Bundesrepublik Deutschland wird 60



Wie wir wurden, was wir sind – aus Ruinen ins Wohlstandsland.

Startseite Spezial | 1950er | 1960er | 1970er | 1980er | 1990er | 2000er

 Bildergalerie: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland
Zum Starten der Bildergalerie auf Foto klicken.
 

Mit Handy und PC in eine neue Zeit

Von Caroline Bock

Die Mauer war weg, Deutschland wuchs zusammen. Helmut Kohl wurde in den 90er Jahren nicht mehr als „Birne“ verspottet, sondern war auf einmal der Kanzler der Einheit. Dem atemlosen „Waaaahnsinn“ und den Partynächten von Ost und West folgten Alltag, Bananen & Trabi-Witze, Ernüchterung und Selbstverständlichkeit: Gab es sie wirklich einmal, diese Grenze? Als sich die 90er ihrem Ende neigten, war die Ära Kohl vorbei. Globalisierung, Internet und Handy kamen. Latte Macchiato statt Filterkaffee, Bagels statt Brötchen, Talkshows, MTV, E-Mails, SMS: Deutschland machte mit.

Die 90er Jahre begannen eigentlich schon am 9. November 1989 gegen 19.00 Uhr. Der Ost-Berliner SED-Chef Günter Schabowski verkündete auf einer Pressekonferenz unter vielen „Ähs“, dass die DDR-Bürger „sofort“ die neue Reisefreiheit nutzen können. Es ging rasend schnell: Sturm auf die Stasi-Zentrale, Wahlen, Währungsunion, Beitritt, Wiedervereinigung am 3. Oktober, kein Jahr nach dem Mauerfall. Das graue Leben in der DDR, einem maroden Spitzelstaat mit dreckiger Industrie, sollte vorbei sein. Kohl (damals noch mit Brille) versprach „blühende Landschaften“. Deutschland wurde mit Franz Beckenbauer auch noch Fußballweltmeister. Das war kaum zu toppen. Die Enttäuschung folgte bald.

Go West


Mit der Treuhandanstalt war Schluss mit den Staatsbetrieben in der DDR. „Abgewickelt“ fühlten sich manche. Viele Menschen zogen in den Westen, Jobs gingen verloren, die Arbeitslosigkeit wuchs. Im Osten veränderte sich das ganze Leben, ob im Guten oder Schlechten. Im Westen waren die Folgen der Wiedervereinigung längst nicht so dramatisch. Mancher „Besserwessi“ schimpfte über den „Jammerossi“ und fuhr weiter lieber nach Mallorca als nach Rügen. Im Sport war die Einheit vielleicht am schnellsten da; der Westen war stolz auf seine „Ossis“. Jan Ullrich gewann 1997 als erster Deutscher die Tour de France. Im Schwimmbecken sammelte Franziska van Almsick Medaillen.

Neonazis in Springerstiefeln, auch das waren die 90er Jahre. Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Solingen und Mölln wurden zu Synonymen für rechte Gewalt. Es war die Zeit der Lichterketten, aber auch eines neuen, verschärften Asylgesetzes. Innenpolitisch ging es hoch her. Björn Engholm musste 1993 von seinen Posten zurücktreten, eine Nachwehe der Barschel-Affäre. Oskar Lafontaine stürzte 1995 Rudolf Scharping als SPD-Parteichef. Kohl wurde nach 16 Jahren abgewählt. Die Deutschen wollten etwas Neues. 1998 stießen Gerhard Schröder und der schlanke Joschka Fischer auf die erste rot-grüne Bundesregierung an, das „rot-grüne Projekt“. Ein ehemaliger Taxifahrer und Turnschuhträger als erster grüner Außenminister Deutschlands, der auch noch wusste, wie man ein Jackett knöpft und seine US-Kollegin Madeleine Albright umgarnte: Die Republik staunte über Fischer.

Der Kanzler präsentierte sich mal als handfester Kumpel mit Bierflasche, mal als Showlöwe mit Zigarre und Brioni-Anzug. Die Regierung zog von Bonn an die Spree. Kohl musste 1999 in der CDU-Spendenaffäre zugeben, dass er von den schwarzen Konten der Partei wusste. Eine, die öffentlich gegen ihn meuterte, ist heute Kanzlerin: Angela Merkel.

Unpolitisch

Eine besonders politische Generation war es nicht, die in den 90er Jahren erwachsen wurde. Techno wummerte bei der Love Parade durch den Berliner Tiergarten. „Utz-Utz-Utz“-Musik nannten das die, die mit Raves, Ecstasy-Pillen und Trillerpfeifen nichts anfangen konnten und lieber Britpop hörten. Eine Blödelwelle rollte durch das Land. Schlager waren auf einmal nicht mehr peinlich. Der zottelige Hüne Guildo Horn sang beim Schlager-Grand-Prix „Guildo hat euch lieb“ und wurde Siebter.

Im Fernsehen trällerten „Die Doofen“. Heike Makatsch war Moderatorin bei Viva, „Girlies“ hießen rotzige Frauen in den Medien. Im Kino liefen Filme wie „Titanic“, „Schindlers Liste“, „Pulp Fiction“ und „Der bewegte Mann“ mit Til Schweiger. Tattoos und Piercings wurden schick. Männer trugen Hänge-Hosen mit dem Schritt in den Kniekehlen, Frauen Plateauschuhe. Modisch sind die 90er nicht weiter nennenswert, außer dass aus heutiger Sicht die Menschen nicht so schlimm aussahen wie in den 80ern.

Telefonitis

Handys waren zuerst etwas für Angeber und etwa ziegelsteingroß. Bald wollte sie jeder haben. „Surfen“ und „Chatten“ konnte man auf einmal im „Web“, wenn der Computer mit piepsenden und krächzenden Modems online war. Die Telekom bekam Konkurrenz. Telefonieren wurde billiger, der alte Slogan „Fasse dich kurz“ passé. Heute klingt es wie „Opa erzählt vom Krieg“, wenn Berliner von ihren Wohnungen mit Kohleheizung und ohne Telefon berichten, die sie Anfang der 90er im Osten bezogen und in denen sie monatelang auf einen Telefonanschluss warteten.

Im Design setzte die Retrowelle ein. Schlaghosen waren wieder da, Volkswagen brachte den neuen Beetle auf den Markt. Kulinarisch waren Tomaten mit Mozzarella das Höchste der Gefühle. Es war ein relativ sorgloses Leben, verglichen mit dem, was das nächste Jahrzehnt bringen sollte.
21.07.2009