Atomkraftgegner fordern: GKN I für immer vom Netz

Von unserer Redaktion

Neckarwestheim - Keine Jubelstimmung, dafür Trauer über das Geschehen in Japan, herrschte gestern Abend bei der Mahnwache auf dem Heilbronner Kiliansplatz. "Wenn es die Kanzlerin tatsächlich ernst meint, dann muss GKN I morgen abgeschaltet werden", sagt Gottfried May-Stürmer vom BUND. "Das wäre die einzige Konsequenz." Für eine "Mogelpackung" hält das Moratorium hingegen Franz Wagner von der Energiewende Heilbronn. Dass "ein paar alte Atommeiler" abgeschaltet würden, sei nur "ein Bauernopfer, es müssen alle vom Netz".

Die Ankündigung von Angela Merkel, Alt-Reaktoren wie GKN I beim dreimonatigen Moratorium zur Laufzeitverlängerung vom Netz zu nehmen (wir berichteten), hört Wolfram Scheffbuch, Sprecher vom Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar, auf dem Weg zur Mahnwache. "Das wäre, was wir uns wünschen." Die Dynamik der Ereignisse hat den Atomkraftgegner sehr überrascht. Er begrüßt es, dass die Politik auf die Atomkatastrophe in Japan reagiert. Aber: "Ein Moratorium ist zu wenig, Merkel will nur Ruhe vor der Wahl." GKN I dürfe nie wieder ans Netz gehen.



"Wenn GKN unsicher ist, muss es abgeschaltet werden", bleibt der Heilbronner Landrat Detlef Piepenburg bei seiner früher schon geäußerten Haltung. Risiken könnten nicht gegen Wirtschaftlichkeit abgewogen werden. Es gehe um eine nüchterne Einschätzung: "Hat man bisher etwas übersehen? Werden nach Japan neue Maßstäbe angelegt?" Die Folgefrage für GKN sei weniger die, woher stattdessen der Strom komme. Vielmehr diese: "Welche Kompensation gibt es für wegfallende Arbeitsplätze?"

"Sicherheit zuerst," diese Maßgabe im Atomkonzept müsse bestehen bleiben, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Heinrich Metzger. Sollte GKN I vom Netz gehen müssen, hält er höhere Strompreise für wahrscheinlich. Außerdem müsste die ausfallende Stromerzeugung über Kohlekraftwerke oder Stromzukäufe kompensiert werden.

"Das Thema wird sehr stark unter dem Gesichtspunkt Wahl betrachtet", analysiert IHK-Präsident Thomas Philippiak. "Es wäre vernünftiger, die Untersuchungen abzuwarten, welche Kraftwerke sicher sind. Diejenigen, die nach den neuesten Erkenntnissen nicht sicher sind, sollte man danach nachrüsten."

GKN-Aus

Vom Aus für den 34 Jahre alten Reaktor GKN I wären nach Betriebsratsangaben vom vergangenen Herbst 350 Mitarbeiter betroffen, sowie bis zu 200 Leute Fremdpersonal. In Block I würden 120 Jobs in den ersten 18 Monaten wegfallen, sagte damals GKN-Betriebsratsvorsitzender Franz Watzka, der gestern nicht erreichbar war.

Die regionale Verdi-Chefin Marianne Kugler-Wendt sagte: "Wenn GKN I wirklich abgeschaltet werden sollte, müssen wir für die Beschäftigten eine sozialverträgliche Lösung finden." Es gebe bereits Pläne für diesen Fall. Sie selbst aber habe keine Zweifel an der Sicherheit von GKN I, so die Gewerkschafterin.

Kein ausreichender Schutz vor Terroranschlägen und Abstürzen größerer Flugzeuge, in die Jahre gekommene Leittechnik oder Materialalterung: Die Liste der GKN I vorgeworfenen Defizite ist lang und hatte die Diskussionen um die Zukunft des Meilers immer wieder angeheizt.

Wolfgang Renneberg, von 1998 bis 2009 Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium (BMU), gehört zu den schärfsten Kritikern. Er argumentiert zum Beispiel, dass die Notstromversorgung von GKN I nicht dem heutigen Stand der Technik entspreche. "GKN I verfügt darüber hinaus bei einem Störfall über geringere Kapazitäten an Kühlmittel und Kühlpumpen", schreibt Renneberg in einer sicherheitstechnischen Bewertung. Bei einem Erdbeben habe der Meiler eine verringerte Zuverlässigkeit bei der Störfallbeherrschung.

Der Betreiber EnBW verweist darauf, seit Inbetriebnahme mehr als 800 Millionen Euro in Nachrüstungen investiert zu haben. Die Anlage sei auf dem Stand der Technik. Das Landesumweltministerium sieht das im Prinzip genauso, hat gestern aber ein zweiköpfiges Expertenteam nach Neckarwestheim und Philipsburg geschickt. Laut Ministeriumssprecher Karl Franz sollen die Fachleute die Notstromversorgung untersuchen. Franz weist darauf hin, dass Aggregate mehrfach vorhanden sind.

"Einen aufsichtlichen Besuch kommentieren wir nicht", sagt EnBW-Pressesprecher Ulrich Schröder zur Visite des Expertenteams im GKN. Schröder geht davon aus, dass sich die Regierung kurzfristig mit dem Energiekonzern in Verbindung setzen wird. "Wir bieten einen offenen Dialog an", so der EnBW-Vorstandsvorsitzende Hans-Peter Villis − ergebnisoffen. EnBW biete an, die Aspekte der Zukunft dieser "sicheren Anlagen" zu diskutieren, als Basis für einen Konsens.

Der Heilbronner OB und Zeag-Aufsichtsrat Helmut Himmelsbach ist für eine "Analyse, völlig ergebnisoffen. Sollte die Konsequenz Stilllegung heißen, dann stilllegen. Sollte die Konsequenz Nachrüstung lauten, dann nachrüsten." Es müsse geprüft werden, ob das Katastrophenschutzszenario noch strenger weitergeschrieben werden müsse.





Fragen & Antworten: Südwestmeiler vor dem Aus

In Baden-Württemberg dreht sich derzeit alles um die Sicherheit der vier Kernkraftwerke. Die Landesregierung hat Experten in die Meiler Philippsburg I und II sowie Neckarwestheim I und II geschickt. Sie sollen dort die Sicherheit überprüfen.


Warum muss Neckarwestheim I vom Netz?

Nach dem Atomkonsens der früheren rot-grünen Bundesregierung hätte Neckarwestheim I bereits 2010 abgeschaltet werden müssen, weil die damals festgelegten Restlaufzeiten erschöpft waren. Die schwarz-gelbe Bundesregierung beschloss aber im vergangenen Herbst, die Laufzeiten zu verlängern. Dieser Beschluss wurde jetzt angesichts des Atomunglücks in Japan für drei Monate ausgesetzt. Dies bedeutet das Aus für den zweitältesten Meiler Deutschlands Neckarwestheim I, der 1976 an den Start ging.


Was bedeutet das für die Energieversorgung im Land?

Rund die Hälfte der Stromerzeugung im Südwesten kommt aus Atomkraft. Laut Umweltministerium fehlen mit dem Abschalten von Neckarwestheim I rund zehn Prozent der Energie. Dadurch müsse der Anteil des Stromimportes von derzeit 10 Prozent verdoppelt werden.


Womit muss der Verbraucher rechnen?

Mit steigenden Stromkosten, meint der Landesverband der Industrie (LVI). Er sorgt sich vor allem um die Unternehmen im Land. Wenn Atomkraftwerke vom Netz gingen, sinke das Stromangebot; dies führe zu höheren Strompreisen. Besonders betroffen wären energieintensive Branchen wie die Papierindustrie, die chemische Industrie und die Stahlindustrie. Zunehmen würde auch der CO2-Ausstoß, falls zusätzlicher Strom aus Kohlekraftwerken zur Verfügung gestellt werden müsse.


Wann müssen die anderen Meiler vom Netz?

Nach dem Atom-Konsens von Rot-Grün sollte Philippsburg I im Jahr 2012 vom Netz gehen, Philippsburg II 2017/18, Neckarwestheim II 2021/22. Wenn an der Laufzeitverlängerung festgehalten wird, kann Philippsburg I bis 2020 Strom produzieren, Philippsburg II bis 2032, Neckarwestheim II sogar bis 2036.


Was überprüfen die Experten in Neckarwestheim und Philippsburg?

Vor allem die Sicherheit der Notstromversorgung: Was passiert, wenn der Anschluss zum regulären Netz gekappt ist? Sind genügend Notstromaggregate vorhanden? In Fukushima waren die Notstromaggregate den Wassermassen des Tsunamis ausgesetzt und deshalb ausgefallen. Erste Ergebnisse sollen die Inspektoren spätestens an diesem Dienstag bekanntgeben. Längerfristig arbeiten soll ein fünfköpfiges Expertenteam, das die Ereignisse in den japanischen Reaktoren analysieren und mögliche Schlussfolgerungen für Baden-Württemberg ziehen soll. Erstmals sollen die Experten bei einer Telefonschaltkonferenz an diesem Mittwoch zusammenkommen.


Wie erdbebensicher sind die Kraftwerke im Südwesten?

Die Reaktoren in Neckarwestheim sind für Erdbeben mit einem Wert von 8 auf der Europäischen Makroseismischen Skala (EMS), die in Philippsburg für einen Wert von 7,5 ausgelegt. Der EMS-Wert ist nicht zu verwechseln mit der Magnitude auf der Richterskala. Er bezeichnet eher die tatsächliche Wirkung eines Bebens. Das stärkste Beben der vergangenen Jahrzehnte in Südwestdeutschland war nach Angaben des Umweltministeriums das in Albstadt-Ebingen 1943 mit einem EMS-Wert von 8 oder grob übersetzt mit dem Wert 5,5 auf der Richterskala gewesen. Auch am 3. September 1978 bebte auf der Schwäbischen Alb die Erde; die Stärke betrug 5,7 auf der Richterskala. Nach Angaben von Diethelm Kaiser von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover gibt es im Südwesten anders als in Japan keine aneinanderstoßende Grenzen der tektonischen Platten. Stattdessen gebe es eine Schwächezone im Rheingraben, die aber zu weit weniger massiven Beben als in Japan führe.


Sind die Südwestmeiler gegen terroristische Attacken geschützt?

Nach Einschätzung des Münchner Strahlenexperten Edmund Lengfelder kann bereits mit Panzerabwehrraketen, die zur Standardausrüstung terroristischer Vereinigungen gehören, ein Super-GAU ausgelöst werden. Ein Sprecher von Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) betont dagegen, der Stahlbetonmantel die Reaktoren im Land schütze sogar gegen terroristische Anschläge mit einem Flugzeug. Auch Vernebelungsanlagen trügen dazu bei, dass Terroristen nicht damit rechnen könnten, ihr Ziel punktgenau zu treffen.


Welche gravierenden Atom-Störfälle gab es im Südwesten?

Im Sommer 2001 war zwei Wochen lang in drei von vier Flutbehältern im Block II des Reaktors Philippsburg die Borsäurekonzentration zu gering. Bor kühlt den Reaktor zusätzlich ab. Auf Antrag der SPD setzte der Landtag einen Untersuchungsausschuss ein. Die SPD sprach anschließend von einer „organisierten Verantwortungslosigkeit“ der Landesregierung in Sachen Reaktorsicherheit.


Werden AKW kontinuierlich nachgerüstet?

Ja, betont das Umweltministerium. So seien in Neckarwestheim I für die Errichtung 375 Millionen Euro geflossen und in die Nachrüstung im Lauf der Jahre das Doppelte. Weiteres Nachrüsten, um eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren auszuschöpfen, würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. bor, kin, iba, fur, jof, jüp, mfd, lsw

 
15.03.2011


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