Familiennachzug zu Flüchtlingen in Deutschland steigt stark an

Heilbronn  Im Herbst 2015 rechneten manche Politiker noch mit einem millionenfachen Nachzug von Familienangehörigen zu Flüchtlingen nach Deutschland. Die Schätzungen liegen weit daneben, wie die Heilbronner Stimme jetzt erfuhr.

Von Jens Dierolf

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Die Zahl der Familiennachzüge zu Flüchtlingen in Deutschland hat im ersten Halbjahr spürbar angezogen. Im ersten Halbjahr 2017 stellte das Auswärtige Amt insgesamt 25.500 Visa für die Familienzusammenführung zu syrischen und irakischen Schutzberechtigten aus, im ersten Halbjahr 2016 waren es 15.500, im ersten Halbjahr 2015 lediglich etwa 7000. Das erfuhr die Heilbronner Stimme aus Kreisen des Auswärtigen Amtes.

Damit bleibt der Familiennachzug aber immer noch deutlich hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. Im Herbst 2015 war etwa Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner von bis zu sieben Millionen Nachzüglern zu Familienangehörigen in Deutschland ausgegangen. Der Familiennachzug wurde durch das sogenannte Asylpaket II allerdings bereits stark eingeschränkt.

Mehr Visa werden ausgestellt

Insgesamt stieg die Zahl der ausgestellten Visa für sogenannte Familienzusammenführungen deutlich an. Von 30.000 im ersten Halbjahr 2015 über 45.000 im ersten Halbjahr 2016 auf 62.000 von Januar bis Ende Juni 2017. Bei dieser Gesamtzahl nimmt das Auswärtige Amt keine Unterscheidung nach Nationalitäten vor. 

Auch beim Nachzug zu minderjährigen Flüchtlingen verzeichnete das Auswärtige Amt nach Informationen unserer Zeitung einen spürbaren Anstieg. Im ersten Halbjahr 2016 waren es demnach 550, im ersten Halbjahr 2017 insgesamt etwa 4000.  Für das Jahr 2015 gab es demnach noch keine gesonderte Erhebung. 

Auswärtiges Amt erwartet bis zu 300.000 Personen

Das Auswärtige Amt erwartet 200.000 bis 300.000 Personen als Familiennachzug. Bei dieser Berechnung berücksichtigt das Ministerium unter anderem die Zahl der bisherigen Terminanfragen (etwa 100.000) und die Zahl der bereits bearbeiteten Fälle. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) nennt beim Familiennachzug einen Faktor von 0,9 bis 1,2 je anerkanntem Flüchtling. 

Die Wartezeiten in den deutschen Auslandsvertretungen zur Erteilung von Visa in den Konsulaten rund um das Bürgerkriegsland Syrien hat sich nach Informationen unserer Zeitung in den vergangenen Monaten deutlich reduziert. Demnach liegt die Wartezeit in der Türkei derzeit nur noch bei einem Monat (im Vergleich zu 12 Monaten im vergangenen Jahr). In Erbil sank die Wartezeit demnach von 18 Monaten auf 7 Monate. Angesichts der derzeit geschlossenen Grenze zur Türkei konzentriert sich der Andrang von weiteren bis zu 100.000 angefragten Terminen auf die Botschaft in Beirut. Dort beträgt die Wartezeit momentan etwa 9 bis 12 Monate.