Wenn es dir nur "geht so" geht

Nach einem spektakulären Auftieg tauscht die australische Songwriter-Hoffnung Courtney Barnett ihren lakonischen Vorstadt-Folk auf dem zweiten Album gegen beklemmende Rock-Achterbahnfahrten voller Unbehagen, Zweifel und innerer Dämonen.

Von Fionn Birr

Courtney Barnett: Tell Me How You Really Feel
Bild 1 zu "Tell Me How You Really Feel"

Courtney Barnett wurde als neue Pop-Heldin gefeiert, als sie 2015 ihr Debütalbum "Sometimes I Sit And Think, Sometimes I Just Sit" veröffentlichte. Sie wurde als frischer Songwriter-Shootingstar gehandelt, der mit rotzgöriger Leichtigkeit den Slacker-Pop der 90-er zwischen Lemondheads, Blur und Kate Nash zurückgebracht haben soll. Ihre lakonischen Gitarrenlieder über das Verzweifeln an Banalitäten wirkten auch auf dem folgenden Kollabo-Album mit ihrem Seelenverwandten Kurt Vile ("Lotta Sea Lice," 2017) wie aus der Zeit gefallen und gerade deswegen so zwingend. Barnett wurde überhäuft mit Applaus, Preisen und Kritikerlob. Nun also die Aufgabe: ein neues Album produzieren unter dem Erwartungsdruck, bald der Pop-Elite angehören zu müssen. Diesem Druck begegnet Barnett auf "Tell Me How You Really Feel" mit viel Selbstanalyse.

Als introvertierter Mensch bei den Grammys über den roten Teppich zu spazieren, musste sich zweifellos ziemlich absurd anfühlen für die zurückhaltende Gitarristin. "Friends treat you like a stranger and strangers treat you like their best friend, oh well", formuliert sie ihre Gefühlslage in dem Stück "City Looks Pretty", dessen rotziger Indie-Akkord sich nach knapp drei Minuten in eine beinahe soulige Ballade verwandelt. Es geht um Kontraste. Barnetts Leichtfüßigkeit wohnte zwar immer etwas Melancholisches inne, doch nie war sie so offen deprimierend wie etwa in dem Opener "Hopelessness". "Your vulnerability is stronger than it seems", stellt sie ernüchternd zu einem sandigen Americana-Riff fest. Eine Flucht nach vorne.

Die zehn neuen Lieder sind nicht mehr jene verschlafenen Nonchalance-Juwelen, die man von früher kennt, sondern ausformulierte Rock-Achterbahnfahrten mit vielen Ängsten, Zweifeln und Unsicherheiten - sowohl privater als auch gesellschaftlicher Art. Barnetts Musik ist inzwischen psychedelischer, persönlicher und ja, beklemmender. Schwere Gitarren, scheppernde Schlagzeuge, kreischende Synthesizer, zu denen ihr sonst sehr beiläufiger Gesang jetzt auch mal durch ein Megafon geschrien wird.

"I'm Not Your Mother, I'm Not Your Bitch" lautet der Titel eines überraschenden Punk-Empowerments von knapp zwei Minuten. "Tell Me How You Really Fell" ist ein aufwühlendes, streckenweise sogar wütendes Album. Doch die detailverliebte Beobachtungsgabe und den charmanten Witz eines guten Geschichtenerzählers hat Barnett nicht verloren, wenn sie etwa in "Nameless, Faceless" über das Thema Hass im Internet berichtet und einen Troll zitiert: "He said: I could eat a bowl of alphabet soup and spit out better words than you." Nach dem Motto: Aggressionen besiegt man mit Humor.

Es sind 37 Minuten Unbehagen und Niedergeschlagenheit, die man auf diesem mit Spannung erwarteten zweiten Album hört. In dem abschließenden behutsamen Vorstad-Folk-Arrangement singt Barnett dann aber: "I know you're doing your best / I know you're doing just fine." Immerhin, ein bisschen zaghafte Zuversicht ist am Ende doch noch drin.

Bewertung überzeugend
CD-Titel Tell Me How You Really Feel
Bandname/Interpret Courtney Barnett
Erhältlich ab 18.05.2018
Label Marathon Artists
Vertrieb Rough Trade

Courtney Barnett: Tell Me How You Really Feel
Nach ihrem rasanten Aufstieg richtet Courtney Barnett den Blick auf dem zweiten Album nach innen.   Foto: Pooneh Ghana