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Als die Zukunft des Audi-Werks auf der Kippe stand
Von Stefanie Sapara
Bewährungsprobe: Dank der Anfang der 70er Jahre gebauten Sulmdole wurde das Hochwasser im Mai 1978 (Bild) erfolgreich im Zaum gehalten.Foto: Archiv/Eisenmenger Neckarsulm - Hätte sich jemand mit einer Angel auf das Audi-Betriebsgelände gestellt - er hätte Ersatzteile aus dem Wasser fischen können", erzählt Reinhard Wille, ehemaliger Stadtbaumeister und späterer Baubürgermeister von Neckarsulm. Er kann sich noch gut an das prekäre Hochwasser von 1970 erinnern, als das Betriebsgelände unter Wasser stand. Der Neckarsulmer Alt-OB Erhard Klotz erklärt sogar: "Ich bin überzeugt, dass wir ohne die Hochwasserfreilegung heute keine Audi mehr hätten" - und damit in diesem Jahr nicht der 100. Firmen-Geburtstag gefeiert werden könnte. Die Situation vor 40 Jahren war brenzlig: Vier Hochwasser gab es in den ersten fünf Monaten des Jahres 1970, das schlimmste davon am 12. Mai.
Das Problem
Teile von Kolbenschmidt waren damals überschwemmt, ebenso das Hallenbad und die Turnhalle. Am schlimmsten traf es Audi. Die Arbeit in der Produktion wurde für zwei Tage eingestellt, 8000 Mitarbeiter zwangsweise in "Wasser-Urlaub" geschickt. "In Neckarsulm hatten wir immer dann Hochwasser, wenn zu viel Wasser aus dem Sulmtal kam oder wenn der Neckar zu sehr aufgestaut hat", erklärt Erhard Klotz. "Dann drückte Wasser unter dem Kanal durch in das Neckarsulmer Gebiet." Das Flüsschen Sulm verlief damals am Rande des Betriebsgeländes.
Nach dem Hochwasser vom 12. Mai 1970 konnten Produktionstermine nicht eingehalten werden, dem Unternehmen waren Schäden in Höhe von mehreren Millionen Mark entstanden. Tausende Mitarbeiter bei Audi bangten um ihre Jobs, überall hörte man Gerüchte darüber, dass Audi vielleicht schließen würde, erinnert sich Wille. Die Stadt Neckarsulm drängte daraufhin auf eine nachhaltige Sanierung der Abflussverhältnisse von Neckar und Sulm. Erhard Klotz appellierte mehrfach an die Landesregierung.
Die Lösung
Es gab Pläne für die Lösung des Problems: Eine Verlegung und Verdolung der Sulm. Die floss bis dato als offenes Gewässer parallel zur Felix-Wankel-Straße und durch das Werksgelände von Audi NSU. Nun sollte sie verdolt, das heißt rundherum geschlossen werden und auf einer Länge von 2,5 Kilometern vom Bereich des heutigen Hotel Astron bis zum Neckar hin verlaufen. Die hydraulische Wirkung sollte den Abfluss der Sulm in den Neckar auch dann gewährleisten, wenn dieser Hochwasser führt. Doch dieser laut Wille "revolutionäre" Vorschlag durch das Ingenieurbüro Mörgenthaler Nußbaum aus Bitzfeld wurde vom Land zunächst abgeschmettert. Schließlich gab die Regierung 1972 doch ihr Einverständnis. Neben Gert Nußbaum wurde Wilfried Metzger mit der Verdolung betraut. Die Herausforderung für die beiden Ingenieure: Der Bau musste aus einem einzigen Betonguss sein. "Der Druck des Wassers war sehr hoch - wenn man hier einzelne Teile aneinandergesetzt hätte, hätte das nicht stand gehalten", erklärt Klotz. Zehn Millionen Mark kostete der Bau. Die gesamte Hochwasserfreimachung, zu der unter anderem ein 700 Meter langer Damm und ein Rückhaltebecken zählten, belief sich laut Klotz auf rund 40 Millionen Mark.
1975 kam die VW-Strukturkrise. "Es wurde darüber diskutiert, das Werk zu schließen", so Klotz. "Wenn nicht garantiert gewesen wäre, dass Hochwasser dem Gebiet nichts mehr anhaben kann, hätte man Audi zu gemacht", ist er sich sicher.
Damm hält
1978 dann die Bewährungsprobe: Sintflutartige Niederschläge brachen über Neckarsulm herein. Die Gefahr ging dieses Mal vom Neckar aus, der Wasserspiegel stieg bis zur Krone des Damms. "Mehr als 200 Feuerwehrleute, Kräfte des THW und Audi-NSU-Werker versuchten, den Damm zu stabilisieren", erzählt Wille. Nach fast 80 Stunden war die Gefahr gebannt, der Kampf gegen das Hochwasser gewonnen. Der Damm wurde daraufhin verstärkt.
Bereits 1973 gründete sich außerdem der Wasserverband Sulm - aufgrund des prekären Hochwassers drei Jahre zuvor. Insgesamt 15 Rückhaltebecken realisierte der Verband bis heute und hat damit maßgeblich zum Schutz der Industriegebiete vor weiteren Überflutungen beigetragen. Das wohl bekannteste Becken ist der Breitenauer See.
07.10.2009
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