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Medien: Keine Rückkehr zum alten Modell
Sabine Metzger (teleschau - der mediendienst)
Zwei große Weisheiten hält die jüngere Popgeschichte für uns bereit: "Video killed the radio star" und "Internet killed the Plattenindustrie" - so oder so ähnlich müsste es heißen, wenn man den Abgesängen der Medien auf die schwächelnden Major-Labels zuhört. Fakt ist, dass es den Großen der Branche mit zunehmender Verbreitung des Internets immer schlechter geht: Alben- und insbesondere Single-Verkäufe brachen dramatisch ein; ein Trend, der bis heute anhält. Musiker und Labels suchen nach Ausweichstrategien.
Versuche, die Entwicklung aufzuhalten oder zumindest durch eigene Downloadangebote wie iTunes oder - in Deutschland - Musicload zu kompensieren, waren nur teilweise erfolgreich: 2008 brach die Zahl der CD-Verkäufe im weltgrößten Musikmarkt USA laut dem Marktforschungsinstitut Nielsen um weitere 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr ein. Gleichzeitig stieg zwar auch die Zahl der bezahlten Downloads - die britische Band Coldplay konnte mit über einer Million digital verkaufter Alben sogar einen Rekord aufstellen -, aber nicht genug, um die Verluste auszugleichen.Woher also bekommen Nutzer die Musik, ohne die Labels oder die Künstler zu entlohnen? Anfangs noch vor allem auf illegalen Wegen, über Netzwerke wie Napster, später auch über Torrent-Systeme. Das gab der Plattenindustrie noch die Möglichkeit, auf juristischem Wege gegen die Zahlungsunwilligen vorzugehen. Doch inzwischen schwenken die meisten auf legale Möglichkeiten um, Musik kostenlos zu hören - und die sind mit Angeboten wie last.fm oder Deezer zahlreich.
Am bedeutendsten unter den Streaming-Angeboten dürfte YouTube sein. Das Videoportal hat mit fast allen Major-Labels Verträge abgeschlossen, nach denen die Musikvideos der dort vertretenen Künstler frei über YouTube abgerufen werden dürfen, im Gegenzug werden die Firmen an YouTubes Werbeeinahmen beteiligt. Ob das allerdings tatsächlich ein lohnendes Modell für die Labels ist oder ob sie nur auf den Deal eingegangen sind, um wenigstens noch überhaupt etwas daran verdienen zu können, ist nicht ganz klar. Warner Music jedenfalls hat mit der Begründung, dass die Höhe der Beteiligung keinesfalls angemessen sei, im Dezember 2008 die Gespräche abgebrochen und kehrte erst vor Kurzem an den Verhandlungstisch zurück.
Trotzdem ist nicht nur Pessimismus in der Branche angesagt, denn das Netz bietet Künstlern auch neue Möglichkeiten, ihre Musik an den Mann zu bringen. Radiohead experimentierten 2007 mit einem neuen Vertriebssystem. Die Band bot ihr Album "In Rainbows" zum Download an - den Preis bestimmten die Nutzer selbst. Das auf den ersten Blick ernüchternde Ergebnis: Rund 60 Prozent luden das Werk herunter, ohne einen einzigen Cent zu zahlen. Andererseits entschlossen sich im Umkehrschluss immerhin 40 Prozent der Nutzer, für etwas zu bezahlen, das sie auch kostenlos hätten haben können.
Radiohead-Manager Brian Message jedenfalls hat jetzt das Unternehmen "Polyphonic" gegründet, mit dem er Künstlern helfen will, ohne Hilfe der Major-Labels über das Internet direkt mit dem Publikum in Kontakt zu treten. "Künstler sind jetzt so weit, dass ihnen klar wird, dass eine Rückkehr zum alten Modell keinen Sinn mehr hat", wird Message von der "New York Times" zitiert. "Sie wollen eine neue Art, die Dinge anzugehen." Junge Künstler ohne Plattenvertrag sollen von Polyphonic zunächst einmal eine Startfinanzierung erhalten, um ihre Musik aufzunehmen. Tournee, PR-Arbeit und Merchandising sollen dann externe Partner übernehmen. Nach Messages "neuer Art" werden die Künstler also zu eigenverantwortlichen Unternehmern, die übers Internet ständig mit ihren Fans kommunizieren.
Ganz neu ist die Idee der direkten Kontaktaufnahme mit den Fans aber auch wieder nicht: Die britische Sängerin Lily Allen hatte schon 2006 ihren Durchbruch und ging dabei den üblichen Weg von der anderen Seite her an: Erst hatte sie sich über ihren Myspace-Blog eine große Fangemeinde aufgebaut, dann bekam sie den Plattenvertrag.
Etwas weniger erfolgreich, dafür feuilletontauglich, setzte die Österreicherin Anja Plaschg das Konzept um: Sie wurde als Soap&Skin bei Myspace bekannt. Und traf bei ihren ersten Konzerten auf ein Publikum, das sie bereits frenetisch feierte. Sie wurde in New York von Fans erkannt - obwohl sie bis dahin gerade mal einen Song beim Berliner Label Shitkatapult veröffentlicht hatte.
Trotzdem: Der Niedergang der Plattenindustrie ist damit noch nicht zwingend; das Internet bietet keine Garantie für Künstler, und seien sie noch so engagiert. Die Glamrock-Band My Baby Wants To Eat Your Pussy beispielsweise hat nicht nur einen Myspace-Zugang, sondern auch eine eigene Homepage mit Community-Bereich, dazu eine Medienseite mit Online-TV, Online-Radio und Online-Magazin. Die Fans, die die Band hat, sind auch sehr treu - nur werden es eben nicht mehr: Die Glamrocker haben ihr erstes Album selbst veröffentlicht, werden von keiner großen Plattenfirma unterstützt; damit fehlt die Präsenz im vermeintlichen Uraltmedium Radio. Doch ohne die ist der Weg zum Ruhm in den meisten Fällen immer noch lang und mühsam. Zu mühsam für manche, meint Brian Message: "Es gibt viele Künstler, die immer noch über die Labels gehen wollen, weil die immer noch die Fähigkeit haben, Hitsingles zu erzwingen."
weiterführende Links:
- Homepage YouTube
- Homepage iTunes
- Homepage musicload
- Homepage last.fm
- Lily Allen bei mySpace
- Anja Plaschg bei mySpace
- Bandpage My Baby Wants To Eat Your Pussy
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