Tief in der Reben-Welt

Stress mit Vater, Bruder, Schwiegervater und Freundin: Etwas weniger Konfliktstoff hätte es auch getan. Denn der Familienfilm über burgundische Weinbauern zieht ohnehin in den Bann.

Von Andreas Günther

Der Wein und der Wind
Der Familienfilm "Der Wein und der Wind" versetzt faszinierend und charmant in die Welt und das Milieu burgundischer Winzer.   Foto: 2017 Studiocanal GmbH

Andere Länder, andere Trinksitten. Aber nein, pflegen französische Winzer ihren deutschen Gesprächspartnern zu versichern, auch bei Festen kriegen die Kinder hier keinen Wein. Der wird höchstens mit Wasser verdünnt - also ist es kein Wein. Deutschen Erziehungsberechtigten stehen da die Haare zu Berge. Ähnliche Irritationen bietet das Familiendrama "Der Wind und der Wein" (2017, erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand) von Cédric Klapisch. "Sagt mal, was ist das für ein Geschmack?", fragen die Eltern den Nachwuchs. Zwei Jungen und ein Mädchen schwenken Weingläser, schnüffeln nachdenklich an der Öffnung. "Trinkt mal." Sie nehmen einen kräftigen Schluck. "An was für eine Frucht erinnert Euch das?" Die kleine Juliette weiß nicht den Namen, aber dass sie beim Chinesen zu bekommen ist. Die Burgunder Winzer-Eltern sind begeistert. Mit einer prickelnden Mischung aus Faszination und Befremden schaut unsereins solchem Treiben zu. Familienzoff ist da bloß Dreingabe.

Davon hat "Der Wein und der Wind" natürlich reichlich. Zehn Jahre ist es her, dass Jean (Pio Marmai) im Streit mit dem Vater das Weingut der Seinen verlassen hat. Nun kehrt er zurück, weil er und seine Freundin eine Auszeit brauchen und sein Vater im Sterben liegt. Seine Schwester Juliette (Ana Girardot) freut sich über das Wiedersehen. Aber Bruder Jérémie (François Civil) schäumt immer noch vor Wut, wirft Jean vor, die Familie im Stich gelassen zu haben.

Als "Der Wein und der Wind" in Frankreich in die Kinos kam, verdrehte ein Teil der Kritiker missmutig die Augen: Noch so eine Winzersaga, wie das Fernsehen sie am Fließband produziert. Auf deren Erzählmuster greift Regisseur und Co-Autor Cédric Klapisch in der Tat zurück und das nicht einmal sehr geschickt. Arg forciert wirken die Aufregung der Brüder und der Zwist mit dem Vater. Aber solche Schwächen verblassen zur Nebensache, sobald die Geschwister zwischen den Reben stehen, nachdenklich die Trauben kosten - "Probier' mal hier von der Sonnenseite" - und den Beginn der Ernte festlegen: "Ich bin für nächsten Dienstag." - "Nein, spätestens Donnerstag." - "Donnerstag? Das ist in drei Tagen!"

Da ist Klapisch voll in seinem Element. Sogartig zieht er das Publikum in eine Welt und ein Milieu, über das es plötzlich nicht genug erfahren kann. Zumal die kleinen Annäherungen und Entwicklungsschritte der Menschen eine leise anwachsende, rührende und verhalten heitere Wärme verbreiten. "Der Wein und der Wind" hat den Charme reizvoller Fremde und melancholischen Glücks.

Titel Der Wein und der Wind
Studio Studiocanal
Vertrieb Studiocanal
Freigabealter 0
Erhältlich ab 14.12.2017

Der Wein und der Wind
Von klein auf haben die Winzersprösslinge Jérémie (Francois Civil, links), Jean (Pio Marmai) und Juliette (Ana Giardot) gelernt, Weine zu kosten.   Foto: 2017 Studiocanal GmbH
Der Wein und der Wind
Jean (Pio Marmai) kommt aus Australien, als sein Vater im Sterben liegt, und sieht sich in alte Familienkonflikte verstrickt.   Foto: 2017 Studiocanal GmbH
Der Wein und der Wind
Es dauert eine ganze Weile, bis Jérémie (François Civil) und der aus Australien zurückgekehrte Jean (Pio Marmai, rechts) wieder zusammen Spaß haben.   Foto: 2017 Studiocanal GmbH
Der Wein und der Wind
Juliette (Ana Girardot) und Jean (Pio Marmai) nehmen zunehmend gut gelaunt die Weinlese in Angriff.   Foto: 2017 Studiocanal GmbH
Der Wein und der Wind
Ein schöner Ausblick, aber das Land ist hart zu bearbeiten: Das Weingut, das sie nun geerbt haben, stellt Jean, Jérémie und Juliette vor große Herausforderungen.   Foto: 2017 Studiocanal GmbH