Armutsrisiko erhöht sich mit jedem Kind

Berlin  Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass Familien schlechter gestellt sind als bisher angenommen. Die neue GroKo will gegensteuern, erntet für ihre Pläne aber auch viel Kritik.

Von Bianca Zäuner und dpa

Armutsrisiko erhöht sich mit jedem Kind

Je mehr Kinder eine Familie hat, desto höher ist ihr Armutsrisiko. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung. Foto: dpa

  Foto: Ralf Hirschberger

Die Entscheidung für Familienzuwachs ist nicht zuletzt eine finanzielle Frage: Denn das Armutsrisiko von Familien erhöht sich mit jedem weiteren Kind, wie aus einer gestern veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor geht. Danach war 2015 rund jedes achte Paar (13 Prozent) mit einem Kind armutsgefährdet, rund jedes sechste Paar mit zwei Kindern (16 Prozent) und fast jedes fünfte (18 Prozent) mit drei Kindern.

Als arm gelten demnach Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Die Studie beruht auf Zahlen des Statistischen Bundesamts und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Neue Berechnungsart

Das Armutsrisiko von Familien sei damit deutlich höher, als bislang angenommen, so die Forscher der Ruhr-Universität Bochum, die die Studie erstellt haben. Sie kritisieren die in der Armutsforschung weit verbreitete OECD-Methodik − und setzen auf eine neue Berechnungsart. Eine Folge der bisherigen OECD-Methodik sei, dass arme Haushalte systematisch reicher gerechnet werden als sie sind, und reiche Haushalte systematisch ärmer, sagt Antje Funcke, Expertin für das Thema bei der Bertelsmann-Stiftung.

Ein Beispiel: Die Studie der Bertelsmann-Stiftung geht davon aus, dass 68 Prozent der Alleinerziehenden 2015 armutsgefährdet waren − nach der OECD-Methodik sind es mit 46 Prozent deutlich weniger.

Die Forscher fordern, angesichts der neuen Studie ein größeres Gewicht auf die Bekämpfung von Armut zu legen.

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Kindergeld soll erhöht werden

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) sagte in Reaktion auf die Studie: "Kinderarmut ist eines der drängendsten Probleme in unserem Land." In den Koalitionsgesprächen habe man bereits ein milliardenschweres Paket zur Bekämpfung von Kinderarmut durchsetzen können.

Künftig will die Koalition unter anderem das Kindergeld erhöhen. Zudem soll der Kinderzuschlag für Einkommmensschwache erhöht werden, der Kindern ein garantiertes Existenzminimum sichern soll. Von der Opposition kommt Kritik an diesen Maßnahmen: Die Kindergelderhöhung sei nicht zielführend, sagt Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der grünen Bundestagsfraktion. "Union und SPD machen genau da weiter, wo sie 2017 aufgehört haben: Sie kippen mit der Gießkanne Geld aus, doch an den armen Familien geht die Kindergelderhöhung vorbei." Sie fordert: "Wir brauchen eine Kindergrundsicherung, damit endlich alle Kinder gleichermaßen von der Familienförderung profitieren."

Kein Konzept zur Armutsbekämpfung

Für Christoph Butterwegge, Armutsforscher und Kandidat der Linken bei der Bundespräsidentenwahl 2017, ist das angekündigte Maßnahmenpaket zur Bekämpfung der Kinderarmut "doch eher ein Päckchen". Es bringe zwar wichtige Erleichterungen für von Armut bedrohte Familien, aber an deren prekärer Lebenslage ändere es nichts.

Das Paket könne ein schlüssiges Konzept zur Armutsbekämpfung nicht ersetzen. "Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, nicht der ganz große Wurf. Damit wird sich die Kinderarmut nicht zurückdrängen oder gar beseitigen lassen."

 


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Wir haben uns in der Serie "Arm in Heilbronn" mit dem Leben von Menschen beschäftigt, die es besonders schwer haben, weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen. 

Eine Person gilt nach einer EU-Definition als arm, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. Doch Armut betrifft noch andere Bereiche als den Geldbeutel. Armut grenzt aus, weil der Kaffee oder das Bier mit den Freunden plötzlich zu teuer ist. Und Armut macht krank: Wer lange ohne Job ist, kein Einkommen hat oder mit einer kleinen Rente leben muss, ist häufiger krank als der Rest der Bevölkerung.

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