Bundesrepublik Deutschland wird 60



Wie wir wurden, was wir sind – aus Ruinen ins Wohlstandsland.

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 Bildergalerie: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland
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Terrorschock und platzende Blasen

Von Georg Ismar und Detlef Hintze

Deutschland im Sommermärchen: So unbefangen und selbstverständlich wurde nie zuvor gefeiert - mit Schwarz-Rot-Gold. HSt/dpa
Was bedeutet es, wenn der Satz „Nichts wird mehr sein, wie es mal war“ zur Floskel verkommt? Dann muss Weltbewegendes passiert sein. Die „2000er“ sind das Jahrzehnt, in dem in New York Hochhäuser einstürzen und an den Börsen große Blasen platzen. Dazwischen liegt eine vernetzte Welt, die sich immer schneller zu drehen scheint, ein Sommermärchen in Schwarz-Rot-Gold und eine Weltwirtschaft, in der arbeitsteilig rund um den Globus produziert wird. Globalisierung ist das Zauberwort dieses Jahrzehnts.
Der Kölner Politologe Thomas Jäger definiert sie als „die gegen Null tendierende Komprimierung der Faktoren Raum und Zeit für weite Bereiche menschlichen Handelns“. Sind wir nicht immer auf dem Sprung? „Coffee to Go“ wird zum Lebensgefühl, so wie Mittagessen im Stehen, Snacks zum Mitnehmen. Freizeit gewinnt einen wachsenden Stellenwert. Wir haben Freizeitforscher, Freizeitprogramme und Freizeitstress. Welch ein Land, das keine größeren Sorgen hat.

Papstwahl

In Berlin regiert bis zur Mitte des Jahrzehnts noch Rot-Grün. Man besiegelt den Atomausstieg im Jahr 2001 und schaltet am 11. Mai 2005 das Kernkraftwerk Obrigheim ab. 2002 gewöhnt man sich fast überall in Europa nicht nur an den Euro, sondern auch an den Teuro. Die Bildungsstudie Pisa zeigt 2001 die Schieflage deutscher Schulen. Im Jahr 2003 erweist sich Gerhard Schröder als Reformer seines Landes. Doch wegen der Agenda 2010 verzweifeln viele Sozialdemokraten an ihrer Partei. Die Linke etabliert sich 2005 in der Parteienlandschaft. Im gleichen Jahr titelt die „Bild“-Zeitung: „Wir sind Papst“. 480 Jahre sind selbst für die 2000 Jahre alte katholische Kirche eine Ewigkeit. So lange dauert es, bis am 19. April 2005 der Deutsche Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wird. Er nennt sich Benedikt XVI.

Erschüttert wird die Welt am Anfang und am Ende dieses Jahrzehnts von Ereignissen in New York. Am 11. September 2001 bringen Osama bin Ladens Terroristen die beiden Türme des World Trade Centers zum Einsturz. Fast 3000 Menschen kommen ums Leben. Ab diesem Zeitpunkt werden die Islamisten von El Kaida weltweit bekämpft – und Deutschland zieht in Afghanistan in den Krieg. Eine Beteiligung am Irak-Krieg der USA haben Kanzler Schröder (SPD) und Außenminister Fischer (Grüne) im Wahljahr 2005 abgelehnt.

Finanzkrise

Das Jahrzehnt sollte wieder mit einem Paukenschlag in Manhattan enden. Am 15. September 2008 bricht die Lehman Bank zusammen und löst einen Domino-Effekt rund um den Globus aus. Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück geben zur Beruhigung der Deutschen eine bisher einmalige Garantie für alle Sparguthaben – und der Staat pumpt zig Milliarden in notleidende Banken und gibt Bürgschaften in bislang unvorstellbaren Dimensionen. Die seit 2005 in Berlin regierende Große Koalition unter Regierungschefin Angela Merkel steuert Deutschland bislang behutsam durch die Weltfinanzkrise, die sich schon bald in der Realwirtschaft niederschlägt. Noch rettet sich das Land mit Kurzarbeit zum Wahltag im Herbst. Was danach kommt ist ungewiss, wohl eher ein Weiter-so als eine Neuorientierung nach der Krise. Dabei ist auch dieses Jahrzehnt bislang sorgenfrei.

Patriotismus Wir sind grenzenlos frei und wohlhabend. Wir machen ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bolivien, studieren dank Erasmus in Europa, fliegen ein Jahr „round the world“. Wir lernen Sprachen, treffen Monica in Madrid, Julia in Paris und Carlos in Buenos Aires. Die EU schweißt zusammen – wir leben in einer historischen Friedenszeit. Ja, wir werden offener und entspannter, 2006 ist die Welt zu Gast bei Freunden. Es wird der Sommer kollektiven Glücks und eines ungeahnten Patriotismus in Schwarz-Rot-Gold.

Aber an uns nagen auch die Zweifel. Wie und wo will ich leben, bekomme ich einen Job? Aus der Generation Golf wird die Generation Praktikum und kommt nun die Generation Staatsschulden? Das Prekariat ersetzt das Proletariat. Und wir sind Gefangene der schönen neuen Welt. Die Vielfalt überfordert uns, hier das Fitnessstudio, da meine Chats. Die Windows-Melodie beim Rauf- und Runterfahren des PCs ist der Soundtrack der 2000er. Jeder ist mit jedem in Kontakt und fast überall erreichbar. Facebook und StudiVZ lauten die virtuellen Treffpunkte, man googelt – und das Verb „googeln“ steht nun auch im Duden.

Amokläufer

Schon die Jüngsten lernen heute am besten zwei Sprachen, spielen Fußball, Klavier und Schach. Das Turbo-Abi in 12 Jahren kommt und Kindern wird immer mehr das Kindsein geraubt. An den Unis werden Bachelor- und Masterstudiengänge eingerichtet. Nicht alle kommen bei dem steigenden Druck noch mit – und werden abgehängt. Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln wird zur Chiffre für Jugendgewalt. Noch-Kinder kennen fast alle Sexualpraktiken – aber Zuneigung, Liebe und Vertrauen bleiben oft abstrakte Begriffe. Wir suchen auf alles eine Antwort, manches ist aber einfach unerklärlich. Robert S. (Erfurt) und Tim K. (Winnenden, Wendlingen) töten bei Amokläufen 31 Menschen und sich selbst.


28.08.2009