Ein Jahr nach morgen

ARTE, 21.09.2012, 20:15:00

Von Eric Leimann (teleschau - der mediendienst)

Ein Jahr nach morgen
Luca (Gloria Endres de Oliveira) zeigt ihrem Freund Julius das Jagdgewehr ihres Vaters. WDR / David Baltzer
Luca (Gloria Endres de Oliveira) ist einer jener Teenager voller Hass und Weltschmerz. Wieso? Man kann es nur erahnen. Ihr gutbürgerliches Elternhaus strahlt eine gewisse Kühle aus. Mutter Katharina und Vater Jürgen (großartig: Margarita Broich und Rainer Bock) pflegen eine höfliche Distanz. Dazu der knallharte Wettbewerb der Schule. Dort geht es um Macht, Leistung und ums Dazugehören. Dies alles ist jedoch noch kein Grund für Lucas Hass und die daraus resultierende Tat. Aelrun Goettes Film, der die gerade beginnende Gerichtsverhandlung mit Rückblenden in die Zeit vor der Tat mischt, besucht die Zurückgebliebenen des Amoklaufs.

Julius (Jannis Niewöhner) war Lucas Vertrauter. Ein hübscher, sensibler Junge. Aufgrund seiner Beziehung zur Täterin spätestenes jetzt in der Schule ein Außenseiter. Julius hatte Luca ihre Pläne gestanden. Mit dem Jagdgewehr des Vaters vor ihm Probe gestanden. Nun macht sich Julius stumme Vorwürfe, Lucas Pläne nicht verhindert zu haben. Auch eine Mutter von zwei Kindern ist von Lucas Kugeln tödlich getroffen worden. Vater Klaus (Matthias Bundschuh) sowie die beiden Kinder, Teenager Nadine (Isolda Dychauk) und der kleine Andreas (Maurizio Magno), blieben allein zurück. Während sich Klaus völlig zurückgezogen hat, kümmert sich Nadine um ihren kleinen Bruder, der den Tod der Mutter einfach leugnet.

Bleibt noch die Familie der Täterin, die seit der Tat nur noch schweigt und während der Gerichtsverhandlung den Blick zur Mutter systematisch meidet. Lucas Vater Jürgen darf erst gar nicht in den Gerichtssaal hinein. Weil die beiden Opfer mit seinem Jagdgewehr erschossen wurden, droht auch ihm eine Anklage. In der Gerichtsverhandlung soll unter anderem geklärt werden, ob der Vater fahrlässing gehandelt hat - was die Aufbewahrung seiner Waffen betrifft. Mit verzweifelt zur Schau gestellter Logik - "Wir schaffen das" ist in Varianten sein häufigster Satz - will Vater Jürgen sein Geschäft, seine Ehe, seine Familie retten - auch wenn kaum noch etwas davon übrig ist.

Die heimliche Hauptdarstellerin des Films in einem herausragenden Ensemble ist jedoch Margarita Broich, privat übrigens Ehefrau des Leipziger "Tatort"-Kommissars Martin Wuttke und Mutter zweier Söhne. Vielleicht weil Drehbuch und Regie ebenfalls von einer Frau (und Mutter) stammen, ist Aelrun Goettes Blick auf die Figur die Mutter der Täterin am intensivsten. Mit fast unerträglicher Wucht fängt die Kamera Katharinas Verzweiflung ein. Eine Verzweiflung in Stille. Ein Leiden der Schritte, Blicke und Gesten. Fast fühlt man sich an eine der gequälten Frauenfiguren aus Filmen von John Cassavetes ("Eine Frau unter Einfluss") oder Amos Kollek ("Sue - Eine Frau in New York) erinnert. Margareta Broichs Darstellung braucht sich hinter jenen Meilensteinen des "Torch"-Films jedenfalls nicht zu verstecken.

Aelrun Goettes Filme ("Die Kinder sind tot", "Unter dem Eis", "Tatort - Der glückliche Tod") erzählen fast immer von Gewalt und Tod. Weil ihre Protagonisten oft Kinder oder Jugendliche sind, trifft den Zuschauer die Wucht ihrer Versuchsanordnungen umso heftiger. "Ein Jahr nach morgen" ist ein langsamer Film. Einer, der sich Zeit lässt, das individuelle Leid, den zwischenmenschlichen Horror ein Jahr nach der Tat auszuloten. Antworten - und das ist eine weitere Qualität aber auch Härte des Films - gibt er nicht. Es ist kaum anzunehmen, dass bei diesem Primetime-Horrortrip besonders viele Zuschauer bei der Stange bleiben werden. Und doch sind genau solche Filme wichtig - vor allem wenn es um die Mittwochs-Primetime der ARD geht. Weil sie dem Medium Fernsehen eine quälende Wucht verleihen. Eine, die in die Nacht und den folgenden Tag hineinstrahlt.

Titel Ein Jahr nach morgen
Sendedatum 21.09.2012
Sendezeit 20:15:00
Sender ARTE
Produzent WDR

weiterführende Links:


Ein Jahr nach morgen
Katharina (Margarita Broich), Mutter der Täterin, versucht zu verstehen, was nicht zu verstehen ist. WDR / David Baltzer
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Katharina (Margarita Broich) und Jürgen (Rainer Bock), die Eltern der Täterin, suchen verzweifelt die Normalität des Lebens. WDR / David Baltzer
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Luca (Gloria Endres de Oliveira) und Julius (Jannis Niewöhner) verbindet eine Freundschaft. WDR / David Baltzer
Ein Jahr nach morgen
Luca (Gloria Endres de Oliveira) schweigt vor Gericht. WDR / David Baltzer