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Aufbruch mit gemischten Gefühlen
Von Claudia Ihlefeld
Hippies und Bhagwan, Punk in England, Radio Dreyecksland, Playback Theater und der Schulmädchen-Report, Herbert Feuerstein ist Chefredakteur des MAD-Magazins, die erste Generation der Videospiele beginnt mit Konsolen, im Fernsehen laufen „Bonanza“. „Kojak“ und die „Sesamstraße“. Im Kino schreiben „Der Pate 1 und 2“, „Einer flog über das Kuckucksnest“, „Der Stadtneurotiker“ „Kramer gegen Kramer“, „Apocalypse Now“, „Der letzte Tango in Paris“, „Angst essen Seele auf“ und „Berlin Alexanderplatz“ Filmgeschichten.Die Discowelle und der Popschlager kommen ins Rollen, von Abba über AC/DC, Boney M., Led Zeppelin und Pink Floyd zu The Sweet und Uriah Heep. Frauen und Männer tragen, was der Zeitgeist Langhaarfrisuren nennt, Koteletten umwerben Minirock und Plateauschuhe. Flokatiteppich und Räucherstäbchen erobern Jugendzimmer und Wohngemeinschaften. Und ein katholischer Moralist aus dem Rheinland gewinnt 1972 den Nobelpreis für Literatur: Im selben Jahr noch und ein Jahr nach Erscheinen seines Romans „Gruppenbild mit Dame“ sorgt Heinrich Böll für einen Skandal, als er im Magazin „Der Spiegel“ unter dem Titel „Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?“ für einen menschlichen Umgang mit den Terroristen der RAF plädiert.
Kritik an Springer-Presse
In konservativen Kreisen gilt Böll als „geistiger Sympathisant“ des Terrorismus. 1974 erscheint „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, ein Kommentar zur Gewaltdebatte, der sich kritisch mit der Springer-Presse auseinandersetzt. Die Erzählung wird in über 30 Sprachen übersetzt, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta verfilmen den Stoff mit Angela Winkler und Dieter Laser.
Die kulturellen Signaturen der 70er Jahre sprechen für einen Aufbruch mit gemischten Gefühlen: In dem von Renate Matthaei 1970 herausgegebenen Buch „Trivialmythen“ bezeichnet der Schweizer Autor Urs Widmer Mythen als starre, reduzierte Abziehbilder von dem, was wir Wirklichkeit nennen.
Innerhalb der Kunst spitzt sich die Abneigung gegenüber dem Musealen und Akademischen zu. Joseph Beuys erweitert seine künstlerische Tätigkeit in den Bereich der praktischen Politik und gründet 1971 die „Organisation für direkte Demokratie“. Ausgehend von der Gleichung Kunst ist Leben, Leben ist Kunst, praktiziert der Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie den offenen Zugang seiner Klassen für alle. Beuys führt den etablierten Lehrbetrieb ad absurdum – und wird entlassen.
Internationale Beachtung findet das Tanztheater der Pina Bausch seit den 70er Jahren. Die alternative Primaballerina macht den Emanzipationsrückstand der Frau und den Geschlechterkampf in einer beschädigten Welt sinnlich nachvollziebar.
22.05.2009













