Kristian Kiehling

würde sich in der ARD-Daily "Verbotene Liebe" (montags bis freitags, 18 Uhr) gern mehr einbringen
"Es ist ein positiver Kampf"

Von Teresa Groß (teleschau - der mediendienst)

Analysen über den Zustand der deutschen Film- und Fernsehbranche sind in Interviews mit Soap-Darstellern eher selten. Kritik am eigenen Genre noch viel seltener. Gerade von Genre-Neuling Kristian Kiehling wäre beides nicht zu erwarten gewesen. Doch der 36-jährige gebürtige Däne, der seit Mai als Chef-Designer in der ARD-Daily "Verbotene Liebe" (montags bis freitags, 18 Uhr) mitspielt, nutzt die Gelegenheit, um klarzustellen, dass er sich an einige Aspekte der Soap-Arbeit nicht gewöhnen kann. Der Absolvent des Salzburger Mozarteums springt im Gespräch von Brecht zu Steinbeck, von Hitchcock zum Heimatfilm. Er möchte "die Zuschauer nicht sedieren, sondern anregen", und bedauert, dass seine Verbesserungsvorschläge bei "Verbotene Liebe" nicht so oft Gehör finden wie er es sich wünscht.

Kristian Kiehling
Als neuer Chef-Designer Juri Adam ist Kristian Kiehling seit Mai bei "VL" zu sehen. Privat liest er lieber Romane von John Steinbeck als sich mit Mode zu beschäftigen. ARD / Anja Glitsch
teleschau: Kürzlich verglichen Sie "Verbotene Liebe" in einem anderen Interview mit einer Fischfabrik. Wollen Sie sich mit Ihrem Arbeitgeber anlegen?

Kristian Kiehling: Mitnichten. Ich möchte die Soap mit meinen Möglichkeiten bereichern, wie alle anderen auch. Dieses Format wird unter enormem Zeitdruck hergestellt, und jeder weiß, dass ein gutes Ergebnis Sorgfalt braucht. Wenn wenig Zeit zur Verfügung steht, ist es wirklich nicht einfach, Qualität herzustellen. Die Herausforderung besteht für mich darin, dieser Logik zu trotzen - und ich liebe Herausforderungen!

teleschau: Aber wie war das mit der Fischfabrik denn nun gemeint?

Kiehling: Kennen Sie John Steinbecks "Cannery Row"?

teleschau: Der Roman heißt auf Deutsch "Die Straße der Ölsardinen".

Kiehling: Steinbeck beschreibt Menschen, die in einer Fischfabrik arbeiten und um sie herum leben. In dieser Fabrik macht es keinen Unterschied, ob die Sardinen mit Liebe in die Büchsen gefüllt werden oder ohne Liebe - das Ergebnis ist dasselbe. Was ich damit sagen wollte: Es ist schwierig, in dem maschinellen, normierten Ablauf einer Soap-Produktion etwas Individuelles zu erschaffen. Es ist nicht unmöglich, aber es ist ein täglicher Kampf.

teleschau: Das müssen Sie näher erklären.

Kiehling: Das Arbeitstempo und das Pensum, das wir täglich zu bewältigen haben, sind enorm. Ich bewundere, wie meine Kollegen, die schon länger dabei sind, das aushalten. Womit ich im Voraus nicht gerechnet habe, ist der Umfang, in welchem dem kreativen Prozess der Schauspielerei, also einen Text zum Leben zu erwecken, vorgegriffen wird. Sehr viel von dem, was normalerweise mit der Regie und den Kollegen am Set in mehreren Proben entsteht, wird aus Zeitmangel im Vorfeld gescripted. Das bedeutet: Die Szenenanweisungen sind sehr detailliert und meistens festgelegt. Ich bin hier als Schauspieler quasi gezwungen, meine impulse und Kreativität so weit es mir möglich ist zu unterdrücken. Das irritiert mich natürlich, weil sonst genau das Gegenteil von mir erwartet wird.

teleschau: Die Soap-Fabrik, die Sie da beschreiben, ist aber effektiv: "Verbotene Liebe" ist ein Dauerbrenner und seit 18 Jahren im Programm.

Kiehling: Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin gerne Teil dieser Soap, auch oder gerade weil es für mich eine Art positiver Kampf bedeutet. Einerseits gegen die Strukturen, die darauf ausgelegt sind, Massenware herzustellen. Andererseits gegen die Routine, die sich irgendwann einschleicht und die Kreativität gefährdet. Also versuche ich, immer wieder Schlupflöcher zu finden und Ideen anzubieten, und ich freue mich, wenn Regisseure und Partner darauf eingehen und mich unterstützen.

teleschau: Gefällt Ihnen Ihre Rolle als Chef-Designer Juri Adam, in der Sie seit Mai zu sehen sind?

Kiehling: Mir gefällt, dass Juri nicht als Designer im klassischen Sinne angelegt ist. Ich fand es gut, dass er nicht im Büro arbeiten sollte, sondern sich seine Inspiration auf der Straße, im Großstadtdschungel sucht. Soweit jedenfalls das Rollenprofil. Tatsächlich ist es aber so, dass Juri doch jeden Tag im Büro steht, was ich sehr schade finde. Ein anderes Beispiel: Juri sollte boxen, damit er sich auch von seiner Körperlichkeit her von den anderen Charakteren unterscheidet. Dafür trainiere ich seit Anfang des Jahres zwei- bis dreimal die Woche in einem Kölner Boxstall. Doch bisher gab es nur eine einzige kleine Boxsequenz (voraussichtlich zu sehen am Di., 23.07., d. Red.), mehr nicht. Solche Dinge sind dem Genre und seinem zeitlichen und finanziellen Rahmen geschuldet. Ich muss mich damit abfinden - aber nur unter Protest!

teleschau: Sie wanderten 2005 nach England aus. Gefiel es Ihnen in Deutschland nicht mehr?

Kiehling: Ich wollte schon immer Geschichten erzählen, die die Zuschauer nicht sedieren, sondern sie zum Denken anregen. Das zu verwirklichen, war für mich in Deutschland oft schwer, weil es hierzulande schon seit langer Zeit recht zugeteilt ist, wer was spielen darf. Zumindest in meinem Fall war das immer so. Vielleicht auch wegen meiner äußeren Erscheinung. Wenn du eine gebrochene Nase hast oder eine riesige Narbe im Gesicht, nur dann darfst du auch hier anspruchsvollere Charaktere spielen.

teleschau: Also ist das deutsche Schubladendenken der Grund, warum Sie hierzulande "Traumschiff" drehen und in England eine Kino-Hauptrolle bekommen?

Kiehling: Wolfgang Rademann vom "Traumschiff" hat mir oft geholfen, meine Brötchen zu verdienen und dazu noch in der Welt herumzukommen. Auch in Deutschland habe ich oft interessante Rollen spielen dürfen, zum Beispiel im "Polizeiruf 110" und in der Münchner "SOKO 5113". Aber das waren nur kleine Episodenrollen. Das Schubladendenken der Redakteure und Besetzer hierzulande ist die eine Sache. Aber auch deutsche Drehbücher sind anders als englische. In England sind die Autoren weniger verkopft, erzählen nicht so narrativ wie die Deutschen, sondern situationsgebunden.

teleschau: Und die deutschen Drehbücher?

Kiehling: In einem deutschen Script lese ich oft Sätze, bei denen ich mir sofort denke: "So habe ich noch nie jemanden reden hören!" Oft erinnern mich Deutsche Drehbücher an Deutsche Heimatfilme. Ein Satz ergibt den anderen, alles wird erklärt und erläutert. Wir Schauspieler sind keine Vorleser, wir brauchen keine Erzählungen, sondern Situationen. Deutsche Filmemacher scheinen zu denken, das Publikum möchte alles auf einem goldenen Tablett serviert bekommen und nicht nachdenken müssen. Ich halte das für einen großen Fehler. Man darf ein Publikum nie unterschätzen. Das Publikum ist der König, wie es so schön heißt. Nicht umsonst ist der Marktanteil ausländischer Produktionen hierzulande so groß.

teleschau: Was ist Ihnen im Ausland noch bewusst geworden?

Kiehling: Es gibt bei uns keine richtigen Stars. Nach den großen UFA-Zeiten gab es in Deutschland nie wieder eine Marlene Dietrich oder einen Heinz Rühmann. In Frankreich haben sie ihre Depardieus und Deneuves. Und hier? Man hat eine Katja Riemann und baut sie auf, nur um sie anschließend wieder zu demontieren. Die Lust an der schadenfrohen Demontage einer Person scheint ein deutsches Phänomen zu sein. Meine Theorie ist, dass der Star-Kult mit Hitler untergegangen ist. Seitdem trauen sich die Deutschen nicht mehr, jemanden aus ihren eigenen Reihen als Star zu feiern. Da scheint ein tiefes Trauma in der Branche verborgen zu sein, durch das die Film- und Fernsehbranche meiner Meinung nach der Zeit hinterhinkt.

teleschau: Wenn Sie sich nicht gerade den Kopf über den Zustand der deutschen Film- und Fernsehindustrie zerbrechen, was machen Sie dann in Ihrer Freizeit?

Kiehling: Davon habe ich im Moment wirklich nicht besonders viel. Ich lese für mein Leben gerne. gerade "East of Eden" von dem großen John Steinbeck. Außerdem fahre ich am Wochenende ab und zu nach Berlin, zum Reiten.

teleschau: Klingt dekadent ...

Kiehling: Ganz anders. Stellen Sie sich drei Männer vor, die sich nach getaner Arbeit auf die Pferde schwingen, querfeldein zu einem Gasthof galoppieren und dort über das Leben philosophieren, über Frauen, Politik und andere wichtige Themen. Das sind der Landwirt Peter, der Stuntman Rene und meine Wenigkeit. Ohne diese Wochenenden in der Natur mit meinen Freunden und den Tierchen hätte ich wohl keine Kraft für meine Arbeit. Ein guter Ausgleich zu den langen "Verbotene Liebe"-Drehtagen im Studio ohne Sauerstoff.

Bereich television
Branche Schauspieler

weiterführende Links:


Kristian Kiehling
"Das Arbeitstempo und das Pensum, das wir täglich zu bewältigen haben, sind enorm": Ehrliche Worte von Kristian Kiehling. ARNO
Kristian Kiehling
Der gebürtige Däne Kristian Kiehling spricht neben Lettisch und Dänisch auch fließend Englisch und Russisch. ARNO
Kristian Kiehling
Ich wurde schon mehrere Male darauf hingewiesen, ich möge meine Vorschläge doch in einer Besprechung oder per E-mail anbringen. Das irritiert mich regelmäßig", klagt Kristian Kiehling. ARD / Anja Glitsch
Kristian Kiehling
Würde gern mehr eigene Ideen bei "Verbotene Liebe" einbringen: Kristian Kiehling. ARD / Anja Glitsch
Kristian Kiehling
Weiß, wo's langgeht: Kristian Kiehling. ARD / Anja Glitsch
Kristian Kiehling
Eigentlich ist Kristian Kiehling (hier mit Alena Gerber) eher der schmächtige Typ. Durch intensives Boxtraining legte er sich Muskeln zu, die für seinen Geschmack ruhig öfter bei "Verbotene Liebe" zum Einsatz kommen könnten. ARD / Anja Glitsch
Kristian Kiehling
Fühlt sich bei "Verbotene Liebe" tagtäglich herausgefordert: Kristian Kiehling (hier mit Julia Sontag). ARD / Thorsten Jander