Antisemitismus-Skandal: Ehrenpreisträger gibt Echo zurück

Klaus Voormann wurde mit dem Echo fürs Lebenswerk geehrt. Jetzt gibt der Bassist und Grafiker die Trophäe zurück. Er ist nicht der Einzige, der gegen den Antisemitismus-Skandal protestiert.

Von teleschau - der mediendienst

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Der legendäre Grafiker und Bassist Klaus Voormann (links) erhielt einen Echo fürs Lebenswerk. BAP-Sänger Wolfgang Niedecken durfte ihm die Trophäe überreichen. Behalten will Voormann seinen Echo nicht.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images

Der Skandal um die Echo-Auszeichnung der beiden Rapper Kollegah und Farid Bang zieht immer weitere Kreise. Jetzt hat der diesjährige Ehrenpreisträger bekannt gegeben, er werde seine Trophäe aus Protest zurückgeben: Klaus Voormann, der als Bassist mit einigen der Größten spielte und unter anderem das legendäre "Revolver"-Plattencover der Beatles designte, will den Echo fürs Lebenswerk nicht behalten.

Er habe sich bewusst Zeit gelassen, die Texte von Kollegah und Farid Bang genau zu studieren, schreibt Voormann in einem Statement. Nun sei er zu dem Schluss gekommen, das seine Auszeichnung eine "große Enttäuschung" sei. Der Künstler, der kommende Woche das 80. Lebensjahr vollendet, will "sein Unverständnis ausdrücken gegenüber der Verantwortungs- und Geschmacklosigkeit aller verantwortlichen Beteiligten, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen".

Dieselbe Form des Protests wählte kurz zuvor bereits das Notos Quartett Die Musiker waren 2017 mit dem Echo Klassik ausgezeichnet worden, begreifen die Ehrung aber unter den neuen Vorzeichen als "Symbol der Schande": "Die Tatsache, dass nun eben dieser Preis offenen Rassismus toleriert, ihm gar eine Plattform bietet und ihn auszeichnet, ist für uns nicht tragbar", schreiben die Klassik-Stars in einem Statement auf Facebook.

Hintergrund ist die umstrittene Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang: Die beiden Musiker gewannen am vergangenen Donnerstag in der Kategorie "Hip-Hop/Urban national" mit ihrem gemeinsamen Album "Jung, brutal, gutaussehend 3". Bereits die Nominierung hatte breite Empörung ausgelöst. Schließlich finden sich darauf die antisemitisch anmutenden Textzeilen "Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen" und "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow".

Während sich die beiden Rapper auf die "Kunstfreiheit" beriefen, hagelte es aus Politik und Gesellschaft Kritik für die Entscheidung der Preisverleiher. "Dass am Holocaustgedenktag ein solcher Preis verliehen wird, ist beschämend", schrieb Bundesaußenminister Heiko Maas auf Twitter. In eine ähnliche Kerbe schlug der jüdische Comedian Oliver Polak: "Dass der Echo diese beiden 'Künstler' am Holocaustgedenktag auftreten lässt, ist an Zynismus und Rohheit nicht zu übertreffen." Als einziger Gast der Echo-Gala äußerte Toten-Hosen-Frontmann Campino während seiner Dankesrede kritische Worte zur Skandalauszeichnung: "Wir sollten keinen tieferen Sinn suchen, wo es keinen gibt."

"Die Musikindustrie steckt den Kopf in den Sand, hofft, das Ungemach zieht vorüber, und lernt nichts", kritisierte nun auch ARD-Unterhaltungskoordinater Thomas Schreiber, bis 2016 verantwortlich für die Live-Übertragung der Preisgala. Er kommt zu der "Erkenntnis, dass dieser Echo keine Berechtigung mehr hat: weder inhaltlich noch moralisch".

Konsequenzen? Soll es geben. Wie Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI), am Sonntag erklärte, "wird der Preis auf Entscheidung des Vorstandes vom heutigen Tag nun überarbeitet werden". Details nannte Drücke nicht, jedoch versprach er eine "umfassende Analyse und die Erneuerung der mit der Nominierung und Preisvergabe zusammenhängenden Mechanismen". Der BVMI-Vorsitzende weiter: "Im Zuge der aktuellen Debatte mussten wir erkennen, dass wir uns in einem Umfeld wiederfinden, das den Preis in ein falsches Licht rückt. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben."

Ausschlaggebend für die einzelnen Echo-Verleihungen sind bisher in den meisten Kategorien die Verkaufszahlen. Aus den fünf kommerziell erfolgreichsten Acts pro Kategorie, darf eine Fachjury ihren Favoriten wählen, was wiederum zur Hälfte in die Siegerentscheidung einfließt.

Ob der Sender VOX die Echo-Gala 2019 erneut übertragen wird, ist derzeit offen.

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Auch das Notos Quartett will nicht mehr Echo-Preisträger sein: Aus Protest gegen die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang gabe die Klassik-Stars ihre Trophäe aus dem vergangenen Jahr zurück.   Foto: Uwe Arens
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"Die Tatsache, dass nun eben dieser Preis offenen Rassismus toleriert, ihm gar eine Plattform bietet und ihn auszeichnet, ist für uns nicht tragbar", schreibt das Notos Quartett in einem Statement auf Facebook.   Foto: Uwe Arens
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Es hatte große Kritik an ihrer Nominierung gegeben, am Ende durften die Rapper Farid Bang (links) und Kollegah dennoch mit einem Echo nach Hause gehen.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Nachdem Campino sich zuvor geringschätzig über ihn und seinen Rapper-Kollegen Farid Bang geäußert hatte, revanchierte sich Kollegah mit einer Campino-Karikatur.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Campino (Die Toten Hosen) gehörte zu den wenigen Anwesenden bei der Echo-Verleihung, die sich überhaupt zur Kontroverse um Kollegah und Farid Bang äußerten. Er sprach von "Grenzen" und erklärte: "Wir sollten keinen tieferen Sinn suchen, wo es keinen gibt."   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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"Dass am Holocaustgedenktag ein solcher Preis verliehen wird, ist beschämend", schrieb Bundesaußenminister Heiko Maas auf Twitter.   Foto: Michele Tantussi/Getty Images
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"Dass der Echo diese beiden 'Künstler' am Holocaustgedenktag auftreten lässt, ist an Zynismus und Rohheit nicht zu übertreffen", echauffierte sich der jüdische Comedian Oliver Polak.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Seriensiegerin beim Echo: Helene Fischer war in der Schlager-Kategorie wieder nicht zu schlagen.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Mark Forster wurde in der Kategorie "Künstler Pop National" ausgezeichnet. Bei VOX präsentiert der Sänger demnächst die neue Staffel der Musikshow "Sing meinen Song".   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Newcomer des Jahres? Laut Echo-Jury ist das Wincent Weiss. Der 25-Jährige bedankte sich artig für die Auszeichnung.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Alice Merton untermauerte auf der Bühne, warum sie als beste nationale Pop-Künstlerin des Jahres ausgezeichnet wurde.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Sehen und gesehen werden: Auch darum geht's beim Echo. Sarah Lombardi präsentierte auf dem roten Teppich ihren neuen Look.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images
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Aus Quotensicht lief die Echo-Übertragung für den Sender VOX erfreulicher als die Ausgabe des vergangenen Jahres: 1,79 Millionen Zuschauer schalteten ein. 2017 interessierten sich nur 1,28 Millionen TV-Zuschauer für den Gala-Abend.   Foto: Andreas Rentz/Getty Images