"Dann können Kultur und Kunst nicht mehr existieren"

Wir hören gerne viel Musik für wenig Geld. Am besten zum Nulltarif. Welchen Preis wir auf Dauer für dieses Konsumverhalten zahlen werden, möchte Lando van Herzog mit einem Konzeptalbum verdeutlichen, an dem sich zahllose renommierte Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur beteiligten.

Von John Fasnaugh

Lando van Herzog
Lando van Herzog möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, was Musikkonsum zum Nulltarif auf Dauer bedeutet: "Wenn die Schöpfer der Werke nicht mehr fair entlohnt werden, dann können Kultur und Kunst nicht mehr existieren. Das ist ein Fakt."  Foto: Stephan Pick

Ein Album aufzunehmen, bedeutet harte Arbeit, und diese Arbeit sollte angemessen entlohnt werden. So wie auch ein Bäcker Geld für seine Brötchen bekommt. So weit, so klar. Oder doch nicht? Fast jeder von uns tut es inzwischen, jeden Tag: Musik hören zum Nulltarif. Gut, manche zahlen vielleicht noch zehn Euro pro Monat, um über einen Streamingdienst unbegrenzten Zugriff auf mehrere Millionen Songs zu erhalten. Was für den User auf den ersten Blick großartig erscheint, ist für den Künstler großer Mist. Und nicht nur in der Musik: Auch beim Film oder in der Literatur leiden Kreative unter der "Geiz ist geil"-Mentalität. Mehrere Künstler, darunter Stars wie Marianne Rosenberg, Mousse T., die Prinzen, Frank Schätzing und die Söhne Mannheims, haben nun gemeinsam das Konzeptalbum "Project Fair Play" zusammengestellt, um für einen respektvolleren Umgang mit geistigem Eigentum zu werben. Initiiert wurde das Projekt, das sich als erstes seiner Art versteht, von Lando van Herzog. Im Interview erklärt der Produzent und Musiker, warum es so nicht weitergeht.

teleschau: Initiativen wie "Project Fair Play" sind bisher die absolute Ausnahme. Setzen Kreative sich zu wenig für die Wertschätzung beziehungsweise den Werterhalt ihrer Kunst ein?

Lando van Herzog: Bisher ist da leider wirklich noch nicht viel geschehen. Es ist bei uns das erste Mal, dass Künstler sich versammelt haben und speziell zum Thema geistiges Eigentum Stellung beziehen.

teleschau: Dabei ist diese Problematik ja nicht ganz neu ...

van Herzog: Das Thema wurde natürlich hinlänglich in den Verbänden oder auf Musikmessen besprochen. Das Problem ist aber, dass diese Sachen meist nur intern unter Fachleuten diskutiert werden, statt sie an eine breite Öffentlichkeit heranzutragen. Wir Künstler wollten nun genau das tun, indem wir eine CD aufnehmen und uns mit unserem ureigensten Argument äußern: der Musik.

teleschau: Und Sie denken, dass Sie das Problem mit Musik bekämpfen können?

van Herzog: Wir erhoffen definitiv, damit eine Wirkung zu erzielen. Gerade mit dem Medium der Musik kann man Menschen sehr stark berühren und Bewusstsein schaffen. Denk doch etwa an die Songs der Woodstock-Generation - "Born To Be Wild" und dergleichen: Die haben wahnsinnig viele Menschen geprägt. Und unserer Meinung nach ist das der Ansatz, der am effizientesten ist.

teleschau: Aber warum erst jetzt? Ist der "Wertverfall" ihrer Arbeit unter Künstlern so etwas wie ein Tabuthema?

van Herzog: Natürlich. Als ich vor vier Jahren die Arbeit an "Project Fair Play" aufnahm, wusste ich aus Erfahrung, welche Künstler in Deutschland diese Probleme auf dem Schirm haben. Für die Leute, die wir auf dem Album versammelt haben, ist es auch kein Problem, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber es gibt in der Tat Künstler, die damit Schwierigkeiten haben aus Angst, sie könnten Fans vergraulen, die die Musik illegal downloaden oder sie zu Dumpingpreisen kaufen. Es ist definitiv ein heikles Thema.

teleschau: Abgesehen von künstlerischen Äußerungen wie im Falle von "Project Fair Play": Welche Möglichkeiten hätten Kreative denn real, sich gegen diese Art der Ausbeutung zu wehren? Müssten sie da auch den Labels selbstbewusster gegenübertreten?

van Herzog: Den Einfluss der Musiker auf die Labels darf man nicht überschätzen - es sei denn, du bist ein absoluter Superstar. Aber selbst dann wird es schwer. Man denke etwa an die Geschichte von Prince, der ja quasi zum Sklaven der Industrie wurde.

teleschau: Es gibt aber auch Beispiele von Künstlern, etwa die Ärzte in Deutschland oder Taylor Swift in den USA, die sich dann auch sperren gegen Streamingdienste wie Spotify …

van Herzog: Die gibt es. Aber das sind dann immer nur etablierte Stars, die sich das auch erlauben können. Der "kleine" Künstler muss aber erst einmal schauen, dass er populär wird und ein Publikum erreicht.

teleschau: Ein Teil des Albums besteht aus Neukompositionen, daneben gibt es aber auch "fertige" Songs. Warum nicht nur neues Material?

van Herzog: Etwa 70 Prozent des Albums wurden neu produziert. Es war mir aber von Anfang an extrem wichtig, beispielsweise auch "Alles nur geklaut" von den Prinzen dabei zu haben. Das war ja quasi die allererste Umsonst-Hymne, auch wenn sie ursprünglich anders gedacht war als in unserem Kontext.

teleschau: Aber wäre die Message des Albums nicht noch stärker gewesen, wenn jeder Künstler dafür etwas Neues aufgenommen hätte?

van Herzog: Das glaube ich nicht. Wir haben ja viele Stücke auf dem Album, auf dem wir uns darum bemühten, unsere Themen sehr klar anzusprechen. Etwa "Der Preis", gesprochen von Charles Rettinghaus.

teleschau: Da geht es um einen Autor, der "Woche um Woche, Monat um Monat, drei Jahre" seines Lebens an einem Buch schreibt. Die Message ist klar: Kunst ist immer eine Investition und Arbeit ...

van Herzog: Und wenn so ein Autor dann erleben muss, dass sein Werk von anderen ohne Entgelt und ohne Erlaubnis massenhaft genutzt wird, dann wird man wohl verstehen, dass dieser Autor sich ausgebeutet oder unfair behandelt fühlt. Genau das wollen wir den Menschen mit "Project Fair Play" bewusst machen, sozusagen als Stellvertreter für die Silent Majority der Künstler, die ohne Namen sind und ums Überleben kämpfen müssen. Der Punkt ist der: Wenn die Schöpfer der Werke nicht mehr fair entlohnt werden, dann können Kultur und Kunst nicht mehr existieren. Das ist ein Fakt.

teleschau: Wieviel Verantwortung tragen wir da als Konsumenten?

van Herzog: Sehr viel. Im Jahrbuch des Bundesverbandes der Musikindustrie stellt eine Untersuchung über Musikkonsumenten fest, man höre und staune, dass fast die Hälfte der 30- bis 39-Jährigen bereit ist, für Musik zu bezahlen. Man stelle sich nun umgekehrt vor, im Jahrbuch des Bundesverbandes für Lebensmittelhandel hieße es, fast die Hälfte der Konsumenten ist bereit, für Lebensmittel zu bezahlen …

teleschau: Eine absurde Vorstellung. Es fehlt uns beim Medienkonsum also an der Zahlungsmoral?

van Herzog: Die Tatsache, dass die Hälfte der Menschen nicht bereit ist, für Musik zu bezahlen, verrät natürlich viel über das Bewusstsein in der Bevölkerung. Das ist aber nicht vorwurfsvoll gemeint: Es fehlt die Aufklärung, wie es um das Thema geistiges Eigentum bestellt ist.

teleschau: Wer hat denn Schuld an dieser Misere?

van Herzog: Kulturklau gab es natürlich schon immer. Nur in Zeiten, in denen man Musik im Netz zu Dumpingpreisen oder, wenn man es darauf anlegt, umsonst erhält, ist es natürlich sehr verführerisch, da zuzugreifen. Das Internet spielt da also natürlich eine große Rolle.

teleschau: Hätte man da früher gegensteuern müssen?

van Herzog: Das hätte man, wobei es da ja auch durchaus schon Versuche gab. Wenn von der Umsonst-Kultur, oder besser: Umsonst-Unkultur die Rede ist, erwarten die meisten Menschen strafrechtliche Maßnahmen oder Unterlassungserklärungen. Die haben aber genauso wenig gefruchtet wie technische Lösungen. Und man muss auch mit Blick auf die Politik sagen: Es sind deutlich stärker die materiellen als die immateriellen Güter, mit denen man sich hier auseinandersetzt. Deshalb stehen wir auch auf der Agenda der meisten Politiker auf den hintersten Rängen mit unseren Anliegen.

teleschau: Das "Digital Life", wie auch einer Ihrer Songs heißt, wird bei "Project Fair Play" harsch kritisiert. Ist denn daran alles schlecht?

van Herzog: Natürlich gibt es auch Vorzüge. Etwa die Möglichkeit gerade für unbekannte Künstler, sich selbst zu vermarkten und ihre Musik online zu stellen. Und Streamingdienste sind natürlich auch sehr nützlich für den User. Aber, nur um ein Beispiel zu nennen: Pro Stream verdient man in etwa 0,2 Cent. Wenn ein bekannter deutscher Musiker drei Monate nach Veröffentlichung seines Songs 500.000 Streams hat, was viel wäre, hat er 1.000 Euro verdient. Die Produktion des Songs hat 5.000 Euro gekostet. Und solche Zahlen erreicht ein weniger bekannter Musiker gar nicht, der hat am Ende des Tages vielleicht 5.000 Streams und verdient zehn Euro an einem Song, an dem er wochenlang gearbeitet hat. Das ist so nicht hinnehmbar.

teleschau: Wenn ich über Spotify Musik streame, versündige ich mich damit also automatisch?

van Herzog: "Versündigt" kann man dazu nicht sagen. Den meisten Menschen ist ja gar nicht bewusst, wie wenig Geld am Ende bei den Künstlern ankommt. Man muss da im Grunde schon in den Schulen anfangen und die Medienkompetenz mit einem entsprechenden Bewusstsein prägen. Deshalb haben wir im Rahmen des Projektes auch ein Schüler- und Lehrerbuch geschrieben, wo anhand der Songs Fragen gestellt und Schüler aufgefordert werden, weitere Beispiele zu entwickeln.

teleschau: Zumindest in Auszügen ist "Project Fair Play" ja auch bei Spotify abrufbar. Haben Sie darüber nachgedacht, diese Musik dort und auf vergleichbaren Plattformen nicht anzubieten?

van Herzog: Nein. Wir haben uns ganz bewusst dazu entschieden, alle verfügbaren Kanäle zu nutzen, um das Anliegen mit größtmöglicher Reichweite auszuspielen. Und, um ehrlich zu sein: Die Monetarisierung steht bei diesem Projekt ohnehin nicht im Fokus.

teleschau: Nutzen Sie privat denn Spotify?

van Herzog: Ich höre auch Musik über Spotify, ja.

teleschau: Ohne schlechtes Gewissen?

van Herzog: Ja. Aus dem Grund, weil ich die Musik, die ich interessant finde, dann auch kaufe.

teleschau: Wenn es kein Umdenken gibt: Wie wird sich der Kunst- und Kulturbetrieb mittel- und langfristig entwickeln?

van Herzog: Ich denke mit Blick auf meine eigene Branche, dass die Dinosaurier und die großen Stars werden überleben können. Ganz einfach weil die eine CD nur noch benötigen, um ihr Live-Geschäft anzukurbeln. Damit spielen sie dann vor großem Publikum, und da ist auch eine ordentliche Monetarisierung möglich. Aber die unentdeckten Künstler, auch wenn sie großes Potenzial haben, werden immer seltener den Sprung schaffen. Dann werden wir irgendwann sehr einheitliche und sehr viel alte Musik haben - und auch viel Wegwerfmusik.

teleschau: Sie sprechen das Live-Geschäft an: Gefühlt werden Konzertkarten immer teurer. Um etwa die Rolling Stones auf der kommenden Europatour zu sehen, muss man bis zu 680 Euro bezahlen. Wird da etwas kompensiert?

van Herzog: Auch wenn ich da keine genauen Zahlen habe: Es ist natürlich vorstellbar, dass es einen Zusammenhang zwischen den rückläufigen CD-Verkäufen und den Ticketpreisen gibt. Aber auch das funktioniert ja nur bei den etablierten Stars, die die großen Hallen auch füllen. Da kommen die "Kleinen" dann auch nicht mehr hin.

Musiker / Produzent Lando van Herzog

Lando van Herzog
Werben mit Namen für maximale Aufmerksamkeit: Viele der Kreativen, die sich an "Project Fair Play" beteiligten, sind auf dem Cover des Konzeptalbums verewigt.
Lando van Herzog
"Die Tatsache, dass die Hälfte der Menschen nicht bereit ist, für Musik zu bezahlen, verrät natürlich viel über das Bewusstsein in der Bevölkerung": Mit "Project Fair Play" wirbt Lando van Herzog für einen respektvolleren Umgang mit geistigem Eigentum.  Foto: Horst Galuschka
Lando van Herzog
Lando van Herzog produzierte "Project Fair Play" und steuerte selbst einige Songs zu dem Konzeptalbum bei.  Foto: Manfred Jasmund