Hollywood mit deutschen Tugenden

Viele Jahre wurde darüber geredet, jetzt ist "Babylon Berlin" fertig. Vom sündhaft teuren Sittengemälde der Hauptstadt im Jahr 1929 erwarten viele die erste wirkliche Qualitätsserie aus Deutschland. Kann Tom Tykwers Serie die hohen Erwartungen erfüllen?

Von Eric Leimann

201743_323075_1_048.jpg
Ist "Babylon Berlin" die beste deutsche TV-Serie aller Zeiten? Die aufwendige ARD- und Sky-Produktion erzählt von Kriminalität und Leben im Berlin der 20er-Jahre.  Foto: ARD Degeto / X-Filme

Ja, sie sieht gut aus. Sehr gut sogar. Von Tom Tykwers Serie "Babylon Berlin", die am Freitag, 13. Oktober (20.15 Uhr), mit einer Doppelfolge beim Bezahlsender Sky 1 startet, hatte man aber auch nichts anderes erwartet. Insofern liegt ein gewisser Druck auf Deutschlands bislang teuerstem Serienprojekt. 40 Millionen Euro investierten Sky und ARD, wo "Babylon Berlin" im Herbst 2018 zu sehen sein wird, in das Sittengemälde der späten Weimarer Republik. Es entstand nach dem Roman "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher und erzählt die Geschichte des Kölner Kommissars Gereon Rath (Volker Bruch, "Unsere Mütter, unsere Väter"), der 1929 nach Berlin geschickt wird, um einen komplexen Kriminalfall zu lösen. Doch wie gut ist "Babylon Berlin" wirklich? Entwickelt es jenen erzählerischen Sog, den man von den besten internationalen Serien gewohnt ist? Und welche Vision verkaufen die Macher vom Berlin jener Zeit?

Tom Tykwer verzieht das Gesicht, als der Name Baz Luhrmann fällt. Und das liegt nicht nur daran, dass Tykwer an diesem Septembertag in Berlin Mitte, als er mit seinen Autoren- und Regiekollegen Hendrik Handloegten und Achim von Borries über das Gemeinschaftsprojekt "Babylon Berlin" spricht, ziemlich verschnupft ist. Nein, der poppig-überbordende Inszenierungsstil des australischen Oscarpreisträgers ("Moulin Rouge", "Der große Gatsby") passt dem Hollywood-erfahrenen Deutschen als Vergleich zu seinen ebenfalls sehr opulenten Szenen, mit denen er - vor allem im Tanzlokal Moka Efti - den Tanz auf dem Vulkan der späten 20-er in Berlin beschreibt, nicht so gut in den Kram. Vielleicht deshalb, weil Tykwer und Co. sich vorgenommen hatten, für rund 2,5 Millionen Euro pro 45-Minuten-Folge ein Sittenbild des gesamten Berlins zu zeichnen.

Neben dem Party-Volk zeigt "Babylon Berlin" auch die Armen. Hustend und siechend hausten sie als Großfamilie in kalt-dunklen Zweizimmer-Wohnungen, so wie der Anhang der jungen Stenotypistin und Gelegenheits-Prostituierten Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), der zweiten Hauptfigur neben dem Kommissar. Dazu gibt es die Schilderung der politischen Unruhen jener Zeit: vom sogenannten "Blutmai" des Jahres 1929, als im Zuge einer von der Polizei verbotenen Demonstration viele Kommunisten und Unbeteiligte ums Leben kamen. Berichtet wird auch von russischen Machtkämpfen auf deutschem Boden, von aufmarschierenden Nazis - das jedoch nicht in den ersten Folgen - von Emanzipation, Drogenrausch, von der Sitte hochgenommenen Pornodrehs oder verzweifelnden Modernisten auf Bauhaus-Stahlrohrmöbeln in kargen Hinterzimmern.

"Babylon Berlin" wurde in 180 Tagen an 300 verschiedenen Locations gedreht. Herzstück dieser in der Tat sehr echt wirkenden Reise in die Zeit kurz vor der deutschen Finsternis ab 1933 ist jedoch die "Neue Berliner Straße". Sie entstand auf dem Gelände des Studios Babelsberg. Szenenbildner Uli Hanisch ("Das Parfum", "Ein Hologramm für den König") zimmerte dort einen kompletten "Stadtteil". "Am Ende hatten wir vier unterschiedliche Arten von Straßen", erzählt Tykwer-Stammkraft Hanisch. "Eine reiche, eine mittelprächtige, eine heruntergekommene und eine sehr moderne - für die 20er-Jahre. Alles ist wandelbar verbunden mit einem Hofsystem. Wir haben nun ganz Berlin auf einer Kuchenplatte." 70 Menschen arbeiteten für Hanischs Abteilung "Production Design" an der Serie. Zum Vergleich: Bei einem "Tatort" sind es drei.

Nun sorgen ein großes Budget und viele "abgearbeitete" Elemente jener Zeit natürlich nicht für die Garantie, dass "Babylon Berlin" wirklich fesselt. Zum Glück tun es die 16 Teile, die immer freitags als Doppelfolge ausgestrahlt werden, aber trotzdem - selbst wenn es leichte Schwächen bei der Charakterführung gibt. Allzu prototypisch und funktional sind einige Figuren wie russische Agenten, ultrabrutale Polizisten oder vergnügungssüchtige Party People geraten. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau, denn Tykwers Sittengemälde ist mit seinen Dutzenden von Charakteren (unter anderem spielen Matthias Brandt, Fritzi Haberlandt, Leonie Benesch, Lars Edinger, Jens Harzer und Misel Maticevic) auch ein bisschen zur Oberflächlichkeit verdammt.

Jenes Rauschhafte, das entsteht, wenn man sich dem Sog der Bewegung durch diese untergegangene, kurzlebige Epoche der Modernität, aber auch Härte hingibt, entsteht vor allem eben durch diese Bewegung. Man geht mit Gereon Rath, der als Posttraumatiker aus dem Ersten Weltkrieg seinen Zittermann immer wieder mit schnell zerbissenen Heroin-Ampullen kurieren muss, durch diese Welt. Man staunt mit ihm über den herben Gegensatz aus Arm und Reich, aus Party und Verdammnis, aus Modernität und Brutalität, die es im damals 4,3 Millionen Einwohner zählenden Berlin gab.

Deutschlands Hauptstadt war 1929 die fünftgrößte der Erde. Es fuhr eine U-Bahn (auch in der Serie), es gab Neon-Reklamen und einen Schnellzug, der in gut 90 Minuten die knapp 300 Kilometer nach Hamburg zurücklegte. Heute geht es auch nicht schneller. Gleichzeitig lebten weit über 100.000 Hungernde in der Stadt, während sich die Reichen prächtige Villen in Grunewald bauten.

Charlotte Ritter, eine der lebensechtesten Figuren der Serie, lernt man zu Beginn als junge Frau kennen, die sich morgens in der Roten Burg, dem Polizeipräsidium Berlins, einfindet, wo an jedem Morgen von den Stufen einer Treppe aus Jobs an arbeitssuchende Frauen wie bei einer Viehauktion verteilt werden. Jemand Lust aufs Diktat von 30 Autopsie-Berichten? Eilig schnellt ein Dutzend weiblicher Hände hoch. Doch die Tagelöhner-Jobs reichten vielen nicht. Einige Frauen in Geldnot arbeiten nebenbei als Prostituierte. Für Part-Time-Huren, die beispielsweise nur am Wochenende tätig wurden, erfand man damals den Begriff "Die Halbseidenen".

So ist "Babylon Berlin" am Ende vielleicht doch eine Mischung aus jenen üppigen Massenszenen, die Tom Tykwer schon ein bisschen wie Baz Luhrmann zum retro-wilden, nicht ganz dem Sound der Zeit ensprechenden Chanson-Techno bildgewaltig inszeniert, während in der nächsten Szene schmuddelig-deutsche Hinterzimmer-Dialoge auf den Zuschauer warten. Autor und Regisseur Hendrik Handloegten glaubt ohnehin nicht, dass "Babylon Berlin" die erste deutsche Qualitätsserie sei. Man müsse nur ein wenig in der Zeit zurückgehen und an Werke wie "Tadellöser und Wolf" (1975, formal eigentlich ein Film-Zweiteiler) oder Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" (14 Folgen, 930 Minuten) denken.

Als Rainer Werner Fassbinders "Qualitätsserie" 1980 im Ersten ausgestrahlt wurde, beschwerten sich viele Zuschauer, man könne nichts erkennen, es wäre ja alles so dunkel (ausgeleuchtet). Diesen Vorwurf werden sich Tykwer, Handloegten, und von Borries 2017 wohl nicht gefallen lassen müssen. "Babylon Berlin" ist hochwertiges Mainstream-Fernsehen, wie man es in dieser Opulenz allerdings noch nicht gesehen hat. Es ist Hollywood mit deutschen Tugenden. Tykwer, Handloegten und von Borries erschaffen große Bilder, sie lassen im Detail aber auch "Fernsehspiel"-Qualitäten aufblitzen. Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn ihre rauschhafte Geschichte aus einer flirrenden, filmisch noch weitgehend unerzählten Epoche Deutsche und andere Fernsehnationen nicht begeistern sollte.

Christine Strobl, Chefin der mitproduzierenden ARD-Firma Degeto, kündigte im "Hamburger Abendblatt" denn auch bereits jetzt eine Fortsetzung des Serienprojekts an. "Unsere internationalen Partner sind schon heute bereit, Geld in eine dritte und vierte Staffel zu stecken, weil sie sich refinanzieren konnten", so Strobl. "Die Serie wurde in alle wichtigen TV-Märkte verkauft. 'Babylon Berlin' ist die heißeste Serie, die derzeit im Markt ist."

201743_323075_2_048.jpg
Stenotypistin und Teilzeit-Prostituierte Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries): mit Sicherheit eine der lebendigsten, am besten erzählten Figuren der Serie.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_3_048.jpg
Ja, "Babylon Berlin" ist die deutsche Qualitätsserie mit internationalem Format: Autor und Regisseur Tom Tykwer (links) mit seinem Hauptdarsteller Volker Bruch  Foto: Frédéric Batier / X Filme 2017
201743_323075_4_048.jpg
"Babylon Berlin": Dreharbeiten im "Moka Efti".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_5_048.jpg
Durch die Augen des aus Köln zugereisten Gereon Rath (Volker Bruch) erlebt der Zuschauer "Babylon Berlin".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_6_048.jpg
Zwischen Partylust und Überlebenskampf: Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) mit ihrer Schwester Toni (Irene Böhm).  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_7_048.jpg
Feier wie bei Baz Luhrmann? Tom Tykwer inszenierte die tollen Partyszenen im "Moka Efti", einem zentralen Schauplatz der Serie "Babylon Berlin".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_8_048.jpg
Party like it's 1929: Ilja Tretschkow (Tim Fischer) tritt im "Holländer" auf.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_9_048.jpg
Fein nachgebildetes Interieur eines Salons im Berlin des Jahres 1929: August Benda (Matthias Brandt) wird von Greta (Leonie Benesch) bedient.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_10_048.jpg
Die tollen Bauten von "Babylon Berlin": Außen-Set "Stadtviertel mondän" im Studio Babelsberg.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_11_048.jpg
Viele Stars und großartige Schauspieler sind in "Babylon Berlin" in kleineren, aber durchgehenden Rollen zu sehen: Szene mit dem Hamburger Theaterstar Jens Harzer (der mordende Apotheker im Tukur-"Tatort: Es lebe der Tod") als Dr. Schmidt und Misel Maticevic als "der Armenier".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_12_048.jpg
Ein Hauch von "Nosferatu"?: Hundejustav (Georg Blumreiter) in "Babylon Berlin".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_13_048.jpg
Die Berliner Unruhen des "Blutmai" 1929 sind ebenfalls Thema in "Babylon Berlin". Kommissar Gereon Rath wird Zeuge eines brutalen Polizeieinsatzes gegen kommunistische Demonstrationen.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_14_048.jpg
Junges Leben in Deutschland 1929: Greta (Leonie Benesch) und Charlotte (Liv Lisa Fries, rechts).  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_15_048.jpg
Illegaler Hundewettkampf in der Serie "Babylon Berlin"  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_16_048.jpg
Auch dabei in der Serie "Babylon Berlin": Benno Fürmann als "Wendt".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_17_048.jpg
Gereon Rath (Volker Bruch) darf im Studio Babelsberg durch prächtige Stadtkulissen Berlin im Jahre 1929 gehen. Auch für Statisten ist ausreichend gesorgt.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_18_048.jpg
Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) schreitet durch das sehr moderne Berlin des Jahres 1929.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_19_048.jpg
Auch eine liebevoll gezeichnete Figur: Fritzi Haberlandt als Vermieterin Elisabeth Behnke.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_20_048.jpg
Die mysteriöse Swetlana Sorokina alias Nikoros (Sverija Janusauskaite) ist Künstlerin, Agentin und russische Femme fatale in Berlin.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_21_048.jpg
Lars Eidinger spielt Alfred Nyssen in "Babylon Berlin".  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017
201743_323075_22_048.jpg
Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch, kniend) bei der Arbeit.  Foto: Fréderic Batier / X Filme 2017