Nur eine Nacht

ZDF, 06.06.2013, 20:15:00

Von Eric Leimann (teleschau - der mediendienst)

Nur eine Nacht
Musicaldarsteller in der ZDF-Primetime (von links): Patrick Baehr (Ollie), Jördis Richter (Annika), Yvonne Catterfeld (Ina), Pasquale Aleardi (Marc), Nora Sänger (Merina) und Marc Barthel (Ronnie). ZDF / Georges Pauly
Die Handlung ist so dünn wie ein Schweißband. Das allein konnte jedoch auch andere Musicals nicht kaputt machen: Marc Simon (Pasquale Aleardi, "Dutschke") hat seine besten Tage als Popstar hinter sich. Finanziell steht der lockige Beau vor dem Ruin. Die Produktion einer Musikshow scheint seine letzte Chance. Dass Manager Walter (Matthias Brenner) auch Marcs Ex Ina (Yvonne Catterfeld) als Vocal Coach mit ins Boot geholt hat, erfährt er erst kurz vor der Begegnung mit den "Talents", wie man neudeutsch die Teilnehmer eines Castings bezeichnet.

In mehreren Runden gilt es, die besten Sänger und Tänzer für die Show ausfindig zu machen. Plötzlich kommt noch eine zusätzlich Dynamik in das gesungene Hauen und Stechen: Der Hauptsponsor will bereits am nächsten Morgen einen schmissigen Auszug aus dem Programm sehen, anderweitig wird er sein finanzielles Engagement beenden. Marc, Ina und ihre Talente haben nur eine Nacht Zeit, um etwas Begeisterndes auf die Bühne zu bringen.

Den 1953 geborenen Autor und Regisseur Thorsten Näter kennt man als altgedienten Fernseharbeiter in Sachen Krimi und sozial engagierte Dramen. Kaum jemand weiß, dass der Mann auf einem Konservatorium Musik studiert hat und schon immer davon träumte, einen Musikfilm zu drehen. Dass in der deutschen Filmlandschaft längst keine Strukturen mehr für dieses Genre existieren, musste allerdings auch der Hamburger Filmemacher bei der Arbeit feststellen: "Wir hatten unter anderem das Problem", sagt er, "dass unsere jungen Darsteller eine wilde Mischung aus Schauspielern, Sängern und Musikern waren, von denen einige Hauptrollen in Musicals spielen, während andere noch nie getanzt hatten."

In der Tat hatte Näter Probleme, seine 28 Rollen hochkarätig zu besetzen. Aus der einem E-Casting - einer Videobewerbung - von 600 Kandidaten wurden 100 zum vorsingen, spielen und tanzen eingeladen. Für derlei Vorbereitungen und die Proben ging bereits viel Zeit und Geld drauf, was am Ende wohl ein bisschen fehlte. Leider sieht man dem Film sein "Low Budget" ein wenig an, was umso mehr ins Gewicht fällt, da Geschichte und Songs eher mainstreamig angelegt sind. Mit hochkarätig in Szene gesetzten Musicalfilmen wie dem oscarprämierten "Dreamgirls" (2006) oder auch Serien wie "Glee" oder "Smash" hat das Ganze wenig zu tun.

Dass man in einer leeren Fabriketage mit gelegentlichem Elbblick singt, leidet und tanzt - geschenkt. Tanz und Musik können auch in überaus spartanischen Varianten bewegen. Dann jedoch hätte man sich einen etwas individuelleren Ansatz gewünscht als klischeehafte Figuren: der böse Rapper aus der Gosse, die spießig Schüchterne mit der großen Stimme, die Zicke mit der Lebenslüge. Auch die zahlreichen Coversongs wie "Ain't No Mountain High Enough" oder "His Eyes Is On The Sparrow", das schon in Musicals wie "Sister Act II" Verwendung fand, kennt man zu Genüge. Immerhin, einige deutschsprachige Originalsongs, die extra für die Story komponiert wurden, fanden auch den Weg in den Film.

Am Ende tanzt die ganze Gruppe samt Passanten in einer lustigen Flashmob-Performance am Hamburger Hauptbahnhof. Solch eigene Ideen abseits des Wir-inszenieren-ein-Musical-so-wie-ein-Musical-eben-aussieht-Klischees hätte man sich bei diesem grundsätzlich sehr lobenswerten Projekt noch mehr gewünscht. Dass Musical eigentlich ein tolles Filmgenre ist, weil man mit Gesang und Tanz das Drama verdichten und auf neue emotionale Ebenen hieven kann, scheint man in Deutschland lange vergessen zu haben. Vielleicht gibt es ja jetzt ein Revival dieser hierzulande stets ein wenig skeptisch beäugten Idee. Auch in der SAT.1-Show "Got to Dance" wird man in den kommenden Wochen einen Eindruck davon erhalten, was in Deutschlands Off-Off-Privatszene so an tänzerischer Kreativität seinen Weg auf die Bühne sucht. Deutsche, macht euch schon mal locker!

Titel Nur eine Nacht
Sendedatum 06.06.2013
Sendezeit 20:15:00
Sender ZDF
Produzent BR

weiterführende Links:


Nur eine Nacht
Marc (Pasquale Aleardi, vorn) erklärt den jungen Sängern und Tänzern, was er von ihnen erwartet. Vocal Coach Ina (Yvonne Catterfeld) und Manager Walter (Matthias Brenner, rechts) vervollständigen das Team. ZDF / Georges Pauly
Nur eine Nacht
Marc (Pasquale Aleardi) und Ina (Yvonne Catterfeld) haben viel zu tun - und nur eine Nacht Zeit. ZDF / Georges Pauly
Nur eine Nacht
Tanzen macht Spaß: Pasquale Aleardi (links) und Yvonne Catterfeld (zweite von rechts) sind die Stars des ersten deutschen TV-Musicals seit Ewigkeiten. ZDF / Georges Pauly
Nur eine Nacht
Marc (Pasquale Aleardi) flattern vor seiner Begegnung mit Ex-Freundin Ina die Nerven. Mit dem Soulklassiker "Ain't No Mountain High Enough" versucht er die Energie los zu werden. ZDF / Georges Pauly
Nur eine Nacht
Die schüchterne Annika (Jördis Richter) soll vor der Gruppe etwas vorsingen. ZDF / Geor
Nur eine Nacht
Der Flashmob am Hamburger Hauptbahnhof: Eine der besseren Ideen des ZDF-Musicals "Nur eine Nacht". ZDF / Georges Pauly