"Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen"

Sie werden geschlagen, missbraucht und ausgebeutet: Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. Die TV-Doku "Bordell Deutschland" wird für Wirbel sorgen. Hier kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.

Von Frank Rauscher

201749_323955_1_048.jpg
Lea kommt aus Rumänien. Sie hat fast überall in Deutschland als Prostituierte gearbeitet. Sie gehört zu den Frauen, die in der Doku "Bordell Deutschland" über ihre Erfahrungen sprechen.   Foto: ZDF / Jan Sindel

Für fast alles gibt es in Deutschland Statistiken. Sehr wahrscheinlich ließe sich jedoch die Zahl der freilaufenden Hühner präziser benennen, als die der Frauen, die hierzulande dem ältesten Gewerbe der Welt nachgehen. Denn: Für den Bereich der Prostitution gibt es keine belastbaren Zahlen, weiß der Kriminalist Manfred Paulus. Schätzungen gingen von 400.000 bis zu über einer Million aktuell in Deutschland tätigen Sexarbeiterinnen aus, laut statistischem Bundesamt nehmen täglich rund 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Und "seit der Legalisierung werden es immer mehr", sagt Paulus, der drei Jahrzehnte im Rotlichtmilieu ermittelte und nun auch als Protagonist einer der umfassendsten TV-Dokus, die je zu diesem Themenkomplex gedreht wurden, gegen organisierte Kriminalität und Menschenhandel ankämpft.

Die Legalisierung der Prostitution, die mit dem 2002 verabschiedeten Prostitutionsgesetz de facto erfolgte, steht im Fokus des spielfilmlangen Beitrags, der sich unter dem Titel "Bordell Deutschland" am Samstag, 18. November (22.00 Uhr, ZDFinfo), mit dem "Milliardengeschäft Prostitution" befasst. "Legalisierung": Das klingt positiv, doch schon das ist eines der Probleme, wie der engagierte Film von Christian P. Stracke verdeutlicht. Die Begrifflichkeit mag dem Freier das Gewissen erleichtern, aber hilft so ein Schlagwort auch den Frauen?

Ohne zu beschönigen geht der TV-Journalist der Frage nach, warum Deutschland zur internationalen Drehscheibe für Zwangsprostitution und Mädchenhandel geworden ist. "Was läuft falsch bei uns?", heißt es zu Beginn des Beitrages, der Antworten liefert, die niemandem gefallen und viel Staub aufwirbeln dürften. Was auch der Sender erkannt hat: Der Film über die Zusammenhänge von Zuhälterei, Prostitution und Menschenhandel war zunächst auf 45 Minuten angelegt. ZDFinfo hat sich aber "aufgrund der Fülle von Aspekten und Standpunkten" für eine Verdopplung der Länge entschieden. "Eine entsprechende Anpassung war schnell und unkompliziert möglich, ein Vorteil, den vermutlich nur ZDFinfo bieten kann", heißt es seitens der Produktion. Schließlich gibt es im Digitalkanal keine genormten Sendeformate.

Über ein Jahr recherchierte Stracke an seiner Story, die beinahe so packend wie ein Thriller ist, weil sie authentische Innenansichten einer einerseits tabuisierten, andererseits oft als "schillernd" oder "cool" verklärten Parallelwelt präsentiert. Er sprach mit Prostituierten, Polizisten, Sozialarbeitern, Vertretern des Prostituiertenverbandes, Politikern und Psychologen. Stracke ist quer durch Deutschland gereist, hat sich vor Ort vom Edelbordell bis zum Straßenstrich ein Bild von den Ausprägungen der Prostitution gemacht.

Zu Wort kommen auch eher exotisch anmutende Protagonistinnen wie Cleo aus Berlin, die - freiwillig, wie sie betont - in einer "Erlebniswohnung" an Gangbang-Partys teilnimmt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau (so viel zur Frage, ob der Münchner "Porno-Tatort", der im Oktober unter dem Titel "Hardcore" gesendet wurde, realistisch war). Oder Typen wie Andreas Marquardt, der früher als Zuhälter die Frauen nach eigener Aussage "wie Dreck" behandelte, wegen Menschenhandels im Gefängnis saß und sich heute für Gewaltprävention einsetzt. Vor allem aber prägen Frauen wie Sandra Norak Strackes Film. Sie hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und den Ausstieg geschafft. Dabei hat sie fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Brutalität gesehen.

Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihr Leben und ein Gewerbe, das sie "fast kaputt gemacht" habe. "Das ist keine Arbeit", sagt sie, "das ist einfach nur Gewalt, was man da erlebt ... Und ich hatte da bestimmt 400/500 Männer in vier Wochen." Die heute 27-Jährige geht mit ihrer Geschichte jetzt ganz bewusst an die Öffentlichkeit, möchte mit dem Mythos der Freiwilligkeit aufräumen, sie studiert Jura und setzt sich für die Abschaffung der Prostitution ein. "In jedem Club, in dem ich war, habe ich Menschenhandel gesehen", berichtet sie. "Ich habe natürlich auch Frauen gesehen, die geschlagen werden. Und ich habe auch Freier gesehen, die das gesehen haben und dann trotzdem die Dienstleistung in Anspruch genommen haben."

Kein Einzelfall, wie Denisa berichtet, eine junge Rumänin, die nun, nach ihrem Ausstieg ebenfalls gegen die Missstände ankämpft. Jahrelang hat sie in Deutschland als Zwangsprostituierte gearbeitet, sie weiß alles über die Hintergrunde des Geschäfts: "90 Prozent haben Zuhälter", sagt sie und berichtet aus eigener Erfahrung: "Die Männer sind scharf auf Minderjährige. Es gibt so viele Pädophile." Auch sie wird bei der Frage nach der Freiwilligkeit eindeutig: "Die Freier denken sich, die macht das aus Spaß. Du musst so tun, als ob es dir gut geht, aber innerlich geht's dir nicht gut." Zu der Einschätzung gelangen auch Experten der Polizei, ihren Angaben zu Folge werden neun von zehn Frauen zur Prostitution gezwungen. Heute spricht Denisa in rumänischen Armenbezirken vor Schulkassen, um die Mädchen zu warnen und sie, genau wie der Kriminalist Manfred Paulus, über die "Loverboy"-Masche der Mädchenhändler und deren Handlanger aufzuklären.

Die Traumatherapeutin Ingeborg Kraus vergleicht den Beruf der Prostituierten mit dem von Soldaten, ihre Erfahrungen mit denen von Folteropfern. Fast 70 Prozent der Frauen litten unter Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung: "Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen." Die Sterblichkeitsrate unter Prostituierten ist 40-mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, heißt es in der Doku. Allein das Risiko, ermordet zu werden, sei über 18-mal höher als bei anderen Frauen - unabhängig davon, ob sie freiwillg arbeiten oder gezwungen werden.

Ungeachtet dieser Hintergründe, das macht der sauber recherchierte Film deutlich, haben Escortangebote und Bordelle in Deutschland mehr Zulauf denn je. Das Marketing der Freudenhäuser hat sich offenbar der Mentalität der Freier angepasst: "Komm so oft du willst", "All you can fuck" oder "20 Minuten Sex für 20 Euro - der Spartarif im Discountpuff" - so werben Flatrate-Puffs in den Städten. In Online-Foren tauschen sich Männer ungeniert und oft auf menschenverachtende Weise über die Leistungen der Sexarbeiterinnen aus.

Vor der Kamera wollte kaum einer über so etwas Auskunft geben, aber während der Recherchen hat Autor Stracke mit vielen Freiern gesprochen. Sein Eindruck: Unrechtsbewusstsein ist auf Seiten der Männer kaum vorhanden - was wohl keine Frage der Nationalität ist: Deutschland ist längst zu einem der begehrtesten Reiseziele für Freier aus alle Welt geworden. "Besuche über zehn Clubs in sechs Tagen", preist ein internationaler Veranstalter ein Package mit Kunst und Kultur an, das die Kundschaft ins "Bordell Deutschland" locken soll.

Die Frage ist, wie es so weit kommen konnte. Glaubt man diesem Film, der auch die Tätigkeit der Prostituiertenverbände kritisch hinterfragt, kamen mehrere Faktoren auf unselige Weise zusammen: Das fraglos gut gemeinte Gesetz zur Legalisierung der Prostitution von 2002 hat den Bordellbetreibern mehr geholfen als den Frauen. Seine Einführung ging zeitlich mit der EU-Osterweiterung einher, derweil sich in Deutschland gerade eine "Geiz ist geil"-Mentalität breitmachte. Während bei den Mädchen wenig hängen bleibt, lässt sich mit der Prostitution viel Geld verdienen. Laut Bundeskriminalamt bringt eine Prostituierte ihrem Zuhälter bis zu 100.000 Euro pro Jahr - und der Staat verdient durch die Steuereinnahmen kräftig mit. Der Markt ist umkämpft, die Konkurrenz ist groß, es kommen immer mehr und immer jüngere Frauen, die alles ungeschützt mitmachen ... Im Schatten einer scheinbar liberalen Gesetzgebung treibt das Unrecht die wildesten Blüten.

Ob sich mit dem seit Juli geltenden "Prostituiertenschutzgesetz", welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt und vor allem die Bordellbetreiber noch stärker in die Pflicht nimmt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich. Anfangs, so lässt der Autor Christian P. Stracke durchblicken, sei auch er der Meinung gewesen, dass freiwillige Prostitution erlaubt sein sollte. Mittlerweile sei er aber zu der Überzeugung gelangt, auch freiwillige Prostitution verletze die Menschenrechte. "Deshalb muss sich dringend etwas ändern", fordert er. "Doch um Kriminalität, Zwangsprostitution und Menschenhandel wirksam einzudämmen, müssen sich die Rahmenbedingungen ändern." Für ihn ein Vorbild: das nordische Modell in Schweden, das mit dem Sexkaufverbot den Freier bestraft.

201749_323955_2_048.jpg
Der Alltag von Prostituierten in Deutschland ist zum großen Teil von der organisierten Kriminalität bestimmt. Die TV-Doku "Bordell Deutschland" wird auch aufgrund solcher Thesen für Wirbel sorgen. Hier kommen Fakten und Hintergründe ungeschönt auf den Tisch.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_3_048.jpg
Cleo, 29, ist jung, aber sie kennt das Geschäft: Der Film beginnt mit einer Protagonistin, die mit Sexpartys ihr Geld verdient.   Foto: ZDF
201749_323955_4_048.jpg
Sie arbeiten im "Bordell Deutschland": Der Film zeigt die dramatischen Zustände, unter denen die meisten der Prostituierten arbeiten und leben müssen und deckt auf, dass das älteste Gewerbe der Welt in Deutschland zu einem kriminellen Gewerbe geworden ist.   Foto: ZDFinfo
201749_323955_5_048.jpg
Das Geschäft mit der Prostitution boomt, mit bizarren Auswüchsen. In der Erlebniswohnung in Berlin finden fast täglich Gangbang-Partys statt. Bis zu 30 Männer haben dabei Sex mit einer Frau. Auch Cleo arbeitet regelmäßig hier - freiwillig und ohne Zuhälter, wie sie sagt.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_6_048.jpg
Es besteht ein komplexes Geflecht zwischen Prostituierter, Bordellbesitzer und Zuhälter - das sogenannte "Dreieck der Prostitution". Dabei lässt sich die Verbindung zwischen Prostituierter und Bordellbesitzer relativ gut nachvollziehen. Schwieriger zu durchschauen ist die Beziehung zwischen Prostituierter und Zuhälter. Oftmals wird diese als Liebesbeziehung getarnt. Gänzlich undurchschaubar und somit unkontrollierbar ist das Verhältnis zwischen Zuhälter und Bordellbesitzer.   Foto: ZDFinfo
201749_323955_7_048.jpg
In vielen Ländern ist Prostitution per Gesetz verboten worden. In Frankreich seit 2016 - was nun zu besonderen Auswüchsen des deutsch-französischen Grenzverkehrs führt ...   Foto: ZDFinfo
201749_323955_8_048.jpg
Ob sich mit dem seit Juli geltenden "Prostituiertenschutzgesetz", welches das Prostitutionsgesetzes von 2002 ergänzt, Wesentliches zum Guten ändert, ist fraglich.   Foto: ZDFinfo
201749_323955_9_048.jpg
Sandra Norak hat jahrelang als Prostituierte gearbeitet und hat den Ausstieg geschafft. Sie hat fast alle Geschäftsmodelle des Milieus durchlaufen und in nahezu jedem Menschenhandel und Gewalt gesehen. Zum ersten Mal spricht sie öffentlich über ihre Vergangenheit und darüber, wie es in der Prostitution wirklich läuft.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_10_048.jpg
"Dieser Beruf ist gefährlicher, als in den Krieg zu ziehen": Prostitution ist kein normaler Job ...   Foto: ZDFInfo
201749_323955_11_048.jpg
Denisa war Zwangsprostituierte in Deutschland, ist heute in einer Hilfseinrichtung in Rumänien. Sie wurde geschlagen und ausgebeutet, musste schon als Minderjährige anschaffen.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_12_048.jpg
Kriminalist Manfred Paulus war 30 Jahre im Rotlicht tätig, europaweit. Er warnt: Deutschland ist zur Drehscheibe für Zwangsprostitution geworden. Das Rotlicht wird von organisierter Kriminalität beherrscht, Frauen werden systematisch ausbeutet. Die Polizei ist machtlos, und sollte sich gesetzlich nichts ändern, wird die Situation noch schlimmer.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_13_048.jpg
Andreas Marquardt war Zuhälter und saß wegen Menschenhandels im Gefängnis - und auch er packt aus. Rund 100 Frauen haben für ihn angeschafft. Sie waren für ihn nur Dreck. Er hat sie geschlagen, misshandelt, ausgebeutet.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_14_048.jpg
Heute engagiert sich Andreas Marquardt gegen Gewalt.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_15_048.jpg
Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten ist die Rumänin Lea in Trier, in einem Edelbordell. Auch sie spricht über ihr Leben im Rotlicht, allerdings nicht unter vier Augen. Ein Mitarbeiter des Bordells ist beim Interview immer mit dabei.   Foto: ZDF / Jan Sindel
201749_323955_16_048.jpg
Die Rumänin Denisa wurde in Deutschland verkauft - wie eine Sklavin. Sie spricht offen über ihre traumatischen Erlebnisse und die schlimmen Zustände.   Foto: ZDF / Jan Sindel