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GKN I in Neckarwestheim wird zur Atomruine
Von Joachim Kinzinger und Reto Bosch
Neckarwestheim - Aus und vorbei. Von 100 Prozent auf Null müssen die Reaktorfahrer in Kürze das Kernkraftwerk Neckarwestheim I schrittweise vom Netz nehmen. Zunächst kündigt EnBW gestern zur Mittagsstunde das vorübergehende "freiwillige Abfahren" nach dem Atom-Moratorium der Bundesregierung zur Laufzeitverlängerung an.
Aus der geforderten Nachrüstliste des Landesumweltministeriums für GKN I schließt der EnBW-Vorstand, "dass ein dauerhaft wirtschaftlicher Betrieb von GKN I und damit ein Wiederanfahren des Kernkraftwerks voraussichtlich nicht mehr darstellbar ist". Im Landtag spricht dann CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus am Nachmittag Klartext. Der Meiler werde "dauerhaft abgeschaltet und stillgelegt".
Die letzten Stunden des 34 Jahre alten Meilers sind angebrochen. In der Presseerklärung teilt der Karlsruher Energieriese mit, das Abfahren von GKN I geschehe auch aus Respekt vor den offenkundigen Besorgnissen in der Bevölkerung, die sich im Willen der Politik widerspiegele. Vorstandschef Hans-Peter Villis betont, mehr als 900 Millionen Euro habe der Konzern seit der Inbetriebnahme des ersten Blocks im Jahr 1976 investiert.
Restrisiko
Für CDU-Bundesumweltminister Norbert Röttgen ist bereits am Montagabend die Betonhülle des älteren Meilers, die keinen ausreichenden Schutz vor Terrorattacken und vor Abstürzen größerer Flugzeuge bietet, das entscheidende Merkmal für die Neubewertung des Restrisikos von GKN I nach der Atomkatastrophe in Japan. Es ist sein Vorwort zum Abschalten.
Der GKN-Betriebsrat will derzeit keine Stellungnahme abgeben und verweist auf die EnBW-Pressestelle in Karlsruhe. Dass der Konzern GKN I freiwillig abschaltet, findet die regionale Verdi-Chefin Marianne Kugler-Wendt aus Heilbronn ein "gesellschaftspolitisch richtiges Zeichen". Derzeit sind 830 Mitarbeiter bei GKN beschäftigt. Zunächst blieben alle Mann an Bord. "Es gibt eine betriebliche Vereinbarung, die den sozialverträglichen Personalabbau regelt." In Block I würden 120 von 350 Jobs in den ersten 18 Monaten wegfallen, diese Zahl hat der GKN-Betriebsrat schon vor Jahren nach dem Atomkonsens berechnet.
Gewerbesteuer
"Wir verlieren rund 250 Arbeitsplätze durch Block I", weiß Neckarwestheims Bürgermeister Mario Dürr. Und einige Millionen Euro an Gewerbesteuer. Aber: "Das wirft uns nicht aus der Bahn." Auf die endgültige Abschaltung des älteren Reaktors ist die 3500-Einwohner-Gemeinde laut Dürr seit Jahren vorbereitet: "Es ist eine Situation, die wir im Kopf hatten, aber vielleicht nicht so schnell." Im Durchschnitt der vergangenen Jahre habe die EnBW drei Millionen Euro an Gewerbesteuer überwiesen.
Auch durch die Brennstoffsteuer wären die Einnahmen gesunken. In diesem Jahr sind sieben Millionen Euro eingeplant, 2012 drei und 2013 zwei Millionen Euro. "Wir haben uns umstrukturiert und bekommen auch Gewerbesteuer ohne GKN", sagt der Verwaltungschef. Derzeit liegen 30 Millionen Euro auf der hohen Kante, im Jahr 2014 sind es noch 22 Millionen Euro. Der Verlust von rund 250 Arbeitsplätzen bereitet Dürr mehr Sorgen.
Zu betriebswirtschaftlichen Zahlen einzelner Kraftwerke macht EnBW keine Angaben. Berechnungen des Öko-Instituts zeigen aber, dass die Wirtschaftlichkeit von GKN I durch das neue Energiekonzept stark gelitten hat. Die Experten gehen davon aus, dass der abgeschriebene Meiler pro Tag mehr als 720 000 Gewinn erwirtschaftet − bei moderaten Strompreisen. Dazu kommen Zinserträge aus Rückstellungen. Die neu eingeführte Kernbrennstoffsteuer reduziert den Gewinn laut Öko-Institut um 45 bis 48 Prozent. Und Investitionen für zusätzliche Nachrüstungen sind darin noch gar nicht enthalten.
Stromproduktion
Der Block I im Kernkraftwerk Neckarwestheim hat seit 1976 mehr als 190 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Nach dem Atomkonsens von Rot-Grün im Jahr 2000 mit den Energieversorgern sollte der Meiler 2009/2010 vom Netz. Mit einer drastischen Drosselung des Leistungsbetriebs schaffte es GKN I, die Restlaufzeit bis zum neuen Atomgesetz mit der Laufzeitverlängerung von Schwarz-Gelb Ende 2010 zu überbrücken. Das Atom-Moratorium der Regierung bedeutet das Aus. Rund 15 Jahre werde der Rückbau dauern, meint Bürgermeister Mario Dürr.
Mehrheit für Ausstieg
Der schwere Atomunfall von Fukushima hat für einen radikalen Stimmungsumschwung in Deutschland gesorgt: Eine Mehrheit von 53 Prozent ist nach einer Infratest-dimap-Umfrage für den ARD-„Deutschlandtrend“ jetzt der Ansicht, alle deutschen Atomkraftwerke sollten so rasch wie möglich stillgelegt werden (43 Prozent dagegen). Nach ZDF-„Politbarometer“ sind sogar 60 Prozent für einen Atom-Ausstieg so schnell wie möglich. Laut Infratest hält die große Mehrheit der Deutschen (70 Prozent) einen AKW-Unfall wie in Japan auch in Deutschland für denkbar.
Zehntausende Atomkraftgegner haben letzten Samstag mit einer Menschenkette von Stuttgart nach Neckarwestheim für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie demonstriert. Auf einer Strecke von rund 45 Kilometern zählten die Veranstalter rund 60.000 Teilnehmer (wir berichteten).
Fragen & Antworten: Südwestmeiler vor dem Aus
Warum muss Neckarwestheim I vom Netz?
Nach dem Atomkonsens der früheren rot-grünen Bundesregierung hätte Neckarwestheim I bereits 2010 abgeschaltet werden müssen, weil die damals festgelegten Restlaufzeiten erschöpft waren. Die schwarz-gelbe Bundesregierung beschloss aber im vergangenen Herbst, die Laufzeiten zu verlängern. Dieser Beschluss wurde jetzt angesichts des Atomunglücks in Japan für drei Monate ausgesetzt. Dies bedeutet das Aus für den zweitältesten Meiler Deutschlands Neckarwestheim I, der 1976 an den Start ging.
Was bedeutet das für die Energieversorgung im Land?
Rund die Hälfte der Stromerzeugung im Südwesten kommt aus Atomkraft. Laut Umweltministerium fehlen mit dem Abschalten von Neckarwestheim I rund zehn Prozent der Energie. Dadurch müsse der Anteil des Stromimportes von derzeit 10 Prozent verdoppelt werden.
Womit muss der Verbraucher rechnen?
Mit steigenden Stromkosten, meint der Landesverband der Industrie (LVI). Er sorgt sich vor allem um die Unternehmen im Land. Wenn Atomkraftwerke vom Netz gingen, sinke das Stromangebot; dies führe zu höheren Strompreisen. Besonders betroffen wären energieintensive Branchen wie die Papierindustrie, die chemische Industrie und die Stahlindustrie. Zunehmen würde auch der CO2-Ausstoß, falls zusätzlicher Strom aus Kohlekraftwerken zur Verfügung gestellt werden müsse.
Wann müssen die anderen Meiler vom Netz?
Nach dem Atom-Konsens von Rot-Grün sollte Philippsburg I im Jahr 2012 vom Netz gehen, Philippsburg II 2017/18, Neckarwestheim II 2021/22. Wenn an der Laufzeitverlängerung festgehalten wird, kann Philippsburg I bis 2020 Strom produzieren, Philippsburg II bis 2032, Neckarwestheim II sogar bis 2036.
Was überprüfen die Experten in Neckarwestheim und Philippsburg?
Vor allem die Sicherheit der Notstromversorgung: Was passiert, wenn der Anschluss zum regulären Netz gekappt ist? Sind genügend Notstromaggregate vorhanden? In Fukushima waren die Notstromaggregate den Wassermassen des Tsunamis ausgesetzt und deshalb ausgefallen. Erste Ergebnisse sollen die Inspektoren spätestens an diesem Dienstag bekanntgeben. Längerfristig arbeiten soll ein fünfköpfiges Expertenteam, das die Ereignisse in den japanischen Reaktoren analysieren und mögliche Schlussfolgerungen für Baden-Württemberg ziehen soll. Erstmals sollen die Experten bei einer Telefonschaltkonferenz an diesem Mittwoch zusammenkommen.
Wie erdbebensicher sind die Kraftwerke im Südwesten?
Die Reaktoren in Neckarwestheim sind für Erdbeben mit einem Wert von 8 auf der Europäischen Makroseismischen Skala (EMS), die in Philippsburg für einen Wert von 7,5 ausgelegt. Der EMS-Wert ist nicht zu verwechseln mit der Magnitude auf der Richterskala. Er bezeichnet eher die tatsächliche Wirkung eines Bebens. Das stärkste Beben der vergangenen Jahrzehnte in Südwestdeutschland war nach Angaben des Umweltministeriums das in Albstadt-Ebingen 1943 mit einem EMS-Wert von 8 oder grob übersetzt mit dem Wert 5,5 auf der Richterskala gewesen. Auch am 3. September 1978 bebte auf der Schwäbischen Alb die Erde; die Stärke betrug 5,7 auf der Richterskala. Nach Angaben von Diethelm Kaiser von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover gibt es im Südwesten anders als in Japan keine aneinanderstoßende Grenzen der tektonischen Platten. Stattdessen gebe es eine Schwächezone im Rheingraben, die aber zu weit weniger massiven Beben als in Japan führe.
Sind die Südwestmeiler gegen terroristische Attacken geschützt?
Nach Einschätzung des Münchner Strahlenexperten Edmund Lengfelder kann bereits mit Panzerabwehrraketen, die zur Standardausrüstung terroristischer Vereinigungen gehören, ein Super-GAU ausgelöst werden. Ein Sprecher von Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) betont dagegen, der Stahlbetonmantel die Reaktoren im Land schütze sogar gegen terroristische Anschläge mit einem Flugzeug. Auch Vernebelungsanlagen trügen dazu bei, dass Terroristen nicht damit rechnen könnten, ihr Ziel punktgenau zu treffen.
Welche gravierenden Atom-Störfälle gab es im Südwesten?
Im Sommer 2001 war zwei Wochen lang in drei von vier Flutbehältern im Block II des Reaktors Philippsburg die Borsäurekonzentration zu gering. Bor kühlt den Reaktor zusätzlich ab. Auf Antrag der SPD setzte der Landtag einen Untersuchungsausschuss ein. Die SPD sprach anschließend von einer „organisierten Verantwortungslosigkeit“ der Landesregierung in Sachen Reaktorsicherheit.
Werden AKW kontinuierlich nachgerüstet?
Ja, betont das Umweltministerium. So seien in Neckarwestheim I für die Errichtung 375 Millionen Euro geflossen und in die Nachrüstung im Lauf der Jahre das Doppelte. Weiteres Nachrüsten, um eine Laufzeitverlängerung von acht Jahren auszuschöpfen, würde einen dreistelligen Millionenbetrag kosten. bor, kin, iba, fur, jof, jüp, mfd, lsw
Interessante Links
Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn
BUND für Umwelt und Naturschutz Deutschland
Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
Bundesamt für Strahlenschutz
Deutsches Atomforum e.V.
Greenpeace



