Kino
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Man kennt sie als wahre Tastenteufel mit flinken Fingern auf dem Klavier, auch die beidhändige Rückhand verstehen sie inzwischen gut zu schlagen, sie fotografieren mittlerweile mindestens wie die Japaner - und manchmal kopieren sie auch die Errungenschaften unserer westlichen Industrie. Die junge Chinesin Mei (Huang Lu) stammt aus einer ganz anderen Welt. Sie kommt aus äußerst ärmlichen Verhältnissen und will - spätestens nach einer Vergewaltigung - aus ihrem südchinesischen Dorf hinaus in die weite Welt. Die in London lebende Autorin, Filmdozentin und (bislang) erfolgreiche Dokumentarfilmerin Guo Xiaolu zeichnet Meis Reise und ihre Stationen in kleinen, sublimen Kapitel auf. "She, a Chinese" ist kein Film, der einen vom Hocker reißt, aber einer, der auf persönliche Weise Chinas Rückseite zeigt.
"She, a Chinese", mit Huang Lu in der Titelrolle, gewann 2009 in Locarno den Goldenen Leopard. Camino Filmverleih
Mei arbeitet in einer Garküche, die gleichzeitig als Billardstation Anlaufstelle für allerlei Taugenichtse und Gelegenheitsarbeiter ist. Als sie eines Tages von einem Lastwagenfahrer vergewaltigt wird, hält sie nichts mehr an diesem Ort. Mit einem Jungen zieht sie auf dem Mofa hinaus in die nächste Stadt - dort muss doch, so glaubt sie, das Leben besser sein.Immer auf der Suche nach Arbeit und Geld, heuert sie zunächst als Näherin in einer Textilfabrik an - und wird alsbald wieder hinausgeschmissen. Wie gut, dass sie danach in einem Friseursalon einen wilden Menschen namens Spikey (Wie Yibo) kennen- und sogar lieben lernt. Spikey ist ein harter Hund - was Wunder, arbeitet er doch als Auftragsmörder in den Diensten der örtlichen Mafia. Auch die 36-jährige Autorenregisseurin Xiaolu Guo will es nach mehreren hoch gelobten Dokumentationen aus dem chinesischen Proletariat mächtig hart: Erst mal lernt ihre Heldin, den bewunderten Gangster auf dessen Wunsch hin mit seinem Nunchaku (Würgeholz) zu schlagen, später lässt sie sich von dem China-Macho auf erstaunliche Weise a tergo nehmen. Doch die eindrucksvolle Amour fou währt nicht lange, weil Spikey eines Tages blutüberströmt vor ihren Augen zusammenbricht. Dank eines Geldbündels, das Mei unter dem Kopfkissen findet, sieht sie sich alsbald in London wieder, nun endgültig der westlichen Welt zugetan. Noch einmal Gelegenheitsjobs, noch einmal ein Mann, diesmal betagt, der Mei in die Obhut nimmt. Dass das nicht gut gehen kann, lässt sich leicht erraten: Für eine längere Liaison taugt die selbstlose Paarung mit einem 70-Jährigen nicht. Der Inder aus der Nachbarschaft, von dem sie alsbald ein Kind erwartet, will angeblich seinerseits in seine Heimat zurück - auch Emigranten können äußerst herzlos sein. Es ist das Ende einer Reise, die der Film im Stile der Nouvelle Vague, also mit viel frischem Realismus erzählt - wobei er keinesfalls über den Horizont seiner jungen Protagonistin hinausreichen will. (Auch die zahlreichen Kapitelüberschriften, wie "Sometimes you wonder who you really are", haben wenig von Brecht oder gar Godard.) Ein sympathisches Roadmovie alles in allem - samt seiner geheimnisvollen, auch im Elend sehr unnahbaren Hauptdarstellerin Huang Lu, das letztlich von der traurigen Tatsache handelt, dass die Welt und ihre Kulturen in Zeiten der Globalisierung merklich gleichförmiger werden. Könnte auch sein, dass die doch sehr britische Machart (Kamera: Zillah Bowes, Schnitt: Andrew Bird, "Gegen die Wand", Soundtrack: John Parish) diesen Eindruck bestärkt. Sich von chinesischen Altvorderen wie Zhang Yimou ("Die rote Laterne") oder gar Kungfu-Produktionen Hongkonger Provenienz abzusetzen, ist dem kleinen Debütfilm, der in Locarno den Goldenen Leoparden gewann, aber gelungen. Einsamer als sie, die Chinesin, kann keiner sein.
weiterführende Links: Mediafiles:
Die junge Chinesin Mei (Huang Lu) schlägt sich in London mit kleinen Gelegenheitsjobs durchs Leben. Camino Filmverleih
In der nächsten Großstadt arbeitet Mei (Huang Lu, vorne) in einem "Kopfmassage"-Salon. Camino Filmverleih
Mei (Huang Lu) findet Lust am Verkleiden - schon weil sie ja auf zu neuen Ufern will. Camino Filmverleih
Meis Zauberwürfel ist von der Regisseurin Xiaolu Guo symbolisch gemeint. Immer wieder versucht die junge Chinesin Mei (Huang Lu), sich ein neues Leben zu formen. Camino Filmverleih
Auf dem Sozius einer Vespa zieht es Mei (Huang Lu) aus dem Dorf hinaus in die große Stadt. Camino Filmverleih
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