Im Raumschiff wird wieder Klavier gespielt

Benjamin Clementine hat ein Klavier in sein UFO gepackt. "I Tell A Fly" entstand vermutlich im Weltraum.

Von Johann Voigt

Benjamin Clementine: I Tell A Fly
Benjamin Clementine - I Tell A Fly   Foto: 2017 Caroline / Universal

Benjamin Clementine zog von London nach Paris und schlug sich als obdachloser Straßenmusiker durch. Dann gewann er 2015 für sein Debütalbum "At Least For Now" den Mercury Prize. In seiner Jugend verbot ihm sein stark christlich geprägter Vater das Klavierspielen und verbrannte Kleidung, die auch nur annähernd nach HipHop-Kultur aussah. Jetzt ist das Klavier das essenzielle Instrument in Clementines Musikstücken, die von David Bowie genauso zehren wie von Jazz, Operngesängen und Afrofuturismus. Benjamin Clementines Leben ist also durchzogen von starken Gegensätzen. Die einzige Konstante: Er war immer anders. Dementsprechend außergewöhnlich ist auch sein zweites Album "I Tell A Fly".

Benjamin Clementine scheint sich seiner Ausnahmestellung durchaus bewusst zu sein. Immerhin singt er irgendwann auf dem Track "Jupiter" auch "Ben is an alien with extra ability / Pushed time to next century". Glücklicherweise entwickelt sich das Alien-Motiv im Laufe des Albums nicht zu einer absurden Science Fiction-Saga, sondern umreißt schlicht den Außenseiterstatus, den Clementine sich zuschreibt. Sein Album ist fordernd, expressiv und erzählt vom Scheitern am stinknormalen Leben, von stinknormalen Menschen mit stinknormalen Jobs.

Das äußert sich vor allem in der Musik und den wechselnden Klangfarben der Stimme. "I Tell A Fly" ist kein Pop-Album, das auf Effekthascherei aus ist, schreit nicht nach Aufmerksamkeit, bekommt sie aber durch seine Komplexität trotzdem. Clementine spielt das Klavier, das oft einziges Element in den Songs bleibt, bevor seine Stimme einsetzt. Dann tauchen plötzlich weitere manipulierte Stimmen auf, die Unverständliches erzählen, dann an Opernaufführungen erinnernde Chöre, dann Elemente aus Jazz, dann ein Cembalo und immer wieder das Surren von Synth-Tönen, die den Kopf umkreisen wie Miniatur-UFOs kurz vor der Landung.

Stellenweise klingen Clementines Songs wie Mutmacherhymnen für Gescheiterte, doch immer dann, wenn es gefällig werden könnte, fiept es ganz laut, und niemand fühlt sich mehr wohl. "I Tell A Fly" beschreibt auch Fluchtbewegungen, dazu passen diese fragilen Songstrukturen. Menschen verlassen ihre Heimat, haben Hoffnung, doch die Realität ist nicht unbedingt das Paradies, sondern ähnlich lästig wie ein Tinitus-Piepen.

Benjamin Clementine vertont das weltweite Wandern von Menschen, die sich an einem Ort nicht mehr wohlfühlen, weil sie alleingelassen wurden oder sich alleine fühlen; sein Album macht Flucht und Einsamkeit nachvollziehbar. Zumindest Clementine hat auf "I Tell A Fly" seinen Rückzugsort gefunden. Ob man selbst nun alleine ist oder nicht: In diesen Ort einzutauchen, lohnt sich in jedem Fall.

Bewertung ausgezeichnet
CD-Titel I Tell A Fly
Bandname/Interpret Benjamin Clementine
Genre Singer/Songwriter
Erhältlich ab 29.09.2017
Label Caroline
Vertrieb Universal