Proschat Madani

spielt in "Der letzte Bulle" (ab 06.02., montags, 20.15 Uhr, SAT.1)
Sehnsucht nach Klarheit

Von Eric Leimann (teleschau - der mediendienst)

Proschat Madani
Schauspielerin Proschat Madani sieht in der Erfolgsserie "Der letzte Bulle" unsere Sehnsucht nach einem Leben klarer Einstellungen und Entscheidungen gestillt. SAT.1 / Martin Rottenkolber
teleschau: "Der letzte Bulle" ist einer der größten TV-Überraschungserfolge der letzten Jahre. Was fasziniert die Leute an der Serie?

Proschat Madani: Ich glaube, dass sie eine Sehnsucht nach Klarheit erfüllt. Unser Leben ist so wahnsinnig kompliziert gewordenen. "Der letzte Bulle" zeigt einen Helden, der klare Vorstellungen hat, nach denen er handelt. Er bleibt sich treu und kümmert sich nicht darum, was andere denken.

teleschau: In welcher Hinsicht sehnt sich unser Leben nach Einfachheit?

Proschat Madani: In vielerlei Hinsicht, unter anderem in Sachen Geschlechterfrage. Keiner von uns - weder Mann noch Frau - kennt so richtig seine Rolle in dieser sich wandelnden Zeit. Eigentlich fühlen wir uns doch alle ein bisschen unwohl. Ständig fragt man sich, ob das eigene Handeln politisch korrekt ist oder nicht. Viele trauen sich nicht, so zu sein wie sie sind, weil sie glauben, dann "falsch" zu sein. In unserer Serie kommt nun einer daher, der im positiven Sinne einfach gestrickt ist. Der nicht so viel nachdenkt, sondern spontan handelt, impulsiv. Ein Bauchmensch. Und wir mögen, wie er handelt.

teleschau: "Der letzte Bulle" wendet sich also an schlichte Gemüter?

Proschat Madani: Nein, das meinte ich nicht. "Der letzte Bulle" ist ein Erfolg bei Menschen unterschiedlichen Alters und Herkunft. Neulich outete sich meine Zahnärztin als Fan der Serie. Eine hochgebildete Frau, die mit Fernsehserien sonst nichts am Hut hat. Es geht um den Wunsch nach Klarheit und Einfachheit - und der ist unabhängig von Wissen, Bildung, Stand. Das Ganze wäre jedoch völlig uninteressant, wenn unser Bulle nicht so ein riesengroßes Herz hätte. Erst diese Kombination macht ihn zu einem attraktiven Helden.

teleschau: Ein weiteres Plus der Serie ist jener Nostalgie-Effekt, der über die ständige Befeuerung der Handlung mit 80er- und 90er-Jahre-Musik entsteht ...

Proschat Madani: Da mögen Sie richtig liegen. Wenn ich mir die Serie anschaue und die Musik dazu anhöre, kommen sofort starke Gefühle hoch. In der Regel weiß ich weder, wie das Lied hieß, noch die Band dazu - ich leide bei solchen Dingen leider an Daueramnesie. Tatsächlich habe ich eine ganz schlechte Erinnerung an konkrete Ereignisse von damals. An was ich mich aber sehr gut erinnere, ist ein Gefühl, das mit bestimmter Musik verknüpft ist. Beim "letzten Bullen" sind das Gefühle, die aus tiefer Vergangenheit stammen.

teleschau: Handelt es sich um gute Gefühle?

Proschat Madani: Es sind starke Gefühle. Manche Lieder erinnern mich an eine Zeit, als ich jung und unglücklich war. Das geht sicher vielen anderen Menschen genauso. Aber selbst wenn man unglücklich war - es war eine Zeit intensiver Gefühle. Da wir mit den Jahren in der Regel auch sehr viel abgeklärter werden, sehnt man sich doch ab und zu in diese Phase seines Lebens zurück. Nach dem Motto: Lieber intensives Unglück als mittelprächtiges Glück (lacht).

teleschau: Wissen Sie, warum Ihre Erinnerungen an vergangene Zeiten so schwammig sind?

Proschat Madani: Nein, es wundert mich nur immer - wenn ich Freunde aus meiner Schulzeit treffe - wie viel die noch von der Vergangenheit wissen, was mir völlig entfallen ist. Da werden Szenen geschildert - ich könnte schwören, da war ich nicht dabei. Aber die anderen sind sich sicher, dass ich es war. Ich sehe diese Form von Amnesie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich schaffe es immerhin, die Vergangenheit auszublenden. Wenn ich jetzt noch in der Lage wäre, das Nachdenken über die Zukunft sein zu lassen, würde ich im buddhistischen Sinne im Idealzustand leben. Im Jetzt. (lacht).

teleschau: Der Mann ohne Erinnerung ist in der Serie ja eigentlich ihr Partner Henning Baum. Wird es auf die Dauer nicht langweilig, wenn man beim "letzten Bullen" ewig auf dessen jahrzehntelanges Koma setzt?

Proschat Madani: Auserzählt ist sicher die Tatsache, dass seine Figur Mick Brisgau mit den modernen technischen Geräten unserer Zeit nicht zurechtkommt. Was aber bleiben wird, ist, dass er ein unangepasster Mensch ist. Viele Menschen wünschen sich, so zu sein. So geradlinig, so wenig kompromissbereit. Der einsame Cowboy ist ein bisschen aus der Mode gekommen. Wie denn auch im Zeitalter von Facebook? Und doch sehnen sich viele nach einer Welt, wo es mehr einsame Cowboys gibt, die ihren Weg gehen und weniger angepasste graue Mäuse.

teleschau: Sehnen Sie sich selbst auch in diese Zeit zurück?

Proschat Madani: Ich sehne mich nach einer Gesellschaft, in der ich vermeintlich selbstverständliche Dinge in Frage stellen darf. Ich glaube nicht, dass man in dieser Hinsicht in der 80-ern besser dran war. Wir sollten mutiger sein, was das Infragezustellen betrifft. Wir sehen doch, dass vieles, woran wir geglaubt haben, nicht funktioniert. "Der letzte Bulle" macht die Dinge mit einer Selbstverständlichkeit anders, die imponiert. Deshalb sind die Menschen von ihm fasziniert.

teleschau: Sie stammen aus dem Iran, sind in Österreich aufgewachsen und leben schon lange in Berlin. Welcher Heimat fühlen Sie sich verbunden?

Proschat Madani: Ich fühle mich auf gar keinen Fall deutsch (lacht). Mein Zuhause ist zwischen den Welten. Wenn es nicht so dramatisch klänge, könnte ich sagen: Ich bin heimatlos. Aber ich fühle mich nicht schlecht damit.

teleschau: In welchem Alter haben Sie den Iran verlassen?

Proschat Madani: Ich war zwei Jahre alt - das war lange vor der Revolution. Kindheitserinnerungen habe ich keine an diese Zeit. Dennoch spüre ich eine Vertrautheit zu Menschen iranischer Herkunft, auch zu dieser Sprache. Obwohl ich sie alles andere als perfekt beherrsche. Als ich zur Schule kam, sprach ich kein Wort Deutsch. Damals war mein einziger Ehrgeiz, es zu lernen, damit ich dazugehöre. Ich hörte auf, Farsi zu sprechen. Das mündete in einem äußerst lückenhaften Farsi mit schrecklichem Akzent. Aber ich verstehe alles, wenn sich Perser vor mir unterhalten.

teleschau: Mit ihren Eltern sprechen Sie Deutsch?

Proschat Madani: Mein Vater lebt nicht mehr. Mit meiner Mutter spreche ich Deutsch - mit persischen Einsprengseln.

teleschau: Ist Proschat ein gängiger Vorname im Iran?

Proschat Madani: Mit dem Namen können Sie auch jeden Perser überraschen. Ich kenne niemanden außer mir, der so heißt. Meine Großmutter hat Proschat erfunden und meine Mutter dazu gezwungen, mich so zu nennen (lacht). Seitdem lebe ich mit diesem Namen und trage ihn mit Fassung. Angeblich - so meine Großmutter - gab es mal eine Königin im altpersischen Reich, die so hieß. Ich glaube eher, dass sie sich diese Geschichte ausgedacht hat.

teleschau: Wie nennt man Sie privat?

Proschat Madani: Da gibt es sämtliche denkbare Formen von Kosenamen. Manche sagen Proschi oder Proschatzi. Ich bekam aber auch schon mal einen Brief, der an Popschi Madoni adressiert war. Beliebt ist auch Puschi.

teleschau: Haben Sie gezählt, in wie vielen Rollen Ihrer Schauspielkarriere Sie Ausländerinnen spielen mussten?

Proschat Madani: Nein, aber es waren natürlich sehr viele. Meistens Türkinnen. Ein paar Spanierinnen, Iranerinnen. Araberinnen und Italienerinnen waren ebenfalls dabei. Ich kann es sogar verstehen, dass man mit meinem Aussehen als Ausländerin besetzt wird. Auf der anderen Seite geht das auch ziemlich an der Realität vorbei. Ich lebe in Berlin. Wenn man sich umschaut, wie viele Deutsche hier alles andere als im klassischen Sinn deutsch aussehen, erscheint diese Fernsehrealität umso absurder.

teleschau: Würden Sie dennoch sagen, dass sich da gerade etwas ändert? Sibel Kekilli spielt im Kieler "Tatort" nun auch keine Migrantin mehr, sondern eine Frau namens Sarah Brandt. Auch Ihre Rolle im "letzten Bullen" heißt Tanja Haffner.

Proschat Madani: Ja, ich sehe das genauso. Die Zeiten ändern sich. Langsam kommen wir dahin, dass man nicht unbedingt mehr erklären muss, warum eine Figur in einer deutschen Serie ausländisch aussieht - obwohl sie einen deutschen Namen trägt. Das ist ein großer Fortschritt hin zur Abbildung von Realität. Und auch, wenn sie einen ausländischen Namen trägt und Deutsch spricht, muss man das nicht erklären. Wie im richtigen Leben eben.

Bereich television
Branche Schauspielerin

weiterführende Links:


Proschat Madani
Psychologin mit Durchblick: In "Der letzte Bulle" spielt Proschat Madani die große Liebe von Hauptdarsteller Henning Baum. Den unerwarteten Erfolg der Serie weiß die Berliner Schauspielerin ebenfalls zu erklären. SAT.1 / Martin Rottenkolber
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So lernte man sich kennen: "Psychotante" Tanja Haffner (Proschat Madani) sieht in dem archaischen Mannsbild (Henning Baum) bald mehr als nur ein interessantes "Forschungsobjekt". SAT.1 / Martin Rottenkolber
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