Knobloch: „Jude“ ist längst wieder ein Schimpfwort

Berlin/Heilbronn  Der Fall eines übel gemobbten jüdischen Schülers in Berlin sorgt für Empörung. Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden, sieht darin keinen Einzelfall.

Von Hans-Jürgen Deglow und dpa

Charlotte Knobloch. Foto: dpa

Im Fall eines 14-jährigen jüdischen Jungen, der an einer Berliner Schule antisemitisch beleidigt und angegriffen wurde, verlangt der Zentralrat der Juden Aufklärung. „Wenn die Berichte stimmen, ist das ein erschütternder Vorgang“, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster dem Berliner „Tagesspiegel“. „Hier geht es um Antisemitismus übelster Art.“ Schuster forderte die Schulverwaltung auf, das Verhalten der Schulleitung genau zu untersuchen und Versäumnisse klar zu benennen.

Die Eltern des Betroffenen werfen der Schulleitung vor, zu spät auf die Beleidigungen und Angriffe türkisch- und arabischstämmiger Schüler reagiert zu haben.

Schuster appellierte an die muslimische Gemeinschaft, „den antisemitischen Tendenzen in ihren Reihen mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten“. Es könne nicht angehen, „dass in einem Teil der Moscheen in Deutschland Judenfeindlichkeit und Israelfeindlichkeit aktiv Vorschub geleistet wird“.

Knobloch: "Das ist kein Einzelfall"

Charlotte Knobloch, ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden, zeigte sich ebenfalls entsetzt. Sie sagte der Heilbronner Stimme: „Das ist kein Einzelfall. Immer wieder und immer öfter werden jüdische Schülerinnen und Schüler angefeindet, ausgegrenzt oder sogar körperlich angegriffen - weil sie Juden sind.“ Sie erklärte weiter: Das Wort Jude ist längst wieder ein Schimpfwort auf den Schulhöfen ebenso wie im Fußballstadion.“

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern fügte hinzu, es dürfe nicht sein, „dass jüdische Menschen sich nicht mehr trauen, ihre Religion anzugeben oder diese offen zu zeigen. Leider ist dies schon vielfach bittere Realität - im Deutschland des 21. Jahrhunderts.“ Es sei Aufgabe von Politik und Zivilgesellschaft, diesen inakzeptablen Zustand zu beenden.

Wie reagiert die Schule?

Die Mutter des Jungen hatte der englischsprachigen Zeitung „The Jewish Chronicle“ von Beleidigungen und Angriffen erzählt. Einer der anderen Schüler soll gesagt haben: „Du bist eigentlich ein cooler Typ, aber ich kann nicht mit dir befreundet sein“. Und: „Juden sind alle Mörder.“ Mittlerweile hat der 14-Jährige Sohn die Friedenauer Gemeinschaftsschule verlassen. Die Schulleitung hat nach eigenen Angaben Strafanzeige erstattet und auch disziplinarische Konsequenzen angekündigt. Zwei Schüler, die den 14-jährigen angriffen, sollen von der Schule verwiesen werden.

Immer wieder werden Vorfälle bekannt, bei denen Juden in Berlin antisemitisch belästigt, beleidigt und mitunter sogar angegriffen werden. Neben Rechtsextremen und Neonazis sind oft arabisch- und türkischstämmige Jugendliche und Männer die Täter.

Laut Zeitungsberichten haben an der Friedenauer Gemeinschaftsschule etwa 75 Prozent der Schüler eine andere Muttersprache als Deutsch, viele kommen aus türkischen oder arabischen Familien - so auch die jugendlichen Angreifer.