Bundesrepublik Deutschland wird 60



Wie wir wurden, was wir sind – aus Ruinen ins Wohlstandsland.

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 Bildergalerie: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland
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Wunder der Vollbeschäftigung

Von Detlef Hintze

Weil in Deutschland 1951 die Preise explodieren, fordert der Vater des deutschen Wirtschaftswunders, Ludwig Erhard, mehr staatliche Eingriffe. Db (dpa)
Die Zigarre ist das Symbol für den Erfolg in den 50er Jahren: Bei Ludwig Erhard, dem ersten Bundeswirtschaftsminister und Vater des deutschen Wirtschaftswunders, geht sie kaum aus. In der Industrie qualmen die Schlote rund um die Uhr und künden von Wachstum, deutsche Kohle und Stahl sind weltweit gefragt. Und so prägt die Londoner „ Times“ bereits im Jahre 1950, fünf Jahre nach Kriegsende, das geflügelte Wort vom „Wirtschaftswunder“. Dabei ist längst nicht alles Gold, was glänzt.

Das Wenige, was die Menschen noch haben, steckt oft in Koffern oder Kartons. Der Zweite Weltkrieg hat 13 Millionen Flüchtlinge in Deutschland wie Treibsand an Land gespült. Für 16,4 Millionen Haushalte gibt es 1950 gerade einmal 10,1 Millionen Wohnungen. Man lebt in Baracken oder Bretterverschlägen. Beengtes Wohnen sollte schon bald Wohnwelten revolutionieren: Klapp-Sofas, Nierentische oder Cocktailsessel. Menschen kämpfen mit dem Alltag und ums Überleben. Die Arbeitslosenquote beträgt 13,5 Prozent – neun Jahre später sind es nur noch 0,6 Prozent und somit, kaum zu glauben, Vollbeschäftigung. Das Kriegstrauma, die verdrängte Schuldfrage – der Publizist Eugen Kogon sagt damals, dass Angst und das Bedürfnis nach Sicherheit und Bequemlichkeit stärker waren als Mut, Wahrheit und Opfer.

Staatsgründung

12. September 1949: Theodor Heuss wird Bundespräsident. Rohwedder (dpa)
Die großen Weichenstellungen sind alle im Jahr 1949 erfolgt. Am 23. Mai tritt das Grundgesetz als provisorische Verfassung für die drei westlichen Besatzungszonen in Kraft. Es ist die Geburtsstunde des demokratischen Nachkriegsdeutschlands. Doch anders als 1989 beim Fall der Mauer, verfolgen die Menschen das eher mit Gleichmut. Bonn wird Bundeshauptstadt, Theodor Heuss erster Bundespräsident, Konrad Adenauer Regierungschef und der Mann mit der Zigarre, Ludwig Erhard, sein Wirtschaftsminister. Im Rückblick werden die Adenauer-Jahre – er regiert bis 1963 – oft als bieder, verstaubt und engstirnig charakterisiert. Doch dieser Patriarch hat Deutschland in den Westen geführt – und damit eine 40jährige Teilung des Landes in Kauf genommen. Dem „Alten von Rhöndorf“ ist die Aussöhnung mit Frankreich, der Beitritt Deutschlands zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die Heimkehr von 10 000 Kriegsgefangenen aus sowjetischen Lagern zu verdanken.

In den 50er Jahren wird der Eiserne Vorhang, der Deutschland und Europa teilt, immer undurchlässiger. Es ist die Hochzeit des Kalten Krieges und die beiden Teile Deutschlands integrieren sich in zwei sich feindlich gegenüberstehenden Militärblöcken. Deutschland-West gehört seit 1955 zur Nato und Deutschland-Ost zum Warschauer Pakt. In Ostberlin hatte 1949 die Sozialistische Einheitspartei (SED) die Macht übernommen. Am 17. Juni 1953 gehen Hunderttausende auf die Straßen des Arbeiter- und Bauernstaats gegen erhöhte Arbeitsnormen. Ohnmächtig schaut der Westen zu, wie sowjetische Panzer den Aufstand niederwalzen. Der 17. Juni wird im Westen fortan zum Tag der Einheit.

Lebensfreude

15. September 1949: Konrad Adenauer wird erster Bundeskanzler. A1750 Egon Steiner (dpa)
Doch so richtig interessiert an Politik sind die Deutschen nicht. Besorgt werden wohl die Nachrichten über die Kriege in Korea oder Indochina, den Volksaufstand in Ungarn (1956) oder die Revolution auf Kuba (1959) verfolgt. Im Westen Deutschlands wird vor den Gefahren eines Atomkriegs gewarnt und gegen einen Rüstungswettlauf demonstriert. Entnazifizierung und Wiederaufbau des Landes mit Hilfe der alten Eliten schreiten voran. Und so wie sich im Osten erst unter Otto Grotewohl und später unter Walter Ulbrich eine sowjetische – anfangs stalinistische – Prägung von Land und Leuten durchsetzt, gibt es im Westen geradezu eine Amerika-Begeisterung – ob Jeans oder Kaugummi, Musik oder Kinofilme, selbst das schnelle Hüftkreisen mit Hilfe eines Hula-Hoop-Reifens ist 1958 angesagt. Die ersten Perlon- und Nylonstrümpfe kommen auf den Markt. Stolz der Preis mit 12 D-Mark. Ein Industriearbeiter verdient 1,39 D-Mark in der Stunde. Gegen Gewerkschaftsproteste kommen schon 1955 die ersten so genannten Gastarbeiter aus Italien. Beim Einkaufen wird immer seltener bedient. Man bedient sich selbst, 1950 zunächst in 39 SB-Läden und 1959 immerhin schon in 18.000.

Erster Wohlstand Das politische Vertrauen in die USA scheint grenzenlos. 1959 hat sich die SPD mit ihrem Godesberger Programm von Karl Marx verabschiedet und auf den Weg zum demokratischen Sozialismus gemacht. Von da an geht es für die Sozialdemokratie bei den Wahlen bergauf.

Zwischen 1950 und 1960 hat sich das Bruttosozialprodukt in der Bundesrepublik verdreifacht. Schon 1955 läuft der millionste VW-Käfer vom Band. Ein Jahr zuvor wird in Duisburg die erste Parkuhr aufgestellt. Sommer, Sonne, Vespa – die Bundesbürger entdecken bella Italia und die erste Reisewelle gen Süd kommt ins Rollen. Und den Daheimgebliebenen bringt das neue Fernsehen die weite Welt ins Wohnzimmer. Die Wirtschaft floriert und mit ihr die Demokratie im Westen. Gleichzeitig wächst im Osten die Unzufriedenheit über Mangelwirtschaft und Unfreiheit bis die DDR 1961 das Schlupfloch Berlin durch eine Mauer schließt.


27.03.2009