Eels

Eels veröffentlichen "Wonderful, Glorious"
"Liebe deine schweren Zeiten!"

Von Claudia Nitsche (teleschau - der mediendienst)

Eels
Der Albumtitel "Wonderful, Glorious" deutet es an: Eels-Frontmann Mark Oliver Everett alias E verbreitet vorsichtigen Optimismus. Cooperative Music
teleschau: Wo ist der schützende Vollbart hin?

Mark Oliver Everett: Ja, er ist mittlerweile einigermaßen winzig, ehrlich gesagt ist er fast lächerlich und zum Beschützen taugt er so nicht mehr. Aber eigentlich steckt dahinter gar keine philosophische Komponente, es hat mich nur genervt, ihn zu pflegen. Das ist relativ aufwändig.

teleschau: Auch wenn die Rasur keinen symbolischen Wert hat, hört sich der Albumtitel "Wonderful, Glorious" nach positivem Denken an.

Everett: Die Begriffe passen zu den Songs. Es geht darum, dass du dich trotz schlechter Erfahrungen gut fühlen sollst, froh sein, dass du sie überstanden hast. Auch wenn es rumpelig klingt: Liebe deine schweren Zeiten! Sie bringen dich zu guten.

teleschau: Gerüchte besagen, etwas sei völlig anders gewesen bei den Arbeiten an diesem Album. Was war das?

Everett: Das Besondere an diesem Album ist, dass wir ganz ohne Konzept, ohne eine konkrete Idee gestartet sind. Bei allen anderen Alben hatte ich einen Plan.

teleschau: Es war demnach eine aufregende Geschichte, nicht zu wissen, wo man hin will?

Everett: Aufregend und furchteinflößend - es kann ja auch ganz schön schief gehen. Rückblickend war es eine gute Sache, die mir viel Vergnügen bereitet hat. Es gab keine Komplikationen, alles lief schnell von der Hand. Wir brauchten einen einzigen Monat, um die Songs zu schreiben und aufzunehmen. Ich weiß, es klingt nach länger (lacht).

teleschau: Wenn die Aufnahmephase so kurz war, dann hatten Sie in den letzten beiden Jahren ziemlich viel Leerlauf, oder?

Everett: Ja, aber ich brauche immer und immer mehr diese Auszeiten, um mich vom Touren zu erholen.

teleschau: Nichtstun ist nicht die Disziplin, die Sie gut beherrschen.

Everett: Ich beherrsche sie überhaupt nicht. Und 2012 bestand zu großen Teilen daraus, nichts zu tun. Das Highlight des Jahres war der Monat, in dem ich das Album geschrieben und aufgenommen habe. Die restliche Zeit war ich vom Leben ziemlich gelangweilt.

teleschau: Die Überschriften vergangener Alben waren Verlangen, Herzschmerz oder auch Erneuerung. Gibt es im Nachhinein auch eine Überschrift für dieses?

Everett: Ja, wenn man es auf eine einzelne Message herunterschrauben will, ist das: Wir müssen uns selbst helfen, wir müssen uns anstrengen, um das alles hier besser zu machen.

teleschau: Sie sprechen von Wir, und scheinen die Songs zusammen mit anderen Leuten erarbeitet zu haben ...

Everett: Ich habe tatsächlich mehr mit anderen zusammengearbeitet, als das für mich üblich ist ... (Pause) Aber ich bin immer noch der, der die Melodien und die Texte schreibt. Die anderen sind ja nur Musiker (lacht). Aber gute.

teleschau: Statt eines weiteren Liebeskummer-Songs schreiben Sie jetzt mal einen über Freunde ...

Everett: Es stimmt, ich schrieb viel zu viele Songs über Freundinnen, es war Zeit für einen über Freunde. Freunde sind sehr wichtig für mich, das waren sie immer. Schließlich bin ich jemand, der erst in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist, und der dann seine Familie verloren hat ...

teleschau: Waren in diesen Zeiten denn immer Leute für Sie da?

Everett: Ja, das war so. In der Hinsicht hatte ich Glück.

teleschau: Haben Freunde oder Frauen mehr Freude in Ihr Leben gebracht?

Everett: Hm, ich habe viele Songs über Frauen geschrieben (eine lange Pause beendet die Antwort).

teleschau: Wie viele gute Freunde haben Sie?

Everett: 14 (lacht). Nein, keine Ahnung ...

teleschau: Haben Sie eigentlich mal Ihre Songs gezählt?

Everett: Nein, auch nicht. Es gibt ja Unmengen, die ich geschrieben und nicht aufgenommen, geschweige denn veröffentlicht habe. Das kann man schwer zählen. Aber auch die, die ich veröffentlicht habe, habe ich nie zusammenaddiert ...

teleschau: Hat sich das Songschreiben in seiner Bedeutung über die Jahre verändert? Heilt es immer noch?

Everett: Es gab eine Zeit, in der es in erster Linie fürs Heilen stand. Songs zu schreiben ist für mich heute eine Sache, die mich auf ganz verschiedenen Ebenen zufrieden stellt. Und da erfüllt jeder Song, auch durch dessen Stimmung, eine eigene Funktion: Das ist manchmal Therapie, manchmal einfach aufregend oder auch mal purer Spaß. Damit ist diese Arbeit immer noch eine Tätigkeit, aus der ich unglaublich viel ziehe.

teleschau: Sind Sie manchmal unsicher, was die Songs angeht?

Everett: Unsicherheit ist ein Charakterzug, den ich mir generell zuschreibe. Aber am wenigsten in den Songs.

teleschau: Sie werden im April 50. Ist es schwierig für Sie, darüber zu reden?

Everett: Das ist schon okay, ich bin stolz darauf! Als Teenager hätte ich nicht gedacht, dass ich so lange hier bin: Es ist ein halbes Jahrhundert. Ich finde es gut.

teleschau: Ist es Zeit, einige Dinge zu ändern?

Everett: Es ist immer Zeit, Dinge und dich selbst zum Besseren zu ändern, das liegt nicht an den 50.

teleschau: Sie sagten, es geht Ihnen darum, dass wir einander helfen - ist das etwas, das Ihnen selbst heute leichter fällt?

Everett: Oh ja, das ist so. Ich bin viel weicher als früher - eine freundlichere Version meiner selbst. Es gab viele schmerzhafte Lektionen in meinem Leben, aber sie haben mich hierhin gebracht. Vielleicht sind alle großen Lehren schmerzvoll. Meiner schlimmen Stunden war ich mir immer bewusst. Aber ich begriff, dass es auch gute Zeiten gab und wie wertvoll es ist, Leute um dich zu haben, die dir zur Seite stehen. Dies sind die Teile meines Lebens, man muss beides hinnehmen, einzeln gibt es sie nicht.

teleschau: Wer oder was hat Ihnen geholfen, wenn Sie nicht mehr wollten?

Everett: Das war ich selbst, ich habe eine sehr gute Arbeitsmoral. Ich sagte mir: Hey! Hör auf mit der Heulerei, du Baby - und geh zurück an deinen Schreibtisch!

Eels auf Deutschland-Tournee:

07.04., Hamburg, Große Freiheit 36

08.04., Berlin, Tempodrom

22.04., München, Tonhalle

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