprechende Planungen. In einem Umkreis von 25 Kilometern um die Reaktoren leben fast eine Million Menschen. Im Extremfall droht Chaos. Als Reaktion auf die Explosionen in Fukushima hat eine Arbeitsgruppe nun den Auftrag, die staatlichen Richtlinien für den Katastrophenfall zu überarbeiten. In Deutschland sollen laut Ethikkommission noch bis 2021 Kernkraftwerke am Netz bleiben, darunter GKNII.

Radioaktivität

Die Notfallplanungen basieren auf den "Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen" (siehe Hintergrund). Die Autoren gingen bei ihren Überlegungen "von einer begrenzten Freisetzung von Radioaktivität aus. Nicht zu vergleichen mit Fukushima", erklärt Dr. Clemens Homoth-Kuhs, Pressesprecher des Regierungspräsidiums Stuttgart (RP). Eine Katastrophe dieser Dimension habe in der Vorstellungskraft der Verantwortlichen nicht existiert. Im Klartext: Als Extremfall für Neckarwestheim wurde zum Beispiel eine Störung angenommen, die eine radioaktive Wolke über Teile der Region ziehen lässt.

Zonen

Die Umgebung der beiden Neckarwestheimer Meiler wurde in verschiedene Bereiche unterteilt: Zentral-, Mittel, Außen- und Fernzonen. Je nach Unglücksfall definieren die Rahmenempfehlungen abgestufte Reaktionen. Evakuierungen sind aber nur für die beiden inneren Zonen mit einem Radius von − im Fall Neckarwestheims − maximal acht Kilometern vorgesehen. "Der Bereich in diesem Acht-Kilometer-Umkreis wurde in zwölf Sektoren eingeteilt", sagt Hans-Eugen Zimmermann, im Landratsamt zuständig für den Katastrophenschutz. Bislang gingen alle Planungen davon aus, dass je nach Windrichtung höchstens drei Sektoren evakuiert werden müssen.



Was geschieht mit den flüchtenden Menschen? Zimmermann geht davon dass, dass viele Bürger in Eigenregie die Region verlassen und sich selbstständig Ausweichquartiere suchen würden. Vorsorge trifft der Notfallplan nur für die Einwohner der Acht-Kilometer-Evakuierungszone: Neckarwestheimer sollen nach Dörzbach, die Lauffener nach Schwäbisch Hall, die Fleiner nach Künzelsau. "Wir führen eine Liste mit Busunternehmern", sagt Zimmermann. Wie viele Fahrzeuge im Extremfall dann wirklich verfügbar sind, sei natürlich fraglich. Etwa 200 Helfer des Sanitäts- und Betreuungsdienstes stehen dem Katastrophenstab zur Verfügung, um Senioren aus Pflegeheimen und Patienten aus Krankenhäusern zu holen. Nur: Ehrenamtliche können nicht in verstrahlte Gebiete geschickt werden.

Technik

Ob ABC-Masken und Overalls in ausreichender Zahl und Qualität bereit liegen, ist unklar. "Nach Fukushima stehen auch die technischen Ausrüstungen auf dem Prüfstand", erläutert Clemens Homoth-Kuhs. Er geht davon aus, dass Investitionen für den Katastrophenschutz hochgefahren werden. Der Sprecher betont, dass die Vorarbeiten für eine Neufassung der Rahmenempfehlungen bereits laufen. Dass auch beste Vorbereitungen eine Massenpanik nicht ausschließen können, weiß auch Hans-Eugen Zimmermann: "Wir haben wenig Chancen, dagegen etwas auszurichten."

Hintergrund: Rahmenempfehlungen

Die „Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“ liegen vor mit Stand September 2008. Sie bestimmen, welche Schritte Behörden einzuleiten haben, was bei Vor-oder Katastrophenalarm zu geschehen hat. Beispiel Jodtabletten: Menschen bis zum Alter von 45 Jahren können sich im Notfall mit Jodtabletten schützen. Die Rahmenempfehlungen sagen aber auch, wann die Bevölkerung aufgefordert werden soll, in den Gebäuden zu bleiben oder dass Notfallstationen zur Dekontamination einzurichten sind.

12.05.2011


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