"Ich führe das Leben eines Sklaven"

Interview  Vitali Klitschko über den Ukraine-Konflikt, den Aufschwung in Kiew und seine Zukunft.

Von Jürgen Rahmig

Vitali Klitschko mauserte sich vom erfolgreichen Boxer zum angesehenen Politiker. Foto: dpa

Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko (46) ist seit 2014 Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt Kiew und hat mit UDAR eine Partei gegründet. Der promovierte Sportwissenschaftler hat bewiesen, dass ein Boxer erfolgreicher Politiker werden kann. Seine Prominenz setzt er für sein Land und für eine Kinderstiftung ein. Wir sprachen auf der Münchner Sicherheitskonferenz mit ihm.

 

Kann eine Blauhelmmission in der Ostukraine zur Lösung des Konfliktes mit Russland beitragen?

Vitali Klitschko: Die Ukraine hat eine Blauhelmmission der Uno vorgeschlagen, insbesondere um die Grenze nach Russland zu kontrollieren. Ich glaube, heute braucht man nicht immer wieder von neuem zu erklären und erzählen, was dort los ist. Jeder versteht das inzwischen. Ohne finanzielle Unterstützung, ohne Waffenlieferung, ohne Propaganda aus Russland hätte dieser Konflikt niemals stattgefunden. Russland ist voll involviert. Man muss mit Russland sprechen.

 

Wer muss mit Russland sprechen?

Klitschko: Die internationale Gemeinschaft in der Form des internationalen Normandie-Formats. Wir müssen verstehen, das ist ein geopolitischer Konflikt. Der Grund dafür ist der Wunsch der Ukraine, ein Teil der Europäischen Union zu werden. Das passt nicht in die Pläne unseres östlichen Nachbarn.

 

Was meinen Sie, was will Putin noch?

Klitschko: Hier geschieht genau dasselbe wie bei der Abspaltung Abchasiens und Südossetiens von Georgien oder in Transnistrien. Und jetzt also der Donbass. Das trägt alles dieselbe Handschrift. Russland versucht auf diese Weise die Ukraine zu kontrollieren.

 

Das ist der Ist-Zustand. Es gibt das Minsker Abkommen, das wird aber nur teilweise eingehalten. Viele Politiker sagen, der Konflikt braucht jetzt einige Jahre, um zu erkalten, und dann löst sich das irgendwie von selbst.

Klitschko: Dann ist es ein eingefrorener Konflikt. Man muss verstehen, dass sich dieser Konflikt nicht von selbst auflöst. Die russisch-ukrainische Grenze muss geschlossen und die Aktivitäten dort international kontrolliert und überwacht werden. Der beste Weg allerdings, um der Welt zu zeigen, dass sich die Ukraine demokratischen europäischen Werten verpflichtet und darin verwurzelt fühlt, ist der wirtschaftliche und politische Erfolg der Ukraine. Das wäre die beste Antwort an unsere Feinde und auch für unsere Freunde.

 

Warum wollten sie Bürgermeister in Kiew werden?

Klitschko: Ich wollte Bürgermeister werden, weil alle Veränderungen und Reformen von der Hauptstadt Kiew ausgehen. Inzwischen ist Kiew im Vergleich zu anderen Regionen in der Ukraine zu einer Wohlstandsinsel geworden. Wir müssen diesen Erfolg weiter verbreiten.

 

Was hat sich in Kiew verändert? Als Sie 2014 zum Bürgermeister gewählt wurden, war die Stadt praktisch pleite.

Klitschko: Dazu ein paar Zahlen. Das Kiewer Haushaltsbudget hat sich in zwei Jahren verdoppelt. In der Ukraine gibt es ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent im Jahr, in Kiew sind es dagegen 30 Prozent. Diese Zahlen erscheinen nicht sofort vertrauenswürdig und manche Leute sagen, da passt doch etwas nicht zusammen. Doch ich sage, das hat auch etwas mit der zunehmenden Transparenz aller Prozesse zu tun, mit dem Kampf gegen illegalen Handel und damit, die Wirtschaft aus dem Schattenbereich zu holen. Und die Stadt ist viel sicherer geworden. Die Abläufe und die finanziellen Beziehungen müssen transparent sein. So bringt der wirtschaftliche Wettbewerb zwischen den Unternehmen mehr Einkommen in unsere Stadtkasse. Auf diese Weise konnten wir unsere städtischen Schulden um weniger als die Hälfte reduzieren. Wir haben unser Budget fast verdoppelt. Jeder weiß, ohne Geld sind Reformen und Veränderungen nicht möglich. Ich bin glücklich, denn ich bin ein Politiker, der das macht, was er sagt, und die Menschen sehen die Veränderungen in unserer Stadt.

 

Kiew ist zur Modellstadt in der Ukraine geworden.

Klitschko: Jeder kennt mich als Sportsmann. Ich sage deshalb spaßeshalber, ich biete mich persönlich als Bodyguard für jeden Investor an. Ich schütze ihn vor Korruption und Bürokratie. Ich bin sehr glücklich sagen zu können, dass derzeit 60 Prozent aller Investitionen in der Ukraine in der Hauptstadt realisiert werden. Das ist ein gutes Zeichen für andere Investoren. In Kiew gibt es keine Arbeitslosigkeit, stattdessen pendeln sogar mehr als eine halbe Million Menschen täglich vom Umland zur Arbeit in die Stadt. Wir zahlen in Kiew die höchsten Löhne im Land, andererseits gibt es hier auch die beste soziale Unterstützung. In Kiew sieht man Veränderungen, Kiew entwickelt sich dynamisch. Wir haben noch riesige Probleme mit der veralteten Infrastruktur, aber im Vergleich zu anderen Regionen ist Kiew heute eine Wohlstandsinsel.

 

Woran liegt es, dass es in den anderen Städten nicht so läuft wie in Kiew?

Klitschko: Es gibt viele Gründe dafür. Es ist klar, dass die Hauptstadt eine besondere Rolle spielt als finanzielles, kulturelles und gesellschaftliches Zentrum. Wir sind die erste Stadt, welche die Abstimmung durch persönliches Erscheinen kontrolliert. Im Kiewer Stadtrat kann nicht durch Stellvertreter abgestimmt werden. Wir haben viele Abgeordnete in der Ukraine, die sich nicht um die Interessen der Einwohner kümmern. Es gibt hier auch Stimmenkauf. Diese ganze Problemlage ist für Deutsche schwer zu verstehen.

 

Sie sind weltweit bekannt. Spielt das bei ihren Erfolgen in Kiew eine Rolle?

Klitschko: Ich sage ehrlich, ich nutze meinen Promi-Status und meine Erfahrung als Weltbürger. Ich habe vieles gesehen und viele Kontakte und nutze das für meine Stadt. Diese Prominenz ist für mich als Bürgermeister ein großer Vorteil. Es ist aber auch klar, dass es für die Ukraine sehr gefährlich wäre, zu diesem Zeitpunkt keine Freunde zu haben. Wir verstehen andererseits, dass es unsere persönliche Aufgabe ist, Änderungen einzuführen und das Land zu reformieren. Niemand kann das besser als die Ukrainer selbst.

 

Noch immer hat man auch in Deutschland den Eindruck, viele Unternehmen haben Angst, in der Ukraine zu investieren.

Klitschko: Viele ausländische Unternehmer sagen, eine Investition hier sei noch ein zu großes Risiko, es sei zu gefährlich, das Land sei weder politisch noch wirtschaftlich stabil. Meine Antwort an sie ist: Es ist die Zeit, eine günstige Gelegenheit zu nutzen. Wir wollen ein demokratisches, modernes europäisches Land werden. Ich sehe Polen als ein super Beispiel und Vorbild für die Ukraine. Vor 15 Jahren war das Bruttosozialprodukt Polens noch ein Drittel von dem der Ukraine zu diesem Zeitpunkt. Heute ist das von Polen wesentlich höher als das der Ukraine.

 

Wie geht es bei Ihnen persönlich weiter? Treten Sie bei den nächsten Bürgermeisterwahlen wieder an?

Klitschko: Die nächsten Bürgermeisterwahlen sind 2020. Ich erlebe jetzt meine zweite Amtsperiode. Ich habe noch sehr viele Projekte in Kiew. Wir benötigen noch mehr Kindergärten, wir brauchen weitere Schulen und Krankenhäuser und Dienstleistungsangebote. Kiew muss weiter saniert werden und wir brauchen natürlich noch mehr Investoren. Ich möchte eine komplett neu konstruierte Brücke über den Dnjepr. Wir haben viele Projekte, die von großer Bedeutung für die Stadt und für das Land sind. Ich habe Ambitionen und Ziele, aber es gibt auch noch sehr viele Herausforderungen.

 

Das alles ist harte Arbeit. Wie viel Zeit bleibt Ihnen für andere Dinge?

Klitschko: Ich sage ehrlich, ich führe das Leben eines Sklaven, denn ich habe keine Zeit für die Familie, die Kinder, die Freunde. Die Probleme von vier Millionen Einwohnern in Kiew sind meine Probleme geworden. Ich muss und werde diese Probleme lösen. Ich sehe es positiv und es macht viel Freude, wenn ich auf der Straße Leute treffe und die sagen danke für die neue Straße oder den neuen Kindergarten oder danke für die neue Schule. Dann spüre ich, all das ist nicht umsonst. Ich bin noch jung, habe noch viel Kraft und habe meine eigene Vorstellung davon, wo ich hin will.

 

Wie ist das mit ihren Träumen?

Klitschko: Ganz ehrlich, ich habe alle meine Träume wahrmachen können. Als Kind habe ich davon geträumt, Pilot zu werden. Mir wurde aber gesagt, ich sei viel zu groß dazu. Doch zig Jahre später habe ich meine Privatfliegerlizenz gemacht. Als Kind habe ich auch davon geträumt, einmal Boxweltmeister zu werden. Das hatte natürlich keiner geglaubt, aber ich habe es geschafft, denselben Gürtel zu erobern, den auch Tyson oder The Greatest Muhammad Ali hatten. Keiner hat geglaubt, ein Boxer könnte Politiker oder Bürgermeister werden, weil ich keine richtige Ausbildung dafür habe. Aber ich weiß eines, wenn du etwas willst und genug Willen und Beharrlichkeit dazu hast und Leute um dich, die ähnliche Visionen haben, wirst du Erfolg haben.