Omi, hör mal hier!

Nett, netter, Macklemore. In einem Video zu seinem neuen Album spendiert der Rapper seiner Oma einen wunderschönen Geburtstag. Genau so klingt auch die Musik.

Von Arne Lehrke

Macklemore: Gemini
Macklemore - Gemini

Ben Haggerty aka Macklemore ist so etwas wie das gute Gewissen der Rap-Musik. Er ist die Zen-Mitte einer Szene, die sich oft zwischen berechtigter Wut und übertriebener Selbstbeweihräucherung hin- und herbewegt und aus der Außenseiterrolle in alle Richtungen schießt. Macklemore geht die Sache anders an. Er schießt höchstens Amorpfeile und steht für eine Ausgeglichenheit, die viele HipHop-Fans in den Wahnsinn treibt. Wenn zwei Menschen angeregt diskutieren, stellt Macklemore sich in die Mitte und umarmt beide - ungefragt und ohne zu wissen, um was es eigentlich geht. Nun kann man ihm die gutbürgerliche Herkunft, den Bachelorabschluss und die sozialliberale humanistische Attitüde kaum zum Vorwurf machen, würde der 34-Jährige sie nicht mit diesem perfekten Lächeln bei jeder Möglichkeit neu aufgießen und zum Vollpreis wieder verkaufen. Sein neues Album "Gemini" macht da keine Ausnahme.

Nach seinen Megaerfolgen, den Alben "The Heist" (2012) und "This Unruly Mess I've Made" (2016) mit Produzent Ryan Lewis, hört sich Macklemores neue Platte leider nur noch nach einer unkreativen Fortsetzung an. Klavier, Bläser und andere analoge Instrumente funktionieren auf "Gemini" wie Anker für die Pop-Fans, die mit dem Rap-Part gar nicht so viel anfangen können, sondern sich den Refrain zum Mitsingen herbeisehnen. Dass Ryan Lewis auf Macklemores erster Soloplatte seit zwölf Jahren nicht mehr dabei ist, fällt nicht auf.

16 Pop-Rap-Hybride bilden einen händchenhaltenden Tanzkreis und springen um den Hörer herum, auch wenn man eigentlich weiter will. Auf "Good Old Days" singt Skylar Grey einen unsympathisch dramatischen Refrain über eine Vergangenheit, die bei Haggerty so schlimm sicher nicht gewesen sein kann und prätentiös wirkt. Auf "Intentions" wird ein bisschen mit einer einfältigen Gitarre gejamt, als wäre man im Pfadfindersommercamp. Auf "Levitate" wird der Funk reingelassen, und sofort stellt man sich dazu Macklemores Tanzmoves vor. Im Video zu "Glorious" holt der US-Amerikaner übrigens seine Großmutter zum Geburtstag ab und spendiert ihr einen wunderschönen Tag. Zum Glück war die Kamera da mit dabei.

Macklemore wäre wahrscheinlich gerne die Antwort auf viele Fragen, die Rapmusik sich zu Recht gefallen lassen muss - etwa zum Sexismus, zur Homophobie und der Glorifizierung von Drogen. Gerade aber nach diesem neuen Album manifestiert sich der Eindruck: Macklemore ist am Ende nur ein ehemaliger Poetry-Slammer mit einer Musik gewordenen selbstgebastelten Holzkette. Mit "Gemini" ignoriert er die Gründe für die Wut und die Selbstbeweihräucherung vollkommen und liefert nur noch Musik für Leute, die eigentlich nicht viel mit HipHop anfangen können.

Bewertung enttäuschend
CD-Titel Gemini
Bandname/Interpret Macklemore
Erhältlich ab 22.09.2017
Label Bendo LLC
Vertrieb ADA / Warner

Macklemore: Gemini
Einen netteren Enkel als Macklemore kann sich keine Oma wünschen.  Foto: Macklemore / Bendo, LLC