Bundesrepublik Deutschland wird 60



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 Bildergalerie: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland
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Zwischen Terror und Tauwetter

Von Detlef Hintze

Die siebziger Jahre
Vor der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags 1970 kniet Bundeskanzler Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos nieder. A9999 DB dpa (dpa)
Schon im Herbst 1969 deutet sich eine politische Zeitenwende an. Mit Willy Brandt wird erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg ein Sozialdemokrat zum Bundeskanzler gewählt. Die 70er Jahre sollten ein sozial-liberales Jahrzehnt werden. Im Inneren wollen SPD und FDP mehr Demokratie wagen, mehr Freiheit bieten und mehr Mitverantwortung fordern. Außenpolitisch entfaltet das Konzept der Entspannungspolitik seine Wirkung. Tauwetter gegenüber dem Osten, Terrorplage und bleierne Zeiten im Westen.

Im Dezember 1970 geht ein Bild um die Welt: Vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos kniet Bundeskanzler Brandt spontan nieder und bekennt so wortlos die geschichtliche Schuld seines Volkes. Leidenschaftlich streitet Deutschland über die so genannten Ostverträge – mit Moskau, Warschau und Prag. Sie beinhalten eine faktische Anerkennung der durch den Zweiten Weltkrieg geschaffenen Grenzen. Schon im März 1970 gerät Brandts Treffen mit DDR-Ministerpräsident Stoph in Erfurt zu einem wahren Triumphzug. Nicht nur DDR-Bürger erhoffen sich Reiseerleichterungen und Familienzusammenführungen.

Knallbunt

Mode und Möbel, der Konsumalltag schlechthin werden international. In Westdeutschland, ja überall in Europa, werden lange Haare, Lammfellmäntel, Bundeswehr-Parkas mit obligatem Peace-Zeichen, Flower-Power-Jeans, Miniröcke und knallenge Hotpants Kult. Unter jungen Leuten kommen Wohngemeinschaften in Mode, meist spärlich mit Matratzenlager und Sperrmüll möbliert. Soziale Aufsteiger stehen auf bunten Kunststoffmöbeln, farbigen Teppichböden oder seit 1974 auf das andere Möbelhaus mit dem Elch. Design prägt das Bewusstsein. Das Leben in den 70er Jahren ist meist beschaulich, sorgenfrei und was einen Teil der Jugend angeht – rebellisch.

In Wyhl am Kaiserstuhl schlägt die Geburtsstunde der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung. Im Februar 1975 besetzen Hunderte, auch viele Landwirte und Weinbauern, den Bauplatz des dort geplanten Atommeilers. Kurz nach der ersten Räumung durch die Polizei wird das Gelände von 28 000 Demonstranten erneut besetzt, bis die baden-württembergische Landesregierung ihr Vorhaben aufgibt – angeblich mangels Bedarf. Ob in Brokdorf (100 000 Demonstranten), Gorleben oder Wackersdorf – in den 70er und 80er Jahren machen die Atomkraftgegener mobil.

Energiefragen Mit Auto-Fahrverboten 1973 an vier Sonntagen begegnet die Bundesregierung der Ölkrise. Während des Jom-Kippur-Krieges mit Israel drosseln arabische Staaten die Ölproduktion und setzen somit Öl erstmals als Waffe ein. Der Umgang mit den Ressourcen, mit Luft und Natur wird Thema der Öko-Bewegung.

Erste Bioläden, alternative Buchhandlungen, eine eigene Zeitung (taz) und mit den 1980 gegründeten Grünen, eine eigene politische Partei – in Deutschland-West formiert sich Gesellschaftskritik nicht nur auf der Straße, sondern seit Bremen (1979) grün-bewegt auch in den Parlamenten. Revolutionsidole wie Che Guevara oder Jassir Arafat werden ebenso kommerzialisiert wie Protestbewegungen in Kunst, Musik, fernöstliche Sekten oder Heilslehren. Urlaub per Anhalter oder mit dem Interrail-Ticket der Bahn, mit Captain Kirk und Mr. Spock im Raumschiff Enterprise tief ins ZDF-All (1972) stehen hoch im Kurs. Die Gewerkschaften, allen voran Metaller und Drucker, können in diesem Jahrzehnt kräftige Lohnerhöhungen durchsetzen. Über dem Arbeitsmarkt ziehen schon 1973 erste Wolken auf. Die Bundesregierung setzt einen Anwerbestopp für Gastarbeiter durch. 2,6 Millionen Ausländer arbeiten zu diesem Zeitpunkt in Deutschland.

In der deutschen Politik folgt auf den „Bürgerpräsidenten“ Gustav Heinemann (SPD), der singende Walter Scheel (FDP); 1979 „Wanderpräsident“ Karl Carstens (CDU). Im Kanzleramt wird der DDR-Spion Guillaume 1974 enttarnt. Friedensnobelpreisträger Willy Brandt (1971) tritt wegen der Spionage-Affäre 1974 zurück, Finanzminister Helmut Schmidt (SPD) wird neuer Bundeskanzler. Ein Jahr zuvor war der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl CDU-Vorsitzender geworden. Die 80er Jahre sollten sein Jahrzehnt werden.

Rote Armee Fraktion


Die 70er sind ein Jahrzehnt des Terrors: 1975 lässt sich Kanzler Schmidt (SPD) von der „Bewegung 2. Juni“ erpressen und den CDU-Politiker Peter Lorenz gegen fünf inhaftierte Terroristen austauschen. Deutschland kommt dennoch nicht zur Ruhe. In Stuttgart-Stammheim werden die Terroristen Bader, Ensslin und Raspe 1977 zu lebenslanger Haft verurteilt. Ulrike Meinhof hatte sich schon 1976 das Leben genommen. 1977 ermordete die RAF den Generalbundesanwalt Buback, den Bankier Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer. Straßensperren, Fahndungsplakate, Nervosität und neue Anti-Terror-Gesetze – Deutschland erlebt seine bisher stärkste politische Krise. Als die Entführung einer Lufthansa-Maschine nicht zur Freilassung der RAF-Häftlinge führt, nehmen sich die Stammheimer das Leben. Frostig mit Schneechaos im Norden klingt das Jahrzehnt 1979 aus. Politisch hatte der Nato-Doppelbeschluss schon die Agenda für das nächste Jahrzehnt festgelegt.

20.05.2009