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Ein Jahr nach morgen
Eric Leimann (teleschau - der mediendienst)
In einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen sind zwei Menschen erschossen worden. Die Täterin: eine 16-jährige Schülerin aus gutem Hause. Der Film von Aelrun Goette ("Keine Angst") beginnt ein Jahr nach der Tat. Leise, manchmal qualvoll langsam, sucht er bei den beteiligten Menschen nach Antworten. Bei der Täterin und ihren Eltern, den Hinterbliebenen eines der Opfer sowie dem besten und wahrscheinlich einzigen Freund der Amokläuferin. Nach dem großartigen Sozialdrama "Keine Angst", das zu Recht mit Preisen überhäuft wurde, wendet sich Autorin und Regisseurin Aelrun Goette auch hier wieder einem knallharten Stoff zu. Dabei hebt sich ihr Ansatz durch den Perspektivwechsel der Figuren und das Auslassen der Tat von anderen Amok-Filmen ab. Goettes Film gräbt tief in der Psychologie der Beteiligten. Alles jedoch, ohne viele Worte zu machen. Dank der großartigen Schauspieler ein gelungenes Experiment. Wenige Tage nach der Vorpremiere auf ARTE zeigt auch das Erste den Film: am Mittwoch, 26. September, 20.15 Uhr.
Julius (Jannis Niewöhner) war Lucas Vertrauter. Ein hübscher, sensibler Junge. Aufgrund seiner Beziehung zur Täterin spätestenes jetzt in der Schule ein Außenseiter. Julius hatte Luca ihre Pläne gestanden. Mit dem Jagdgewehr des Vaters vor ihm Probe gestanden. Nun macht sich Julius stumme Vorwürfe, Lucas Pläne nicht verhindert zu haben. Auch eine Mutter von zwei Kindern ist von Lucas Kugeln tödlich getroffen worden. Vater Klaus (Matthias Bundschuh) sowie die beiden Kinder, Teenager Nadine (Isolda Dychauk) und der kleine Andreas (Maurizio Magno), blieben allein zurück. Während sich Klaus völlig zurückgezogen hat, kümmert sich Nadine um ihren kleinen Bruder, der den Tod der Mutter einfach leugnet.
Bleibt noch die Familie der Täterin, die seit der Tat nur noch schweigt und während der Gerichtsverhandlung den Blick zur Mutter systematisch meidet. Lucas Vater Jürgen darf erst gar nicht in den Gerichtssaal hinein. Weil die beiden Opfer mit seinem Jagdgewehr erschossen wurden, droht auch ihm eine Anklage. In der Gerichtsverhandlung soll unter anderem geklärt werden, ob der Vater fahrlässing gehandelt hat - was die Aufbewahrung seiner Waffen betrifft. Mit verzweifelt zur Schau gestellter Logik - "Wir schaffen das" ist in Varianten sein häufigster Satz - will Vater Jürgen sein Geschäft, seine Ehe, seine Familie retten - auch wenn kaum noch etwas davon übrig ist.
Die heimliche Hauptdarstellerin des Films in einem herausragenden Ensemble ist jedoch Margarita Broich, privat übrigens Ehefrau des Leipziger "Tatort"-Kommissars Martin Wuttke und Mutter zweier Söhne. Vielleicht weil Drehbuch und Regie ebenfalls von einer Frau (und Mutter) stammen, ist Aelrun Goettes Blick auf die Figur die Mutter der Täterin am intensivsten. Mit fast unerträglicher Wucht fängt die Kamera Katharinas Verzweiflung ein. Eine Verzweiflung in Stille. Ein Leiden der Schritte, Blicke und Gesten. Fast fühlt man sich an eine der gequälten Frauenfiguren aus Filmen von John Cassavetes ("Eine Frau unter Einfluss") oder Amos Kollek ("Sue - Eine Frau in New York) erinnert. Margareta Broichs Darstellung braucht sich hinter jenen Meilensteinen des "Torch"-Films jedenfalls nicht zu verstecken.
Aelrun Goettes Filme ("Die Kinder sind tot", "Unter dem Eis", "Tatort - Der glückliche Tod") erzählen fast immer von Gewalt und Tod. Weil ihre Protagonisten oft Kinder oder Jugendliche sind, trifft den Zuschauer die Wucht ihrer Versuchsanordnungen umso heftiger. "Ein Jahr nach morgen" ist ein langsamer Film. Einer, der sich Zeit lässt, das individuelle Leid, den zwischenmenschlichen Horror ein Jahr nach der Tat auszuloten. Antworten - und das ist eine weitere Qualität aber auch Härte des Films - gibt er nicht. Es ist kaum anzunehmen, dass bei diesem Primetime-Horrortrip besonders viele Zuschauer bei der Stange bleiben werden. Und doch sind genau solche Filme wichtig - vor allem wenn es um die Mittwochs-Primetime der ARD geht. Weil sie dem Medium Fernsehen eine quälende Wucht verleihen. Eine, die in die Nacht und den folgenden Tag hineinstrahlt.
| Titel | Ein Jahr nach morgen |
| Sendedatum | 21.09.2012 |
| Sendezeit | 20:15:00 |
| Sender | ARTE |
| Produzent | WDR |
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