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Aufbruch in eine neue Zeit
Von Detlef Hintze
Seit dem 13. August 1961 ist Berlin durch eine Mauer geteilt. Verwandte und Nachbarn suchen Blickkontakt mit ungewöhnlichen Hilfsmitteln. HSt/dpa
Es wird ein Jahrzehnt des Knisterns vor Spannungen – in der Politik liegen sie zwischen Ost und West, zwischen CDU/CSU und SPD, in der Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. In diesem Jahrzehnt sollte die Welt für die nächsten 30 Jahre geteilt sein zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wird der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West undurchlässig. In diesen Tagen, wie wenige Monate später in der Kuba-Krise, stehen alle am Rande eines dritten Weltkriegs. Hamsterkäufe, Vorräte anlegen, Nachrichten verschlingen – selten haben politische Spannungen in der Nachkriegszeit den Alltag in diesem Ausmaß erreicht. Die Generation des Wiederaufbaus hat schließlich etwas zu verlieren – Frieden, Freiheit und Wohlstand.15 Jahre nach Kriegsende herrscht in Deutschland-West Hochkonjunktur. Mit der Vollbeschäftigung wird das Land wohlhabender. Durchschnittlich verdient man im Westen 5746 D-Mark im Jahr und zahlt 1366 D-Mark Steuern. Stufenweise wird schon 1960 die 40-Stundenwoche eingeführt. Man geht aus – zum Italiener um die Ecke oder in die Diskothek zum Tanzen. Mit der Reisewelle gen Süden in die Heimat der so genannten Gastarbeiter wird der Tourismus als Wachstumsbranche regelrecht beflügelt. Am Teutonengrill holen sich die Deutschen zudem einen Schuss Weltoffenheit.
Go West
Zu Hause wird die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft meist eher verdrängt. In Bonn muss zwar der ein oder andere Politiker wegen seiner Nazi-Verstrickungen gehen. Zur gleichen Zeit schafft es aber Konrad Adenauer, die Verständigung mit Israel auf den Weg zu bringen. Und dem ersten Nachkriegskanzler gelingt noch etwas, was rückblickend als Leistung mit europäischer Dimension gewürdigt wird: die Aussöhnung mit Frankreich durch Städtepartnerschaften und die Gründung des deutsch-französischen Jugendwerks (1963). Deutschlands Zukunft liegt in Westeuropa – das ist Hoffnung und politischer Konsens bis weit in die 60er Jahre hinein.
Wer kürzlich die Begeisterung für den amerikanischen Präsidenten Barack Obama erlebt hat, kann vielleicht ermessen, wie nahe den Deutschen das Schicksal John F. Kennedys gegangen ist. Am 23. Juni 1963 jubeln ihm Zehntausende in der geteilten deutschen Hauptstadt zu, als er sein Bekenntnis ablegt: „Ich bin ein Berliner“. Fünf Monate später fallen die Schüsse in Dallas/Texas und der Hoffnungsträger einer ganzen Generation ist tot. Wenig beachtet hat er den Deutschen einen Weg in die Zukunft gewiesen: „. . . lassen Sie uns mit den Gegebenheiten fertig werden, so wie sie wirklich sind, nicht so, wie sie hätten sein können und wie wir sie uns gewünscht hätten.“ Es sind bewegende und bewegte Jahre und Kennedy hat mit diesem Zitat die Basis gelegt für die spätere Entspannungspolitik von Willy Brandt und Walter Scheel in den frühen 70er Jahren.
In Deutschland wird der 87jährige Adenauer 1963 von Ludwig Erhard als Kanzler abgelöst. Zwischen Bonn und Ostberlin gibt es ein eisiges Klima der Nichtbeachtung. Erst 1964 dürfen Ostrentner zum Verwandtenbesuch wieder gen Westen reisen. Seit 1965 bombardieren die USA Nordvietnam. In Deutschland bremst erstmals nach dem Krieg ein Konjunktureinbruch das Wirtschaftswunder. Im Streit mit den vier FDP-Ministern über das Haushaltsdefizit muss Erhard als Kanzler zurücktreten. Nachfolger wird der Schwabe Kurt Georg Kiesinger, der zusammen mit SPD-Chef Willy Brandt eine Große Koalition bildet.
Blumenkinder
Die Jugend wird dieses Jahrzehnt auch in Deutschland prägen: Mit Rock’n-Roll und Lederjacke haben die so genannten Halbstarken schon 1960 randaliert. Gegen Ende des Jahrzehnts rebellieren die Studenten – gegen Hochschulstrukturen und gegen den US-Krieg in Vietnam. Zwischen dem Bikini-Verbot im örtlichen Freibad von Mettingen und dem extra kurzen Mini-Rock (1966) liegen nur vier Jahre. Es sind Welten. Aus Wohlstandskindern werden Blumenkinder, und während die Welt der ersten Mondlandung am Fernseher zuschaut, trifft sich die Hippiebewegung in Woodstock zum größten Rockkonzert der Geschichte.
Neue Impulse
Die Anti-Baby-Pille fördert die sexuelle Befreiung und stellt tradierte Moralvorstellungen in Frage. 1967 wird in Berlin die legendäre Kommune 1 gegründet. Nach dem Tod des Studenten Benno Ohnesorg 1967, besonders aber nach den Schüssen auf den Studentenführer Rudi Dutschke Ostern 1968 verfestigt sich die Außerparlamentarische Opposition (Apo). Deutschlands Jugend sucht Vorbilder: in Maos China, bei Indiens Gurus oder Che Guevaras Stadtguerilla. Es bleibt ein kurzer Sommer der Illusionen. Russische Panzer wälzen den Prager Frühling nieder – die Welt ist wieder im Ost-West-Konflikt angekommen. Dennoch: Viele Impulse aus der Studentenbewegung führen zu veränderten Lebensgewohnheiten. Die Mode wird bunt bis schrill, neue Familienformen und antiautoritäre Erziehung werden erprobt. Freizügigkeit in jeder Beziehung ist das Ergebnis dieses Jahrzehnts – in Aufruhr und Aufbruch. Aufs Knistern folgt Entspannung – im nächsten Jahrzehnt.
20.04.2009













