Analyse: Das bedeutet Trumps Antrittsrede

Heidelberg  Antrittsrede oder doch weiter Wahlkampfmodus? Viele Zuschauer waren sich nach Donald Trumps erster Rede als US-Präsident da nicht so sicher. Der Amerika-Experte Martin Thunert analysiert für uns, was Trumps Aussagen bedeuten.

Von Hans-Jürgen Deglow

Amerika-Experte Martin Thunert   Foto: Foto: privat

Der Amerika-Experte Martin Thunert vom renommierten Heidelberg Center for American Studies analysiert für die Heilbronner Stimme die Rede Trumps - und eine der letzten Amtshandlungen Barack Obamas.

 

Die Kampfansage

Der Amerika-Experte Martin Thunert vom Heidelberg Center for American Studies sagte der „Heilbronner Stimme“ zur Rede Trumps: „Das war eine Wahlkampfrede, die primär an seine eigenen Anhänger gerichtet war. Und es war eine Kampfansage und ein Frontalangriff gegen das gesamte Washingtoner Politik-Establishment. Ähnliches hat es bei einer solchen Amtsantrittsrede noch nie gegeben.“ Trump habe sich auch nicht versöhnlich gegenüber den Rest der Welt geäußert, weil er deutlich gemacht hat, dass die Handelspartner mit einem beinharten Wirtschaftsprotektionismus rechnen müssen. Thunert: „Das ist nicht gerade beruhigend für viele Staaten."

 

Wahlkämpfer statt Präsident

Amtseinführung
Demonstrantinnen protestieren in Bristol (Großbritannien) nach der Amtseinführung von Trump für die Rechte von Frauen. Foto: Ben Birchall

Vier Fünftel der Ansprache von Donald Trump waren nach Ansicht des Amerika-Experten identisch mit seinen Wahlkampfreden beziehungsweise Reden, die er schon nach dem Wahlsieg gehalten hat. Thunert sagte, die Rhetorik der Rede sei für ihn nicht überraschend gewesen. „Sie war, wie wir sie kennen: Kurze Sätze, sehr drastisch, sehr deutlich. Nur zum Schluss hin wurde es dann etwas schwülstiger und pathetischer, um dann in den Slogan Make America great again zu münden.“

 

Vorbild Nixon

Der US-Kenner Thunert verweist darauf, dass Trump wohl Hilfe der beiden Redenschreiber Bannon und Miller gehabt habe, und dass diese sich zuvor Reden von Kennedy, Nixon und Reagan genau angeschaut hätten. Thunert: . „Wenn ich etwas in dieser Rede wiedergefunden habe, dann war es weniger von Kennedy oder Reagan, sondern eher die nackte Machtpolitik von Nixon.

 

Dominanter Partner

Die Antrittsrede habe laut Thunert auch deutlich gemacht, „dass Trump zwar Kontakte mit der Welt haben will, aber lieber auf bilateraler Ebene“. Und dies am besten aus einer dominanten Position heraus. Ein Auseinanderfallen der EU wäre also gar keine Katastrophe für Trump. 

 

Der Krieger

Die Bemerkungen des neuen Präsidenten zum Kampf gegen den Islamismus ließen an „Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig“. Vermutlich wolle Trump stark mit Russland kooperieren, und er „wird auch vor drastischen Mitteln und militärischen Schlägen sicher nicht zurückschrecken“.

 

Die Religion

Sehr symbolisch sei es gewesen, so Thunert, dass am Schluss der Rede – anders als bei Barack Obama – kein muslimischer Geistlicher aufgetreten sei. Die Betonung der Religion in Trumps Rede sei ein Zugeständnis an den konservativen Teil seiner Partei gewesen. Insgesamt sei die Macht des religiösen Flügels während der Bush-Zeit schon einmal deutlicher stärker in der Republikanischen Partei gewesen. Thunert: „Die Religiösen vertrauen vor allem Trumps Vize Mike Pence.

Trump selbst ist in seinem ganzen Leben noch nicht als besonders religiös aufgefallen. Von seiner ganzen Persönlichkeit her – drei Mal verheiratet, er ist New Yorker, mag Schönheitswettbewerbe und wilde Partys – ist er beileibe kein wiedererweckter Christ wie George W. Bush.“ Abzuwarten sei, ob Trump den Religiösen entgegenkomme und beispielsweise Richter in den Supreme Court entsenden lasse, die das verbriefte Recht auf Abtreibung in den ersten drei Monaten zurücknehmen, damit die einzelnen Bundesstaaten wieder selbst entscheiden können.

 

Vor der Rede - Obamas letzter Akt

Barack Obama
Präsident Barack Obama spricht während seiner letzten Pressekonferenz im Pressezentrum des Weißen Hauses in Washington. Foto: Evan Vucci

Als eine seiner letzten Amtshandlungen rief Barack Obama bei Bundeskanzlerin Angela Merkel an. Thunert wertet diesen Anruf als Sorge um die transatlantischen Beziehungen. Der US-Experte erklärt: Er wollte ihr mit dem Anruf sicher Mut machen, die Prinzipien des Westens notfalls auch gegen Trump zu verteidigen." Die Frage sei aber, ob „Merkel-Deutschland dazu überhaupt in der Lage ist, denn deutsche Führung kommt nicht überall in Europa gut an."

 

Meinung

Unser Politik-Chef Hans-Jürgen Deglow macht sich nach Trumps Antrittsrede Sorgen. Hier lesen Sie seinen Kommentar.