Wolfgang Bosbach: Konservativ, mit Ecken und Kanten

Heilbronn  Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach scheidet nach 23 Jahren aus dem Bundestag. Vorher hat er aber noch die Redaktion der Heilbronner Stimme besucht.

Von Wilfried Werner und Hans-Jürgen Deglow

Nein, eine Droge sei Politik für ihn nicht. Wolfgang Bosbach, Aushängeschild der Konservativen in der Union, steht nach 23 Jahren Bundestag vor einem neuen Lebensabschnitt. Sicher werde er „einige Entzugserscheinungen“ haben. Aber: „Es gibt ein Leben neben der Politik, “ erklärt der CDU-Politiker beim Redaktionsbesuch in der Heilbronner Stimme.

Populär ist er, und – wohl deshalb – nicht das, was man einen Karrieretyp nennt. Obwohl Vollblutpolitiker, war Bosbach nie Minister oder Fraktionschef. Wohl auch, weil er seine Überzeugungen nie zurückhielt, zuweilen Außenseiter-Positionen vertreten hat, etwa bei den Rettungspaketen für Griechenland.

Im Wahlkampf der CDU wird der zeitweilige Dauergast in Talkshows jedenfalls noch gebraucht, als konservatives Zugpferd. Ob die Abstimmung am 24. September nicht schon gelaufen ist, bei den Umfragewerten für die Kanzlerin? „Der größte Gegner ist die eigenen Trägheit “, sagt Bosbach, das sei wie oft beim Fußball, weiß der leidenschaftliche Fan des 1. FC Köln.

Wolfgang Bosbach
Wolfgang Bosbach beim Redaktionsbesuch bei der Heilbronner Stimme. Rechts daneben der HSt-Politikchef Hans-Jürgen Deglow. Foto: Veigel

Die Fußballbegeisterung teilt der Rheinländer mit seinem Landsmann Martin Schulz. Sein Mitleid für den in Umfragen abgestürzten Merkel-Herausforderer der SPD hält sich aber in Grenzen. Er habe den Schulz-Hype der SPD nie verstanden und hätte im übrigen Sigmar Gabriel, den jetzigen Außenminister, für den ernsthafteren Kandidaten gehalten. Aber „die Erleichterung in der SPD war wohl so groß, dass Gabriel nicht antritt, dass man sich sogar über Schulz gefreut hat.“

Lob für Kanzlerin

Wahl hin, Rückzug her, der gelernte Rechtsanwalt wird sich weiter einmischen. Aktuell ein Aufreger ist der G20-Gipfel. Beunruhigt ihn nicht, dass Schurken-Typen die Weltbühne zu beherrschen scheinen? Trump? Erdogan? Hier verteilt Bosbach Lob an die Kanzlerin. „In so einer Zeit wissen die Menschen den Politikstil von Angela Merkel zu schätzen.“ Die Kanzlerin als ehrliche Maklerin auf internationaler Ebene? Da sei sie nicht überfordert, das werde sogar von ihr erwartet, „obwohl wir keine Weltmacht sind“.

Er persönlich habe ein gutes Verhältnis zur CDU-Chefin, lag aber mit ihr politisch längst nicht immer auf einer Linie. Dies gilt vor allem für den Höhepunkt der Flüchtlingskrise, als Bosbach zu denjenigen zählte, der die zeitweilige Politik der offenen Grenzen scharf kritisierte. „Wir schaffen das“, den berühmten Satz der Kanzlerin von damals –  findet er persönlich „ja sehr sympathisch“, aber: „Wer ist wir und was ist das?“ Und er erinnert an die Last der Kommunen in der großen Krise, so auch in seinem Heimatort Bergisch Gladbach, der größte Mühe hatte, Unterkünfte bereitzustellen.

Bosbach gibt offen zu, dass er, was die Flüchtlings-Obergrenze angeht, näher bei der CSU liegt als bei der eigenen Partei. „Kein Land hat schrankenlose Aufnahmefähigkeit.“ Und trotz der vielen Anpassungsgesetze, die seither verabschiedet wurden: Der Zustrom an Migranten habe letztlich nur durch Schließung der Balkanroute nachgelassen – was ja seinerzeit von der Merkel-Regierung noch gerügt worden war.

Der leidenschaftliche Innenpolitiker Bosbach musste erleben, wie die Kanzlerin der Mitte eine konservative Position nach der anderen geräumt hat. Das hat ihm nicht immer gefallen. Und so warnt er: „Wir dürfen nicht auf der Suche nach einem neuen Wähler zwei Stammwähler verlieren.“

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Wolfgang Bosbach im Gespräch mit Redakteuren der Heilbronner Stimme. Foto: Veigel

Bosbachs Bühne war auch das Fernsehen

Wird er, der populäre Konservative, nun eine große Lücke in der CDU hinterlassen? Natürlich mag der 64-Jährige das nicht zugeben. Er habe kein Bange, dass nicht andere in seine Fußstapfen treten werden. „Es gibt einige jüngere Politiker wie Jens Spahn, Christian von Stetten oder Carsten Linnemann, die wirklich politische Schwergewichte sind.“

Bosbachs Bühne war freilich nicht nur die parlamentarische. Sechs Millionen Zuschauer habe er zuweilen bei seinen Fernseh-Talkshow-Teilnahmen erreicht. „Ich habe das immer gerne gemacht“, sagt er . Und meint vor allem den direkten Austausch von Argumenten, der im Bundestag so nicht möglich war. Im übrigen, auch wenn die Runde ungläubig dreinblickt, habe er etliche Anfragen der Sender, ja die meisten, auch abgelehnt.

Das Leben nach der Politik? Es nimmt schon Konturen an. „In wenigen Monaten reisen wir in den Oman. Jeder, der von dort zurückkommt, ist von Land und Leuten begeistert. Ich möchte einmal selber erleben, ob diese Begeisterung berechtigt ist.“ Und auch die USA möchte Bosbach gern weiter bereisen – trotz des jetzigen Präsidenten: „Mein Amerika-Bild wird überhaupt nicht von Donald Trump beeinflusst oder getrübt.“

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach, der bald nach 23 aus dem Bundestag ausscheiden wird, will sich und seiner Familie zwei Reiseträume erfüllen. Bosbach sagte im Interview mit der „Heilbronner Stimme“:


Im folgenden dokumentieren wir Zitate aus dem Gespräch:

„Ich habe von der Welt noch nicht viel gesehen, das möchte ich dringend ändern. Bereits in wenigen Monaten reisen wir in den Oman. Jeder, der von dort zurückkommt, ist von Land und Leuten begeistert. Ich möchte einmal selber erleben, ob diese Begeisterung berechtigt ist. Im nächsten Jahr soll es dann in die USA gehen. Bereits vor 30 Jahren habe ich einmal den berühmten Highway Number befahren, leider die Süd-Nord-Route, denn dann liegt der Pazifik auf der anderen Seite. Von San Francisco nach San Diego gibt es spektakuläre Ausblicke." Geplant sei auch ein Abstecher nach Las Vegas. „Damit erfülle ich auch einen Traum meiner jüngsten Tochter“, sagte der Vater von drei erwachsenen Töchtern. Bosbach fügte hinzu:  „Die Vorfreude lasse ich mir auch nicht nehmen durch die interessante Amtsführung von US-Präsident Trump.“

Rückblickend auf seine Zeit als Bundestagsabgeordneter sagte Bosbach: „Es waren 23 abwechslungsreiche, anstrengende Jahre. Aber ich hatte das große Glück, meinen persönlichen Wunschberuf ausüben zu dürfen, als  Abgeordneter meines Wahlkreises zunächst in Bonn und dann in Berlin arbeiten zu dürfen. Ich bin sehr froh, dass ich meinen kleinen, persönlichen Anteil dazu leisten durfte, dass wir eine stabile Demokratie waren, sind und hoffentlich immer bleiben werden.“

Über sein Ausscheiden aus dem Bundestag sagte er: „Sicher werde ich einige Jahre Entzugserscheinungen haben. 23 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Davor habe ich schon für einen Abgeordneten gearbeitet, als ich das Abitur nachgeholt und studiert habe. Ich musste mir ja alles selbst finanzieren.“ „Ich werde aber nicht alles vermissen. Nicht vermissen werde stundenlange Debatten, bei denen ich schon nach wenigen Minuten weiß, da kommt sowieso nichts raus, weil die Gegensätze unüberbrückbar sind. Dann schaue ich immer auf die Uhr und bete: Herr, lass Abend werden. Das brauche ich nicht mehr.“

Bosbach ergänzte: „Ich werde künftig aber auf keinen Fall durch das Regierungsviertel schleichen und ungebetene Ratschläge erteilen.“ Er behalte auch keinen Schreibtisch in Berlin. „ich habe zuhause ein Bergisch Gladbach einen ganz, ganz großen Schreibtisch, auf den genügend Arbeit passt.“

Zur Frage, ob Politik eine Droge sei, sagte Bosbach: „So eine Art Entzug wird wohl jeder Ex-Politiker machen müssen, aber man sollte sich nie total von der Politik abhängig mache. Es ist immer nur Verantwortung auf Zeit. Bundestagsabgeordnete haben nur ein Mandat für vier Jahre, und niemand sollte glauben,  man sei nach einer erfolgreichen Wahl nun Berufspolitiker bis zum Lebensende.“

„Sicher werde ich einige Zeit Entzugserscheinungen haben, 23 Jahre sind eine lange Zeit.  Eigentlich sind es sogar 35 Jahre, denn während ich mein Abitur nachgeholt und Jura studiert habe, war ich 12 Jahre lang als Abgeordnetenmitarbeiter tätig. Mein Studium musste ich mir schon selber finanzieren."

Bosbach sagte weiter: „ich bin ja nicht ganz raus aus der Politik. Ich freue mich sehr auf die Aufgabe in Nordrhein-Westfalen.“ Zur Erläuterung: Unter der neuen schwarz-gelben Landesregierung wird eine „Kommission für mehr Sicherheit in NRW“ unter Führung Bosbachs Sicherheitsstrukturen überprüfen und der Frage nachgehen.

In der Politik gebe es auch Raum für Freundschaften, erklärte der CDU-Innenpolitiker im Gespräch mit der Stimme-Redaktion. „Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, beispielsweise Clemens Binninger.“ Er ist überzeugt, dass es genügend Politiker gibt, die die wie er die konservativen Werte in der CDU hochhalten werden. „Es gibt einige jüngere Politiker wie Jens Spahn, Christian von Stetten oder Carsten Linnemann, die wirklich politische Schwergewichte sind. Ich habe im übrigen nicht das Gefühl, dass Wirtschaftliberale oder Konservative keine Heimat in der CDU hätten. Ich fühle mich nicht einsam in der CDU.“

Zu SPD-Kanzlerkandidat  Martin Schulz sagte er: „Schulz tut mir nur begrenzt leid, denn ich habe den Hype von Anfang an für völlig überzogen gehalten. Wenn man Anhänger auffordert, wollt ihr nicht einmal „Martin, Martin rufen“, dann zeigt das von einer nicht nachvollziehbaren Hybris. Die Erleichterung in der SPD war wohl so groß, dass Gabriel nicht antritt, dass man sich sogar über Schulz gefreut. Schulz hat aber den Riesennachteil, dass er nicht als Minister agiert, sondern aus der Parteizentrale heraus nörgeln muss. Ich glaube, Gabriel wäre ein ernsthafterer Konkurrent gewesen.“

Eine der wichtigsten Entscheidungen in 23 Jahren Bundestag war für Bosbach die über die Flüchtlingspolitik. „Das war die wichtigste innenpolitische Entscheidung seit der deutschen Wiedervereinigung.“

Für seine Enkelkinder wünscht sich Bosbach: „Ich möchte, dass unsere Enkel in einer Welt ohne Diktatoren leben, ohne Krieg, und ohne Angst haben zu müssen vor Feinden aller Art. Wir leben hier in Sicherheit. Aber Frieden und Sicherheit sind nicht selbstverständlich für die meisten Menschen auf dieser Erde.