Na also, Miley, geht doch!

Die Zeiten, in denen man sich um Miley Cyrus sorgen musste, sind offenbar vorbei. Nach einer persönlich wie künstlerisch schwierigen Phase kehrt sie auf "Younger Now" mit gesunder Selbstwahrnehmung und viel Charme zu der Musik zurück, bei der sie schon immer am besten aufgehoben war.

Von John Fasnaugh

Miley Cyrus: Younger Now
Miley Cyrus - Younger Now

Hätte es Hannah Montana so nicht gegeben, vielleicht wäre Miley Cyrus längst ein echter Superstar. Erst die Jahre, in denen sie als Teenager beim konservativen Disney-Konzern an der kurzen Leine hing, und dann eben die - wie soll man das nennen? - Boomerang-Phase, in der sie radikal mit ihrem früheren Image brach und mit Krawumm alles nachholte, was Hannah Montana verboten war. Joints anzünden, Nippel raus, Party ladida. Zwar hatte sie zu dieser Zeit auch ihre Charterfolge, doch musikalisch hätten Alben wie "Bangerz" (2013) nicht substanzloser sein können. Zuletzt gab es keine Skandale mehr. Auch wenn es das Langweiligste ist, was man über eine Popmusikerin schreiben kann: Miley Cyrus, die nun ihr sechstes Album "Younger Now" veröffentlicht, hat ihre Sturm- und Drangphase überwunden. Die gute Nachricht: Als Musikerin und Persönlichkeit scheint die 24-Jährige auf einem guten Weg zu sein.

Ein neues Album von Miley Cyrus: Das war zuletzt immer auch so etwas wie ein musikalisches Psychogramm. Das wird sich vielleicht irgendwann ändern, aber auf "Younger Now" bleibt es vorerst dabei: Auch über ihre neuen Songs und die dazugehörigen Videos offenbart die Sängerin ohne jeden Selbstschutz-Reflex, was gerade so los ist in ihrem Leben.

Der Hobby-Psychologe stellt schnell fest: Was in ihrer Teenagerzeit passierte, lässt Miley Cyrus noch immer nicht los. Zumindest aber versucht sie sich an einem versöhnlichen Goodybe. Im hinreißenden Country-Style-Video zum Titelsong, bei dem Cyrus Co-Regie führte, trifft die Musikerin im Puppentheater auf ihr früheres Alter Ego. Doch statt der Hannah-Puppe mit dem Knüppel eins überzubraten, wie sie es vor wenigen Jahren wahrscheinlich noch getan hätte, reicht sie ihr freundlich die Hand. Dazu singt sie: "Nobody stays the same" und "Change is a thing you can count on / I feel so much younger now". Sie fühle sich heute also jünger als damals, als sie gemessen an ihrem Alter zweifellos schon sehr erwachsen sein musste.

Mit der Miley Cyrus, die lange Zeit vor allem mit Skandalen und spätpubertären Provokationen von sich reden machte, hat die "Younger Now"-Miley nichts mehr zu tun, und auch musikalisch hat sich seitdem viel verändert. Dass der Fetenhit-Plastikpop auf "Bangerz" nicht wirklich ihr Ding ist, hatte der ehemalige Kinderstar bereits mit der verheißungsvollen Psychedelic-Kollababoration mit den Flaming Lips ("Miley Cyrus & Her Dead Petz", 2015) angedeutet. Auf ihrem sechsten Album versucht die Sängerin es nun ohne fremde Hilfe und kehrt mit neuer, gesunder Selbstwahrnehmung zu der Musik zurück, für die ihre Stimme schon immer wie geschaffen schien.

"Younger Now" ist über weite Strecken Country-Pop, den Miley Cyrus (Tochter eines erfolgreichen Country-Musikers) geschickt mit dem ihr eigenen Kitsch kombiniert und so zu einem Album kommt, das nicht nur sehr charmant, sondern noch dazu absolut modern klingt. Da stört es dann auch nicht weiter, dass die Sängerin gelegentlich doch noch ins Banale und Naive zurückfällt, etwa wenn sie vom blauen Meer in "Malibu" singt oder händchenhaltend durchs "Rainbowland" hüpft. Ob Miley Cyrus zukünftig beim Country bleibt, oder ob sie mit dem nächsten Album wieder einen musikalischen Haken schlägt: Wenn sie, nachdem sie auf der Suche nach ihrer künstlerischen Identität große Umwege genommen hat, so sehr "bei sich" bleibt wie auf "Younger Now", steht ihr die schillerndste Zeit ihrer Laufbahn noch bevor.

Bewertung überzeugend
CD-Titel Younger Now
Bandname/Interpret Miley Cyrus
Genre Pop
Erhältlich ab 29.09.2017
Label RCA
Vertrieb Sony

Miley Cyrus: Younger Now
Auf "Younger Now" präsentiert sich Miley Cyrus als Künstlerin zum ersten Mal in ihrer Karriere so, dass man denkt: Das kann auch auf Dauer funktionieren.  Foto: Sony Music